Was muss ein Trainer anstellen, um aus seiner Mannschaft nach Höhenflügen weiter das Maximale herauszuholen? Es ist eine Frage, die sich Jürgen Klopp in diesem Sommer stellen muss - und auf die es mehrere Antworten gibt.
Einen Teil davon hat er bereits gefunden. "So lange wir bescheiden bleiben, haben wir gute Chancen, in der Zukunft erfolgreich zu sein", dozierte der Meistermacher in einer Presserunde.
Er selbst strotze noch immer vor Energie. "Ich habe nur ein Problem: Ich kann nicht nur ein bisschen was tun, bei mir gibt's nur Alles oder Nichts", so Klopp vor wenigen Tagen im Gespräch mit dem "kicker". Diese Haltung, diese Energie hat er auf seine Spieler übertragen, es wird allerdings neuer Ziele bedürfen, um diesen Zustand zu erhalten.
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Jürgen Klopp kann eine Ära prägen

Die Vereinsführung hat natürlich erkannt, dass mit Klopp einer gekommen ist, der eine Ära prägen kann wie einst Bill Shankly oder Kenny Dalglish, der letzte Liverpooler Meistertrainer vor Klopp. Der Klub reagierte entsprechend und verlängerte Klopps Arbeitspapier im vergangenen Dezember um zwei Jahre bis 2024.
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Eine lange Zeit, die auch die Frage aufwirft, was da jetzt eigentlich noch kommen soll. Klopp hat alle Titel abgeräumt, die in den Augen des Vereins und seiner Fans wirklich zählen - sieht man einmal vom FA Cup ab.
Allein darauf lässt sich freilich keine ganze Saison aufbauen, auch wenn es sich um den ältesten Fußball-Wettbewerb der Welt handelt. Klopp wird seinen Profis noch ein paar andere Motivationsspritzen geben müssen, will er das exorbitant hohe Niveau halten.

James Milner - Jürgen Klopp | FC Liverpool

Fotocredit: Getty Images

Eine schwere Aufgabe, einerseits. Andererseits beherrscht kaum ein anderer Trainer die Kunst der Motivation so gut wie Klopp. Es gehört quasi zu seiner DNA als Coach.
"Meine Spieler so glücklich zu sehen wie im Moment, bedeutet mir alles. Das ist der Grund, warum ich meinen Job mache", betonte Klopp im Interview mit dem vereinseigenen TV-Sender "LFC TV".
Die Bilder, wie die Mannschaft die erste Meisterschaft seit 30 Jahren auf dem Platz gefeiert haben, werde er nie vergessen. "Das ist mein Treibstoff, mein Benzin, wenn sie so wollen."

FA Cup und Rekorde - Liverpools neue Ziele

Der Tank ist also voll, um im Bild zu bleiben. Klopp wird das nutzen, um die Mannschaft einzuschwören auf die neuen Ziele. Der FA Cup, den Liverpool letztmals 2006 gewann, gehört dazu. Mit einem weiteren Titel in der Premier League würde man zu Rekordmeister Manchester United aufschließen - auch das eine verlockende Aussicht.
Und dann ist man zuletzt ja zweimal nur knapp am Liga-Punkterekord von Manchester City vorbeigeschrammt, das in der Saison 2017/2018 auf 100 Zähler kam.
Wie gut Klopp seine Mannschaft motivieren kann, zeigen auch die ersten Jahre seiner Amtszeit, die durchaus Frustpotenzial bargen. 2016 verlor man sowohl das Finale im Ligapokal als auch das in der Europa League. Zwei Jahre später folgte das traumatische Champions-League-Finale gegen Real Madrid, das mit 1:3 verloren ging und von zwei kapitalen Torwartfehlern aufseiten der Reds geprägt war.

"Wir folgen ihm, wir glauben an ihn"

Klopp analysierte die Lage, motivierte die Mannschaft neu, lotste mit Alisson Becker den vielleicht besten Schlussmann der Welt an die Anfield Road. Damit hatte er das Gesamtpaket zusammen, was die bekannte Titel-Flut nach sich zog.
Nun allerdings stehen Klopp und die Seinen vor der wohl höchsten Hürde. Der Erfolg will bestätigt werden, vor allem in der Liga und der Königsklasse. Es ist eine Binsenweisheit im Sport, dass es weitaus schwerer ist, an der Spitze zu bleiben als an dieselbe zu kommen.
Die psychische Belastung wird dabei eine wichtige Rolle spielen, wobei es da zwei Lesarten gibt. Auf der einen Seite ist man nun auch in der Liga der Gejagte, was den Druck steigen lässt. Auf der anderen Seite ist der Bann nun gebrochen, die 30-jährige Leidenszeit ist zu Ende. Da lässt es sich theoretisch freier aufspielen.
Hört man sich im Kreis der Spieler um, steht nicht zu befürchten, dass es Klopp misslingen könnte, seine Profis weiter zu pushen. "Wir folgen ihm. Wir glauben an ihn. Er hat uns an diesen Punkt gebracht", gab Kapitän Jordan Henderson einen Einblick ins Innenleben des Kaders - und ist selbst das beste Beispiel.
Der 30-Jährige wuchs unter Klopp über sich selbst hinaus und wurde erst vor ein paar Tagen zu Englands Fußballer des Jahres gewählt. "Er hat über die Jahre Wege gefunden, mit jeder Situation umzugehen", so der Teammanager.
Eine Qualität, die der gesamte Klub nun braucht im ersten Jahr als Titelverteidiger seit 30 Jahren. Große Investitionen in Neuzugänge soll es dem Vernehmen nach aber nicht zwingend geben, und das liegt nicht nur an Budgetkürzungen infolge der Corona-Pandemie.
"Schauen sie sich diese Mannschaft an, es ist keine, die man jetzt unbedingt ändern muss, wo man sagt 'Okay, wir brauchen diese Position und jene Position'", betonte Klopp im Interview mit der "Sport Bild". Gerüchte gibt es natürlich trotzdem.

Blutauffrischung würde Liverpool guttun

Vor allem Bayern-Profi Thiago Alcántara wird seit Wochen mit Liverpool in Verbindung gebracht. "Ein toller Spieler, aber ein Spieler von Bayern München", antwortete Klopp auf entsprechende Nachfragen der Presse. "Es gibt dazu im Moment nichts zu sagen."

Bayern-Star Thiago zu Liverpool? Das sagt Klopp

Dennoch ist trotz aller Erfolge klar, dass eine Blutauffrischung dem Team nur helfen kann, wie Fußball-Experte Pete Sharland von Eurosport in Großbritannien erläutert. "In der kommenden Saison wird Liverpool auf Gegner treffen, die sich noch weiter hinten reinstellen. Thiago wäre da mit seiner Spielintelligenz und seinen präzisen Pässen in der Offensive eine massive Verstärkung."
Darüber hinaus würde der Transfer den internen Konkurrenzkampf beleben, zumal mit Dejan Lovren und Adam Lallana zwei erfahrene Spiele den Verein verlassen. Für Innenverteidiger Lovren soll der LFC laut "Bild" mit Ozan Kabak vom FC Schalke 04 bereits einen Nachfolger ins Visier genommen haben.

Volles Stadion, volle Straßen, voller Erfolg - der Liverpool-Traum

Und dann gibt es da noch einen emotionalen Aspekt, der sich in der neuen Spielzeit positiv auswirken könnte. Die gesamte Mannschaft bedauerte sehr, dass man die Meisterschaft vor leeren Rängen einfahren und auf die berühmte Anfield-Atmosphäre verzichten musste. Eine Bus-Parade durch die Innenstadt fiel natürlich ebenfalls flach. Und auch wenn Klopp ankündigte, die Feierlichkeiten nachholen zu wollen, sobald es die Umstände wieder zulassen, ist der Moment futsch.
Eine Titelverteidigung oder zumindest eine Meisterschaft in näherer Zukunft mit allem drum und dran wäre eine Riesensache für den Klub und die Stadt. Klopp hat sich jedenfalls die nötige Zeit "freigeblockt", um den Traum wahr zu machen. "Ich stehe hier noch vier Jahre unter Vertrag", stellte Klopp klar. "Aus heutiger Sicht habe ich absolut vor, das auch mindestens zu erfüllen. Ich sage mindestens!"
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