WM 2022: Schluss mit der Doppelmoral! Warum es okay ist, diese Weltmeisterschaft zu schauen - Ein Kommentar

Tote bei den Bauarbeiten und Missachtung der Menschenrechte: Die WM 2022 in Katar steht unter keinem guten Stern. Doch die FIFA macht weiter, als wäre nichts gewesen. Viele Fußball-Fans wollen die Weltmeisterschaft deswegen boykottieren, doch dann müssten auch andere Events gemieden werden meint Thilo Komma-Pöllath. Ein Kommentar zur WM 2022 im Wüstenstaat.

Die Fußball-WM 2022 in Katar

Fotocredit: Getty Images

Liebe FußballfreundInnen,
In zwei Tagen beginnt, wer wüsste es nicht, die skandalöseste Fußball-Weltmeisterschaft in der Geschichte der Fußball-Weltmeisterschaften. Mit dem Topspiel Katar gegen Ecuador (Sonntag ab 17:00 Uhr im Liveticker). Es gehört zur vorgeblichen NGO-haftigkeit des Weltfußballverbandes FIFA, dass auch die mitspielen dürfen, die sonst keinen Blumentopf gewinnen.
Das macht sympathisch und täuscht über die wahren Motive solcher Eröffnungsspiele (immer mehr neue Länder spülen immer mehr Geld in die Kassen) hinweg, der eigentliche Skandal ist ein anderer. Bisher war die skandalträchtigste deutsche WM- Teilnahme die in Argentinien 1978.
Argentinien, damals Militärdiktatur, in dem der DFB-Sponsor Mercedes glänzende Geschäfte machte und gleichzeitig tausende Oppositionelle, auch während der WM gefoltert und getötet wurden. Was Berti Vogts mit den Worten quittierte: "Argentinien, ist ein Land, in dem Ordnung herrscht. Ich habe keinen einzigen politischen Gefangenen gesehen."
35 Jahre später die erstaunliche semantische Parallele durch Franz Beckenbauer: "Also, ich hab noch keinen einzigen Sklaven in Katar gesehen. Die laufen alle frei rum". Das ist der eigentliche Skandal: Laut AMNESTY sollen beim Bau der Stadien in den letzten zehn Jahren bis zu 15.000 Arbeiter gestorben sein. Anders als in Argentinien hat in Katar nicht irgendeine politische Diktatur Blut an den Händen, sondern der Fußball selbst. Der Fußball geht buchstäblich über Leichen, das ist die einmalige Zäsur.

Der Westen hätte diese WM verhindern können

Seit der korrumpierten WM-Vergabe an Katar im Dezember 2010 sind zwölf Jahre vergangen, in der anfangs kaum, dafür zuletzt immer heftiger wohlfeile Kritik geübt wurde vonseiten des Sports, aus Politik und Gesellschaft, ohne dass es gelungen wäre, Katar diese bestochene Blutweltmeisterschaft wieder wegzunehmen.
Wohlfeil deshalb, weil man am Beispiel Russland sehen kann, wie leicht man einem Land den Sport (ob Champions-League-Finale, Eishockey-WM oder Paralympics 2022) wegnehmen kann, wenn die westliche Staatengemeinschaft sich einig ist und wirklich will.
Sie wollte offenbar nicht und die Frage ist höchstens: Warum eigentlich nicht?

Fußball-Moral auf den letzten Drücker

Das alles ist lange bekannt. Gerade deshalb stellt sich aktuell die Frage, warum sich jetzt, wenige Stunden vor WM-Beginn so viele bemüßigt fühlen, doch noch Flagge zeigen zu wollen, ihre Moral, ihren Humanismus ins Schaufenster zu stellen, der doch nur schlechtes Gewissen sein kann. Lufthansa hat den DFB-Flieger extra mit einer kindlich-harmlosen Diversity-Illu versehen, mit der jeder leben kann - selbst die homophoben Wüstenscheichs.
Mit der Illustration eines Gastarbeiters aus Bangladesch - zu zwei Drittel "stellen" sie die toten Bauarbeiter - wäre das sicher anders gewesen. Manuel Neuer kämpft an der Regenbogenbindenfront, wobei die Regenbogenbinde keine Regenbogenbinde sein darf. Neuers Statement "Wir werden sehen, wie weit wir gehen können", erinnert an den Klassenclown, der den Lehrer vorher fragt, wann er denn endlich den Unterricht stören dürfe.
Öffentlich-rechtliche Fußball-Kommentatoren erklären breit, dass sie wirklich, ganz ehrlich, wirklich einen Boykott in Erwägung gezogen hätten. Anders als jeder Spieler hätten Tom Bartels & Co. rein gar nichts riskiert. Warum haben sie nicht? So viel larmoyante Doppelmoral ist wirklich schwer zu ertragen, so schwer wie der Fanklub der Nationalmannschaft, der seine 300 Edelfans aus "organisatorischen Gründen" lieber in Dubai unterbringt und zu jedem Spiel der Mannschaft einfliegen lässt.
Dieses ganze Gerede von Diversity, Nachhaltigkeit und Gerechtigkeit ist aufgeblasener Mumpitz, wenn es um die Bierbeschaffung für VIP-Anhänger geht.

Lieber naiv als sich ständig was vormachen!

So könnte ich unentwegt fortfahren. Und dann würde ich den Kopf schütteln über den jüngsten ARD-Trend, in dem sich die Mehrheit der Deutschen dazu bekennt, die WM gar nicht anschauen zu wollen. Bis die ersten Einschaltquoten kommen und Karl Lauterbach bei Lanz die pathologische Ad hoc-Amnesie eines ganzen Landes erklären muss.
Eine typisch deutsche Empörung, die das Papier nicht wert ist, auf dem sie gedruckt ist. Tatsächlich gibt es dazu eine, zugegeben, im besten Sinne naive Haltung, mit der man dieser WM auch begegnen könnte, die immerhin der letzte große Auftritt einer Generation von Spielern wie Leo Messi, Cristiano Ronaldo, Karim Benzema, Luca Modric oder Thomas Müller sein wird.
Cesar Luis Menotti, anders als Vogts und Franz ein Fußballweiser, war 1978 Trainer der argentinischen Weltmeistermannschaft. Menotti hat dem Fußball eine politische Kraft zugewiesen, wonach der "rechte Fußball" rein taktisch, ergebnisorientiert agiere, der "linke Fußball" aber die Menschen begeistern und ihre Fantasie beflügeln könne, die Verhältnisse zu überwinden.
"Wir spielen nicht für die Diktatur, wir spielen für die Freiheit", soll Menotti seinen Spielern vor dem Finale 1978 zugerufen haben. Fünf Jahre später war Argentinien auf dem Weg zur Demokratie. Wie lange Katar dafür braucht, könnte ab Sonntag auch von Messi & Co. abhängen.

ZUR PERSON THILO KOMMA-PÖLLATH:

Der Sportjournalist und Buchautor ("Die Akte Hoeneß") beleuchtet in seinem wöchentlichen Blog "Der LIGAstheniker" das Geschehen in der Fußball-Bundesliga für Eurosport.de. Oft skeptisch, ironisch, kritisch - aber einer muss schließlich den Ball flach halten.
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Quelle: Perform

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