WM 2022: Marokko schreibt in Katar mit Halbfinal-Einzug Fußball-Geschichte - für den Underdog ist jetzt alles drin
Marokkos Märchen bei der WM in Katar geht weiter. Nach der Sensation eine Runde zuvor gegen Spanien schaltete der Favoritenschreck im Viertelfinale auch Portugal aus und steht damit als erste afrikanische Mannschaft überhaupt in einem WM-Halbfinale. Von einem Zufall kann dabei jedoch keineswegs die Rede sein. Die "Löwen vom Atlas" überzeugen bislang auf ganzer Linie. Führt der Weg sogar zum Titel
Sabiri erklärt Marokkos historischen Coup: Das war der Schlüssel
Quelle: MagentaTV
Hakim Ziyech sank nach dem Schlusspfiff im Al-Thumama Stadium auf die Knie und schlug seine Hände ungläubig vor das Gesicht. Ein ganzer Kontinent ist erlöst.
88 lange Jahre nach dem ersten Anlauf bei einer Fußball-Weltmeisterschaft (Ägypten 1934), schaffte Marokko in Katar als erste afrikanische Mannschaft überhaupt den Einzug in ein WM-Halbfinale. Entsprechend groß war die Euphorie bei den frenetischen Fans sowohl vor Ort in Doha als auch zu Hause beim Public Viewing in Marrakesch.
"Die Heimat, die arabische Welt und Afrika geben uns Energie, so viele Menschen stehen hinter uns. Wir haben Geschichte für Afrika geschrieben. Afrika ist heute wieder auf der Landkarte des Fußballs", freute sich Nationaltrainer Walid Regragui nach dem 1:0 (1:0)-Sieg im Viertelfinale gegen Portugal um Superstar Cristiano Ronaldo.
Es ist der vorläufige Höhepunkt eines Fußball-Märchens, dessen Ende noch lange nicht in Sicht ist.
Marokko: Sensation? Ja! Zufall? Nein!
Dem überraschenden Gruppensieg vor Kroatien, genau wie Marokko Halbfinalist in Katar, und den höher eingestuften Belgiern, folgte die Sensation gegen Spanien im Achtelfinale (3:0 n.E.) sowie der Coup am Samstag gegen den Europameister von 2016.
"Keiner hätte es jemals gedacht, dass wir überhaupt ins Viertelfinale kommen. Jetzt sind wir im Halbfinale - das ist eine tolle Sache, sie haben Geschichte geschrieben", zeigte sich der ehemalige marokkanische Nationalspieler Youssef Mokhtari im "ZDF" begeistert. "Das ist wirklich unfassbar. Das ist wie ein Traum. Wir haben das zu 1000 Prozent verdient", ergänzte Mittelfeldspieler Sofyan Amrabat.
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Marokko: Hakim Ziyech (li.) und Achraf Hakimi (re.)
Fotocredit: Getty Images
Keine Frage, kaum ein Experte hatte den Weltranglisten-22., dessen größte Errungenschaft bei einer WM-Endrunde ein Achtelfinal-Einzug 1986 (0:1 gegen Deutschland) war, im Vorfeld auf dem Zettel. Ein Zufall ist diese Erfolgsgeschichte dennoch nicht.
"Es ist eine Sensation, aber es ist auch völlig verdient. Am Anfang war es noch eine Überraschung, aber von Partie zu Partie hat man gesehen, für was Marokko steht. Sie haben nicht nur gute Einzelspieler, sondern sie sind eine Einheit geworden, die defensiv wirklich unfassbar gut steht und füreinander einsteht - da können sich viele Nationen etwas abschauen", schwärmte "ZDF"-Experte Per Mertesacker.
Marokkos Defensive treibt Favoriten zur Verzweiflung
In der Tat begeistert der Afrika-Cup-Sieger aus dem Jahr 1976 mit einer geschlossenen Abwehrarbeit gepaart mit taktischer Finesse. Lediglich einen Gegentreffer musste das Team des französischen Trainers Regragui im bisherigen Turnierverlauf hinnehmen - passenderweise ein Eigentor beim 2:1 gegen Kanada.
"Sie stehen defensiv kompakt. Das ist nicht nur Kampf und Leidenschaft, sondern da steckt viel Struktur dahinter", bilanzierte Mertesacker. Sein ehemaliger Nationalmannschaftskollege Christoph Kramer pflichtete ihm bei: "Für die Spielweise, die sie haben, brauchen sie eine krasse Überzeugung. Sie müssen viel laufen, unheimlich viel investieren und wach sein."
Selbst die Tatsache, dass Marokko aufgrund von Verletzung sowohl vor als auch während der Viertelfinalpartie personelle Änderungen vornehmen musste, stellte keinerlei Probleme dar. "Normalerweise gibt das einer Mannschaft, die viel verteidigt, einen Bruch, das war bei Marokko nicht der Fall. Da weiß jeder, was er zu tun hat. Das ist schon herausragend", lobte Kramer weiter.
So verwundert es kaum, dass die zwei prägenden Figuren aufseiten der Marokkaner nicht etwa Offensivkönner wie Achraf Hakimi, Youssef En-Nesyri, der das Siegtor gegen Portugal köpfte, oder Ziyech, sondern Abräumer Amrabat und Schlussmann Bono sind. Letztgenannter wird auch am Mittwoch in der Vorschlussrunde gegen den amtierenden Weltmeister Frankreich (20:00 Uhr im Liveticker) wieder im Fokus stehen.
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Bono (l./Marokko) pariert im WM-Achtelfinale den Strafstoß von Carlos Soler (Spain)
Fotocredit: Getty Images
Ist jetzt auch Titelverteidiger Frankreich fällig?
"Es wird ein 50:50-Spiel, wobei Frankreich natürlich der klare Favorit ist", prognostizierte Kramer. Genau dies sollte für die Équipe Tricolore jedoch Warnung genug sein. Schließlich hatten eben jene Favoritenrolle in den Runden zuvor auch Spanien und Portugal inne.
"Marokko hat uns überrascht. Diese Einstellung, diese Mentalität sind unfassbar. Wir können damit rechnen, dass es eine Schlacht wird", sagte Frankreichs Kapitän Hugo Lloris. "Sie haben ihre Stärke schon unter Beweis gestellt. Am Mittwoch kann alles passieren", warnte Teamkollege Olivier Giroud - und das nicht ohne Grund.
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Frankreich-Legende warnt: "Wird ganz heißes Duell gegen Marokko"
Quelle: Perform
Schließlich strotzen die Nordafrikaner nach ihrem historischen Coup nur so vor Selbstvertrauen. "Wenn eine afrikanische Mannschaft ins Halbfinale kommt, warum nicht auch ins Finale?", blickte Regragui voraus. Offensivallrounder Abdelhamid Sabiri ergänzte: "Jetzt streben wir nach mehr."
Eine weitverbreitete Sportweisheit lautet: "Defense wins championships". Möglicherweise bestätigt sich jenes ungeschriebene Gesetz in Katar abermals. Es wäre die Krönung des marokkanischen Wintermärchens.
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