Thomas Tuchel ist sportlich seit jeher über jeden Zweifel erhaben. Das, was er während seiner Laufbahn als Trainer anpackte, wurde meistens zu Gold. Doch eines stand dem Alchemisten bislang stets im Wege: Sein schwieriger Charakter, Komplikationen im zwischenmenschlichen Bereich.
Tobias Schächter und Daniel Meuren, die Tuchels Wirken in "Thomas Tuchel: Die Biografie" zu Papier gebracht haben, stellten fest, dass der gebürtige Krumbacher schon zu Beginn seiner Karriere polarisierte. Beim FSV Mainz 05, Tuchels erster Station im Profi-Bereich, sei er bereits "ungeduldig, bisweilen cholerisch, unnachgiebig und nachtragend gewesen."
Ex-Torhüter Heinz Müller, der zwischen 2009 und 2014 mit Tuchel bei den Rheinhessen arbeitete, bezeichnete seinen Übungsleiter gar als "Diktator". In Dortmund, wo Tuchel von 2015 bis 2017 tätig war, äußerten sich die Probleme noch deutlicher. Zwar ließ er äußerst ansehnlichen Fußball spielen, holte mit dem DFB-Pokal erstmals nach fünf Jahren wieder einen Titel ins Ruhrgebiet, allerdings krachte es gewaltig zwischen ihm und der Führungsriege sowie einigen Spielern.
Bundesliga
Falls Coman geht: Dembélé angeblich als Nachfolger im Gespräch
06/01/2022 AM 15:14
Zunächst überwarf sich Tuchel mit Chefscout Sven Mislintat, der daraufhin das Weite suchte, später kam es zu einem Dauer-Disput mit seinen Vorgesetzten Michael Zorc und Hans-Joachim Watzke. Der damalige Kapitän Marcel Schmelzer und Mittelfeldmann Marco Reus kritisierten Tuchel öffentlich, prangerten an, dass ihr Trainer Nuri Sahin vor dem Pokal-Finale 2017 aus dem Kader verbannte.

Watzke über Tuchel: "Ein schwieriger Mensch"

Das Resultat: Trotz des Erfolgs musste Hoffnungsträger Tuchel seinen Hut nehmen. Watzke erklärte in einem Podcast mit Sandra Maischberger, dass Tuchel "schon ein schwieriger Mensch" sei und die Trennung erfolgt sei, "weil es einfach nicht gepasst" habe.
Nach einem Sabbatjahr heuerte Tuchel bei Paris Saint-Germain an. Mit dem französischen Spitzenklub gewann er zwei Meisterschaften, zudem gelang es ihm, die Hauptstädter erstmals in ihrer Geschichte ins Endspiel der Champions League zu führen (0:1 gegen den FC Bayern).

Tuchel erläutert Lukaku-Entscheidung: "Wollen ihn verstehen"

Tuchel auch bei PSG mit Problemen

Doch auch an der Seine rückten die sportlichen Errungenschaften schnell in den Hintergrund. Sportdirektor Leonardo und Tuchel gerieten immer wieder aneinander, kurz vor dem Weihnachtsfest 2020 sah PSG sich gezwungen, den Deutschen zu feuern. Wieder einmal schien sich Tuchels mangelnde Diplomatie-Bereitschaft negativ ausgewirkt zu haben.
"Wir haben einen sehr klaren und geraden Kurs verfolgt. Und wenn ein Mann von dieser Linie abweicht, ist es unsere Pflicht, schnell zu unserer Linie zurückzukehren", erklärte Leonardo im Anschluss an Tuchels Freistellung bei "France Football". Er ergänzte: "Entweder passt sich die Person an oder wir ändern die Person." Tuchel war nicht bereit, sich zu ändern. Taktik-Genie auf der einen, streitsüchtiger Querulant auf der anderen Seite. Dieser Ruf begleitet ihn bis heute.

Ein Bild aus gemeinsamen Zeiten: PSG-Coch Tuchel und Neymar nach dem CL-Finale 2020

Fotocredit: Eurosport

Beim FC Chelsea, bei dem Tuchel seit rund einem Jahr die Geschicke leitet, hielten sich derartige interpersonelle Schwierigkeiten bisher in Grenzen. Fußballerisch hievte der 48-Jährige die Blues auf ein neues Level, gewann nur wenige Monate nach seiner Amtsübernahme den prestigeträchtigen Henkelpott.

Lukaku-Interview sorgt für Unmut

Vor wenigen Tagen bekam die vermeintlich heile Welt aber erstmals Risse. Rekord-Neuzugang Romelu Lukaku wetterte in einem Interview mit "Sky Sports Italia" gegen Tuchel. "Körperlich bin ich okay, aber ich bin nicht glücklich mit der Situation bei Chelsea. Tuchel hat beschlossen, ein anderes System zu spielen", sagte der Belgier und deutete an, in naher Zukunft wieder bei seinem Ex-Verein Inter Mailand spielen zu wollen.
Tuchel war von den Aussagen seines Mittelstürmers überrumpelt: "Uns gefällt das natürlich nicht. Es bringt Störgeräusche, die wir nicht brauchen und die nicht hilfreich sind", sagte er im Vorfeld des Spitzenspiels gegen de FC Liverpool. Für das Duell mit den Reds wurde Lukaku aus dem Kader gestrichen. "Es wurde zu groß und hat für zu viel Unruhe gesorgt. Deshalb habe ich eine Entscheidung getroffen. Meiner Meinung nach ist es einfacher, wenn er nicht dabei ist", begründete Tuchel seine Entscheidung.
In der Vergangenheit hätte die Angelegenheit zu einem Grabenkampf führen, unüberbrückbare Differenzen auslösen können. Lukaku, der kostspielige, meinungsstarke Superstar gegen den nachtragenden Tuchel. In traditioneller Western-Manier bleibt in solchen Fällen üblicherweise nur Platz für einen.
Doch sowohl Tuchel als auch Lukaku lenkten ein. "Ich fühle mich von Romelu nicht persönlich angegriffen. Ich bin auch nicht persönlich verärgert", sagte Tuchel und stellte ein Gespräch in Aussicht, um zu verstehen, warum der Angreifer sich veranlasst sah, Kritik zu üben.
Ebenjenes Gespräch trug offensichtlich Früchte. "Er hat sich entschuldigt", verriet Tuchel und führte aus: "Wir sind froh, dass wir uns die Zeit genommen haben, um uns die Sache anzuschauen und in Ruhe darüber zu sprechen." Das Geschehene sei "nicht so groß, wie die Leute es vielleicht machen wollen", so Tuchel weiter. "Es ist war nicht klein, aber klein genug, um ruhig zu bleiben, eine Entschuldigung zu akzeptieren und weiterzumachen."

Tuchel findet versöhnliche Worte

Versöhnliche Worte von jemandem, der eigentlich als unversöhnlich gilt. Es blieb nicht bei der persönlichen Entschuldigung, Lukaku kroch darüber hinaus auch öffentlich zu Kreuze. "An die Fans: Der Ärger, den ich verursacht habe, tut mir leid. Ihr wisst, dass ich seit meiner Jugend eine Verbindung zu diesem Klub habe. Ich verstehe total, dass ihr verärgert seid", sagte der 28-Jährige in einer Videobotschaft, die auf der Webseite des FC Chelsea veröffentlicht wurde.
Lukaku weiter: "Natürlich liegt es jetzt an mir, euer Vertrauen zurückzugewinnen. Ich werde mein Bestes geben, um jeden Tag auf dem Trainingsplatz und in den Spielen Engagement zu zeigen und dafür zu sorgen, dass wir Spiele gewinnen. Und ich entschuldige mich beim Trainer, meinen Teamkollegen und dem Vorstand, weil ich denke, dass es auch nicht der richtige Zeitpunkt war."
Für das Halbfinal-Hinspiel gegen Tottenham Hotspur im Carabao Cup wurde der reumütige Goalgetter von Tuchel begnadigt und gleich in die Startelf beordert. Lukaku zeigte eine ansprechende Leistung, am Ende gewann Chelsea souverän 2:0. Außerdem gab es ein Lob des Trainers obendrauf: "Er war stets gefährlich und in fast alle gefährlichen Situationen involviert,", so Tuchel. Er schob nach: "Ich habe das nicht anders erwartet. Er kann mit Druck und Widrigkeiten umgehen."

Causa Lukaku zeigt: Tuchel macht nächsten Entwicklungsschritt

Tuchel gibt plötzlich den Verständnisvollen, ist in der Lage, Fehler zu vergeben. Dass er die Nörgelei einer seiner wichtigsten Spieler, die Englands Presse tagelang in Wallung versetzte, derart souverän moderiert hat, kann durchaus als nächster Entwicklungsschritt bewertet werden.
Tuchel geht aus der Causa Lukaku als Gewinner hervor, hat Fans und Experten auf seine Seite gebracht. Am Ende war er es, der aus einem drohenenden schweren Gewitter einen kurzen Sturm im Wasserglas machte.
Hat Tuchel aus der Vergangenheit, in der er ständig aneckte, gelernt? Es bleibt ihm zu wünschen – die Handhabe des Lukaku-Falls stimmt jedenfalls optimistisch.
Das könnte Dich auch interessieren: Negativer Coronatest: Messi wieder in Paris

Tuchel kritisiert Lukaku-Interview: "Brauchen wir nicht"

Bundesliga
Müller verrät: Zwei Mal vor Abschied beim FC Bayern
06/01/2022 AM 14:24
Bundesliga
Dortmund verzichtet auf große Wintertransfers
05/01/2022 AM 14:25