Das letzte Länderspiel des Jahres geriet zur Bankrotterklärung, zum Fiasko. Die internationale Presse übertraf sich in der Rhetorik der Verwunderung. Die spanische "Marca" schrieb von einer "historischen Vorführung gegen Deutschland". Für die französische "L'Équipe" war es "eine Abreibung", laut der italienischen "Gazzetta dello Sport" wurde "ein kaltes und desinteressiertes Deutschland versenkt", die Mannschaft sei "nicht zu erkennen". Und der britische "Guardian" wiederholte schlicht: "Ja, sechs. Gegen Deutschland."
Mit dem 0:6 in Sevilla gegen Spanien fing sich die deutsche Nationalelf eine historische Tracht Prügel ein. Seit mehr als 89 Jahren hatte eine DFB-Auswahl nicht mehr so verheerend verloren, 1931 setzte es ein 0:6 gegen Österreich. DFB-Direktor Oliver Bierhoff schlug auf der Tribüne die Hände vors Gesicht, Bundestrainer Joachim Löw saß fassungs- und regungslos auf der Bank, im Wissen die höchste Niederlage in seiner Amtszeit zu kassieren.
Der 17. November 2020 geht als einer der schwärzesten Tage in die Länderspielhistorie ein. Hansi Flick hat zu diesem Zeitpunkt bereits fünf seiner später insgesamt sieben Titel als Cheftrainer des FC Bayern gewonnen.
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Ein knappes Jahr später reiht die deutsche Nationalelf nicht nur Sieg an Sieg, sondern sammelt neben Rekorden auch wieder Sympathiepunkte sowie Lob und Anerkennung - hierzulande wie in der internationalen Fußballwelt.

Startrekord für Flick: Sieben Spiele, sieben Siege

Obwohl dieses souveräne und standesgemäße 4:1 am Sonntagabend in Armenien reine Pflichterfüllung war zum Abschluss des Länderspieljahres 2021. Nach dem siebten Erfolg im siebten Spiel (nebenbei ein Startrekord) zeigte sich Bundestrainer Hansi Flick "zufrieden", weil man das "Ziel von 27 Punkten erreicht" habe.
Neun von zehn WM-Qualifikationsspielen hat die DFB-Auswahl gewonnen - die 1:2-Niederlage Ende März gegen Nordmazedonien ging auf die Kappe von Flick-Vorgänger Löw.
Das Ticket für die Winter-WM 2022 in Katar machte man bereits Mitte Oktober perfekt, bei dieser Gruppe von Gegnern der Kategorie 1C bis 1D (neben Armenien noch Nordmazedonien, Rumänien, Island und Liechtenstein) aber auch keine Kunst.

Löws verkorkste EM

0:6 und 4:1 - was für einen Unterschied ein Jahr machen kann. Ein Jahr, in dem Löw nach dem Spanien-Debakel weitermachen wollte - und durfte. Am 9. März jedoch kündigte der 61-Jährige seinen Rückzug nach der um ein Jahr verschobenen EM an, trotz eines Vertrages bis zur WM in Katar.
Einen Motivationsschub sollte der unerwartete Schritt bewirken, daraus ein großes Turnier aus großer Dankbarkeit seiner Spieler resultieren. Doch Löw blieb sich und seiner Idee vom Fußball treu, auch wenn er die 2019 aussortierten Thomas Müller und Mats Hummels reaktivierte.
Bei der EM gelang dennoch nur ein Sieg, mit Ach und Krach, mit Gosens und Goretzka überstand man soeben die Vorrunde, scheiterte dann erneut seltsam passiv im Achtelfinale von Wembley an England - 0:2.
Goodbye, Jogi, Toni Kroos und Titelträume. Mit Löws ehemaligem Assistenten Flick hoffte man auf einen Neustart im September, einen Stimmungsumschwung beim Aufbruch in neue Zeiten mit altbekannten Erfolgen.

Deutschland: Lust und Hunger sind zurück

Das 9:0-Schützenfest in Wolfsburg gegen Liechtenstein und nun das 4:1 in Jerewan zeigten wie die lebhaften und launigen Spiele zuvor: Wille, Energie, Lust und der (Tor-)Hunger sind zurück. "Die Mannschaft hat mit Freude und Spaß gespielt. Die Mannschaft will. Das ist richtig klasse", meinte Flick in Armenien, betonte aber auch: "Es ist nicht alles perfekt gelaufen, aber die Mannschaft will immer nach vorne spielen und Chancen kreieren. Wir wissen, wo wir uns noch verbessern müssen - aber wir haben noch Zeit."
Dabei geht es vor allem die Konterabsicherung. Flick: "Wenn wir so hoch stehen und so hohes Risiko gehen, müssen wir eine gute Restverteidigung haben - das ist wichtig und war diesmal nicht immer der Fall. Das sind Dinge und Abläufe, die wir trainieren werden - und die dann besser werden."
Ersatzkapitän Müller (für den geschonten Manuel Neuer) sah "einen gelungenen Auftritt", man habe "die Aufgabe gut gelöst".
"Im September hat mit dem Trainerwechsel eine neue Zeitrechnung begonnen, das war etwas Einschneidendes und gabs in Deutschland seit 2006 nicht", erklärte der Bayer.

Ende gut, alles (wieder) gut?

Das zu frühe und abrupte EM-Aus gegen England beendete die 15-jährige Ära Löw. Natürlich habe man sich ein besseres Abschneiden bei der EM gewünscht, sagte Müller weiter, "aber das ist jetzt Schnee von gestern. Wir leben im Hier und Jetzt. Wichtig ist das Bewusstsein, jetzt voll dranzubleiben. Wir sind zufrieden, das lässt uns hoffnungsfroh ins neue Jahr blicken."
Wenn es in der A-Gruppe der Nations League (Juni und September) gegen größere Kaliber geht, bei der WM erst recht.
"Ich glaube schon, dass wir eine gute Qualität haben. Wir brauchen uns nicht zu verstecken", meinte Flick und bekräftigte: "Ich glaube auch, dass sich die Mannschaft gegen stärkere Gegner noch steigern kann. Die Spiele haben gezeigt, dass wir zurück sind. Auch mit unserer Art und Weise wie wir Fußball spielen."

Hochkarätige Gegner im März geplant

Nun geht es für die Nationalelf erst mal in die "Winterpause". Die nächsten Länderspiele stehen erst Ende März an, die Gegner für die beiden Freundschaftsspiele sind noch nicht gefunden, es sollen laut DFB-Direktor Oliver Bierhoff "hochkarätige Gegner" sein.
Es bieten sich die ebenfalls bereits qualifizierten Gruppensieger wie Spanien, Frankreich, Belgien oder Dänemark an, da sie keine Playoff-Partien bestreiten müssen.
In einem Jahr und einer knappen Woche (am 21. November 2022) beginnt die WM in Katar. Dann wird ein dickerer Strich unter Flicks Bilanz gezogen als jetzt.
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