Ein Punkt hatte Inter Mailand in diesem Jahr zum lang ersehnten Scudetto gefehlt. Dem Traum von der italienischen Meisterschaft, für die Juventus Turin seit nunmehr neun Jahren ein Dauerabo hat, war man seit dem letzten Ligatitel 2010 nicht mehr so nah. Ein Lichtblick nach der ewigen Tristesse des vergangenen Jahrzehnts, in der man teilweise drohte, in die Bedeutungslosigkeit abzurutschen, und ein vierter Platz in der Liga als Erfolgserlebnis verbucht wurde.

Im Europa-League-Finale gegenden FC Sevilla verpasste man es ebenfalls nur knapp, die Saison mit einem Titel zu krönen. Gegen die Andalusier musste man sich mit 2:3 (2:2) geschlagen geben.

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Trotz der erfreulichen Spielzeit ist im Verein längst nicht alles Friede, Freude, Eierkuchen. Der Hauptgrund dafür ist Trainer Antonio Conte. Der Heilsbringer, der Mann, der Inter wieder träumen lässt. Der Coach, der für die Mission der Wiederauferstehung angeheuert wurde. Ausgerechnet er machte vor dem Endspiel aus der Final- eine Endzeitstimmung.

Conte: "Mussten monatelang Scheiße fressen"

"Wir werden das alles am Ende der Saison besprechen, ich muss den Präsidenten treffen", lauteten die vielsagenden Worte, die Conte auf der Pressekonferenz nach dem letzten Serie-A-Spieltag vor zwei Wochen wählte und für Unruhe sorgten. Zuvor erklärte er, es sei für ihn "persönlich ein hartes Jahr, sehr hart", um anschließend auszuholen: "Ich glaube nicht, dass die Arbeit der Spieler gewürdigt wurde. Ich glaube nicht, dass meine Arbeit gewürdigt wurde und wir alle wurden vom Klub sehr wenig geschützt."

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Der 51-Jährige hatte es insbesondere auf die Vereinsführung abgesehen. "Ein großer Klub sollte seine Spieler besser schützen. Ich mag keine Leute, die auf einen Zug aufspringen, davon habe ich in diesem Jahr bei Inter sehr viele gesehen", warf er den Verantwortlichen vor und ätzte sogar noch weiter. "Ein Haufen Scheiße" sei über ihn und seinen Spielern ausgekippt worden. "Wir mussten monatelang Scheiße fressen und bekamen null Schutz", polterte der ehemalige italienische Nationaltrainer: "Ich kann im ersten Jahr ein Blitzableiter sein, aber wenn man nicht lernt und immer wieder die gleichen Fehler macht, ist das einfach verrückt."

Allegri und Pochettino als Nachfolger?

Italiens Medienlandschaft war sich nach den deutlichen Worten einig, dass Trainer und Verein getrennte Wege gehen werden. Mit Massimiliano Allegri, der bis vergangenen Sommer Juventus Turin coachte, und Mauricio Pochettino, Vorgänger von José Mourinho bei Tottenham Hotspur, wurden sogar schon zwei Kandidaten für die Nachfolge gehandelt.

Jedoch wäre ein Conte-Abgang kaum zu fassen, nachdem er den Klub innerhalb eines Jahres umgekrempelt und zu einem Team geformt hat, das national und international um Titel mitspielen kann. "Ein Abgang von Conte wäre ein komplettes Versagen von Inter", schätzt Samuele Ragusa von Eurosport Italien die Situation ein: "Die Wahl für Conte war der erste Schritt für eine Erneuerung", erklärte der Experte, diese wäre mit einem Abgang sehr gefährdet.

Mit dem Triumph in der Europa League hätte der Ex-Juve-Coach seine Premierensaison veredeln und viele Argumente auf seine Seite bringen können. Die Brandrede Contes wurden in der Chefetage sicherlich nicht vergessen, dennoch gibt die zwar titellose aber dennoch erfolgreiche Saison dem Cheftrainer recht, die Klub-Bosse müssen wohl trotzdem an Conte festhalten – sonst droht ein Horrorszenario, das weitreichende Konsequenzen nach sich ziehen würde.

Der sowieso schon wechselwillige Angreifer Lautaro Martínez wäre mit Sicherheit nicht mehr zu halten und auch Romelu Lukaku würde seine Zukunft in Mailand überdenken. "Die Verbindung zwischen dem belgischen Stürmer und seinem Trainer scheint unauflöslich und ein möglicher Abgang von Conte kann auch Lukaku direkt beeinflussen", erklärte Ragusa. Sollten die Spieler sich mit Conte verabschieden, würde Inter sein absolutes Herzstück verlieren.

Doch das betrifft auch andere Kaderteile: Achraf Hakimi kommt ebenfalls aufgrund der Überzeugungskraft des Apuliers, ebenso war es sein Wunsch, Alexis Sánchez fest zu verpflichten.

Romelu Lukaku (l.) und Lautaro Martínez bilden aktuell das Sturm-Duo bei Inter Mailand

Fotocredit: Getty Images

Mailand wartet auf eine Entscheidung

Der Coach scheint aber trotz aller Unzufriedenheit bereit, bei den Mailändern eine Ära zu prägen. "Zweiter zu werden, heißt der erste Verlierer zu sein", machte Conte zuletzt seine Ansprüche deutlich. Auch Ragusa bestätigt: "Der Misserfolg ist für Conte unerträglich, und eine Saison ohne Trophäen kann für ihn als großer Misserfolg angesehen werden."

Das Endspiel gegen den FC Sevilla, "das wichtigste Match", wie Conte es im Vorfeld betitelte oder auch "die Chance, einen großen Pokal zu gewinnen", konnte man jedoch nicht für sich entscheiden. Für den Cheftrainer könnte es seine letzte Partie als Mann an der Seitenlinie für die Nerazzurri gewesen sein.

Italien-Experte Ragusa ist aber zuversichtlich: "Ich denke, dass Antonio Conte nach der Begeisterung der letzten Spiele den Willen hat, zu bleiben." Dennoch warnt Ragusa vor dem Temperament des 51-Jährigen: "Er ist eine tickende Zeitbombe, du musst nur vorsichtig sein, sie nicht auszulösen."

Nach dem verlorenen Finale wartet ganz Mailand nun gespannt darauf, was Conte zu sagen hat. Sollte er sich nicht verabschieden, müssen die Inter-Verantwortlichen einen Entschluss fassen. Tolerieren sie dessen Aussagen und beugen sich dem Trainer oder beendet man die Ära Conte so schnell wieder, wie sie eingeläutet wurde?

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