Drei Dinge, die bei Brasilien gegen Südkorea im Achtelfinale auffielen: Ein kitschiges Kunstwerk

Brasilien schlägt Südkorea im Achtelfinale der WM 4:1 (4:0) und zeigt dabei neben Kunst auch jede Menge Kitsch. Eine Spielfreude wie die der Seleção legt in Katar aber auch kein zweites Team an den Tag. Mit Neymar läuft vieles automatisch besser, auch wenn seine Position weiterhin überrascht. Lucas Paquetá und Vinícius Junior sind derweil die unbesungenen Helden des Teams. Was uns auffiel.

Neymar wird bei Frage nach Pelé emotional: "Spielen für ihn"

Quelle: MagentaTV

Was auch immer sie taten, Pelé war bei ihnen. In Gedanken, versteht sich. Die brasilianische Fußball-Legende war beim 4:1 (4:0) der Seleção im Achtelfinale der WM 2022 gegen Südkorea jedenfalls allgegenwärtig.
Auf vielen Plakaten im Publikum natürlich, aber auch in den Köpfen der Spieler, die, nach dem Sieg auf die starke Leistung angesprochen, fast alle früher oder später bei Pelé landeten. So musste auch Neymar kurz schlucken. "Das fällt mir nicht leicht", sagte der Superstar der Seleção: "Sein Schicksal berührt mich sehr. Ich wünsche ihm alles erdenklich Gute und hoffe, dass er schnellstmöglich gesund wird. Ich hoffe, dass er sich an unserem Spiel erfreut hat."
Zum Freuen war's schon, was Brasilien gegen die Asiaten vor allem in den ersten 36 Minuten abzog: Schnell stand es nach Toren von Vinícius Junior (7.), Neymar (13./Foulelfmeter), Richarlison (29.) und Lucas Paquetá (36.) 4:0. "Die Offensivkraft dieser Mannschaft, wie sie individuell Fußball spielen, das ist sehr beeindruckend", meinte Trainer Tite: "Sie spielen frech. Dennoch ist unsere Balance da."
So ging der Blick schnell voraus - nicht nur aufs Viertelfinale am Freitag gegen Kroatien (16:00 Uhr im Liveticker). "Unser großer Traum ist der Titel, davon träumen wir", sagte Neymar: "Drei Spiele fehlen uns noch. Wir sind mental voll darauf fixiert und bestens vorbereitet."
Was uns beim Achtelfinale im Stadion 974 auffiel.

1.) Brasilien ist ein kitschiges Kunstwerk

Richarlison hatte bereits beim 2:0 zum WM-Auftakt gegen Serbien ein wunderschönes Tor erzielt, das 3:0 gegen Südkorea toppte sein Kunstwerk jetzt nochmal.
Und das kam so: Der Spurs-Angreifer behauptete zunächst den Ball gegen seinen Gegenspieler, indem er ihn knapp 25 Meter vor dem Tor gleich fünf Mal auf der Stirn tanzen ließ und ihn dann mit nur einem Fußkontakt kontrollierte. Richarlison spielte kurz auf Marquinhos und startete in den Strafraum. Der Verteidiger fand seinen Defensivkollegen Thiago Silva zentral vor dem Sechzehner, der mit perfektem Timing in den Lauf von Richarlison legte - ein wunderbares Team-Tor.
Beim anschließenden Jubel durfte sogar Trainer Tite mittanzen. Ohnehin inszeniert sich der Coach bei seinem letzten großen Turnier gerne als Papa der Truppe: Streng, wenn es sein muss, aber auch gönnerhaft, wo es geht - gegen Südkorea brachte er gegen Ende der Partie sogar den eigentlich dritten Torwart Weverton für Alisson Becker ins Spiel und hatte damit allen 26 Spielern im Kader mindestens einen WM-Einsatz ermöglicht. Da driftete die brasilianische Kunst schon fast ins Kitschige ab.
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Lucas Paquetá und Wéverton (r.)

Fotocredit: Eurosport

So bleibt es ein schmaler Grat für die Seleção zwischen Spielspaß und Wahnsinn, offensiver Brillanz und defensiver Nachlässigkeit. Die zweite Halbzeit gewann Südkorea nämlich nicht ganz unverdient 1:0, insgesamt ließen die Brasilianer sechs Schüsse auf Alissons Tor zu (Weverton musste keinen Ball parieren) und nicht jeder Offensivgeist nimmt es mit der Defensivarbeit so genau.
Schön war dagegen wieder die Geste nach Spielende, als Neymar und Casemiro ein Banner zu Ehren des schwer kranken Pelé auf das Spielfeld zerrten und alle Nationalspieler dahinter versammelte.
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Brasiliens Sieg wurde Pelé gewidmet

Fotocredit: Getty Images

2.) Paquetá und Vinícius sind Brasiliens "unsung heroes"

Lucas Paquetá hat seine Lektion offenbar gelernt. Der offensive Mittelfeldspieler war nach einem guten Auftritt zu Beginn der WM gegen Serbien (2:0) im folgenden Spiel gegen die Schweiz (1:0) bereits zur Halbzeit ausgewechselt worden.
War es ein Denkzettel von Trainer Tite, weil Paquetá nicht positionsgetreu gespielt hatte - oder doch eher krankheitsbedingte Nachwirkungen beim Mittelfeldspieler?
Nach einer Schaffenspause gegen Kamerun (0:1) gehörte der Star von West Ham United gegen Südkorea jedenfalls wieder zur Startelf und zeigte eine starke Leistung. Als halbrechtes, leicht defensiveres Gegengewicht zu Neymar im 4-3-3 war Paquetá wohl der mannschaftsdienlichste Brasilianer (inklusive drei Torschussvorlagen). Mit hohem Laufaufwand tauchte der 25-Jährige offensiv wie defensiv immer da auf, wo er gebraucht wurde, und belohnte sich selbst mit dem Treffer zum 4:0 (36.).
Während in Brasiliens Offensive alles von Richarlison und Neymar spricht, spielt derweil Vinícius Júnior in deren Schatten eine fantastische WM. Gegen Serbien schon Tor-Vorbereiter und gegen die Schweiz sogar der auffälligste Akteur auf dem Platz, brachte der Real-Star die Seleção gegen Südkorea schon nach sieben Minuten mit einem überlegten Abschluss in Führung.
Wie früher beim FC Bayern über Franck Ribéry läuft bei Brasilien der Ball im Grundaufbau fast immer über den 22-Jährigen, der, wenn der Ball gut verlagert wurde, in Eins-gegen-Eins-Situationen seine Schnelligkeit ausspielen soll. Einmal in Fahrt, ist Viní dann kaum mehr zu stoppen - so wie vor dem 4:0, als er clever genau in den Fuß von Paquetá lupfte. "Wir hatten Platz und den haben wir genutzt", sagte er nach dem Spiel. Und es gibt keine Anzeichen dafür, dass das nicht noch weitere drei Spiele bei dieser WM klappt.

3.) Neymar als Achter hat Für und Wider

Da war er also wieder, der Superstar: Neymar, genesen von einer Sprunggelenksverletzung, die ihm ein Serbe im ersten Spiel zugefügt hatte. In der 13. Minute schritt er zur Tat und verwandelte einen Elfmeter nach Neymar-Art: Trippelschritte, Keeper ausgucken, flach rechts einschieben. Für den 30-Jährigen war es sein siebtes WM-Tor, bei drei Turnieren in Folge hat er nun getroffen. "Ich hätte nie gedacht, dass mir das einmal gelingen würde", meinte er, nachdem er, na klar, von den Fans zum "Man of the Match" gewählt wurde.
Bei Neymar geht es eben auch um die Strahlkraft: Mit ihm auf dem Platz ist Brasilien gleich nochmal selbstbewusster, entschlossener.
Seine Position bei der WM 2022 überrascht dabei allerdings schon. Brasilien spielt nämlich das vielleicht klarste und klassischste 4-3-3 der WM. Nahezu jede Position ist mit Spezialisten für genau diese Rollen besetzt - außer der halblinke Achter, den, ja, Neymar da Silva Santos Júnior abgibt. Nun kann ein Ausnahmekönner wie er natürlich überall auf dem Platz so ziemlich alles spielen. In dieser Rolle eines 4-3-3 ist es allerdings ratsam, auch die ein oder andere Defensivaufgabe zu übernehmen - was Neymar allerdings nicht so liegt.
Brasilien behilft sich also anders: Bei Ballbesitz des Gegners wird Tites 4-3-3 ganz pragmatisch zum 4-4-2 umgebaut - die Außen Raphinha und Vinícius Júnior müssen sich schnell zu Lucas Paquetá und Casemiro auf eine Linie fallen lassen; Neymar dagegen rückt vor und läuft mit Stürmer Richarlison - mal mehr, mal weniger enthusiastisch - Abwehrspieler an.
Das defensive Positionsspiel funktioniert überraschend gut - allerdings nur, wenn der Gegner langsam aufbaut. Geht es schnell, ist Brasilien in Neymars Rücken einfach zu entblößen. Das konnten die Südkoreaner zwar viel zu wenig ausnutzen, sollte aber den kroatischen Analytikern nicht entgangen sein - und vor allem Luka Modric am Freitag in die Karten spielen.
"Ohne Balance hätten wir dieses Spiel verloren", ist auch Tite bewusst und mahnte: "Um zu verteidigen, müssen alle Spieler mithelfen. Auch die Offensive hat da sehr gut mitgearbeitet. Wir müssen bei diesem Turnier effektiv sein, sonst haben wir keine Chance."
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Quelle: Perform

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