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Tour-Sieger Buchmann? Das fehlt noch zum Traum von Gelb

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Tour de France 2019: Analyse Emanuel Buchmann

Fotocredit: Getty Images

VonAndreas Schulz
29/07/2019 Am 13:35 | Update 05/03/2020 Am 11:21
@euroschulle

Danke Emanuel Buchmann! Endlich konnten die deutschen Fans bei der Tour de France wieder auch in der Gesamtwertung bis zum letzten Tag mitfiebern. Platz vier ist ein grandioses Ergebnis, aber Buchmann, Bora und die begeisterten Zuschauer wollen mehr. Wie stehen die Chancen für den 26-Jährigen, in Paris in Zukunft auf dem Podest zu stehen - vielleicht sogar auf der obersten Stufe?

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Emanuel Buchmann hat den Ball drei Wochen flach gehalten, aber nach der Tour de France gibt er nun zu, was angesichts seiner herausragenden Form und cleveren Fahrweise schon während des Rennes klar geworden war: Die Top Ten als Maximalziel waren arg tief gestapelt, "im Hinterkopf spekuliert man schon mit den Top fünf".

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Buchmann verspricht: "Werde es versuchen"

Das Podium bis zur letzten Bergetappe greifbar nah, keine zwei Minuten Rückstand auf den Tour-Sieger und dabei in den Bergen Egan Bernal oft ebenbürtig und im Zeitfahren sogar schneller: Buchmann war auf absoluter Augenhöhe mit den Stars unterwegs und formuliert deshalb jetzt seine Ziele auch öffentlich für seine Verhältnisse offensiv: "Vielleicht schaffe ich es in der Zukunft aufs Podium - ich werde es zumindest versuchen", versprach er den Fans am Eurosport-Mikrofon.

Was fehlt noch für die letzten Schritte nach ganz oben? Einerseits muss sich Buchmann selbst weiter auf dem hohen Niveau entwickeln, das er inzwischen erreicht hat - die Saison 2019 mit dem frühen Sieg auf Mallorca und den Podiumsplätzen bei den schweren Rundfahrten im Baskenland und der Dauphiné haben gezeigt, dass seine Entwicklung weiter konstant nach oben ging, die Tour als Meisterprüfung hat den Trend auf der größten Bühne bestätigt.

Buchmann im Fokus: "Er lässt lieber seine Beine sprechen"

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Trainer Dan Lorang und sein Musterschüler sind noch nicht am Ende der Leistungskurve des Leichtgewichts angekommen. Die Fähigkeit zu kurzen, harten Attacken etwa bietet noch Steigerungspotential. So stark seine Tempoverschärfung am Tourmalet etwa war - um sich von den Gegnern richtig zu lösen, braucht es noch ein paar Watt mehr.

"Mit Buchmann kann man die Tour gewinnen"

Die größere Aufgabe liegt aber beim Rennstall aus Raubling. Buchmann selbst hat schon während der Tour "ein stärkeres Team" und "ein paar Bergfahrer mehr" gefordert. Denn so souverän er selbst durch die drei Wochen der Tour kam, so steinig war der Weg für den Großteil seiner Helfer: Maximilian Schachmann hatte nicht mehr die Über-Form des Frühjahres und fehlte nach seinem Zeitfahr-Sturz bei den großen Bergetappen, der als Co-Kapitän gestartete Patrick Konrad erreichte kaum je sein eigentliches Niveau.

Allein Edelhelfer Gregor Mühlberger konnte sich wie erhofft in den Bergen für seinen Kapitän einspannen. Bei Eurosport brachte er die Situation aber klar auf den Punkt: "Man kann mit ihm definitiv die Tour gewinnen - aber dieses Jahr noch nicht, dazu bin ich zu schwach und muss mich noch entwickeln." Also: Mehr und/oder stärkere Helfer sind unverzichtbar für höhere Ziele.

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Sagan wird zur Schlüsselfrage

Team Ineos macht es schon seit Jahren vor: kompletter Fokus auf die Gesamtwertung, keine Doppelspitze mehr wie etwa einst mit Mark Cavendish. Die Folge: Auch wenn ein Helfer ausfällt (wie Luke Rowe) oder seine Form nicht hat (wie Michael Kwiatkowski), ist noch ausreichend Unterstützung für den Kapitän da. Gleiches Bild bei Thibaut Pinot: Vorbei die Jahre, in denen mit Arnaud Démare oder Nacer Bouhanni auch ein Sprinter im Aufgebot war - voller Fokus auf ein Ziel ist gerade bei den inzwischen auf acht Fahrern begrenzten Mannschaften fast Pflicht.

Das ist für ein Team mit Peter Sagan in den eigenen Reihen schwer umzusetzen, aber vielleicht kann man nach dem Rekord bei den Grünen Trikots dem Superstar auch mal einen Start beim Giro schmackhaft machen, wo der Slowake trotz seiner vielen Jahre im Team Liquigas noch nie auf Etappenjagd ging.

Baustelle Teamzeitfahren

In jedem Fall muss die Teamzusammenstellung aber nicht nur mit Blick auf die Berge verbessert werden - auch das Mannschaftszeitfahren gehört zu den Bereichen, die noch Verbesserungspotenzial bergen. Der Rückstand von Buchmann auf den Podestplatz von Steven Kruijswijk kommt nicht aus dem Hochgebirge, sondern aus der 2. Etappe, wo Jumbo-Visma 46 Sekunden schneller war. Die Lehre: Aus der (relativen) Schwäche lernen und wie etwa Pinot mit Stefan Küng einen absoluten Spezialisten für diese Disziplin mit zur Tour zu nehmen - oder wie Jumbo den Sprintzug nutzen, um sich von dessen Tempobolzern zu einer Topzeit ziehen zu lassen.

Tour de France 2019: Bora-hansgrohe bei der Team-Präsentation in Brüssel

Fotocredit: Getty Images

Bei Bora-hansgrohe weiß man um die anstehenden "Hausaufgaben" und arbeitet an diesen Baustellen. Den bei der Tour besonders in der dritten Woche richtig stark fahrenden Lennard Käma etwa hat Ralph Denk mehr als nur auf dem Zettel: Stark in den Bergen und Weltmeister mit Sunweb im Kampf gegen die Uhr - besser kann das Profil kaum passen.

Kampf um Tour-Krone bleibt heiß

Der einzige für Buchmann wie Bora nicht zu beherrschende Punkt ist die Breite der Konkurrenz. Denn das herausragende Abschneiden darf nicht verdecken, dass der Kampf um Podium und Tour-Sieg nicht leichter wird: Pechvogel Pinot, stärkster Bergfahrer dieser Tour, hat schon für 2020 einen neuen Anlauf angekündigt, Tom Dumoulin und Primoz Roglic muss man unbedingt auf der Rechnung haben, Vuelta-Sieger Simon Yates hat noch eine Rechnung mit der Tour offen und vielleicht geht auch Chris Froome noch einmal mit dem Ziel eines fünften Gesamtsieges an den Start.

Vor allem aber ist Egan Bernal so jung und auch noch entwicklungsfähig, dass der Sieg noch in vielen Jahren wohl nur über ihn gehen dürfte (und mit Giro-Sieger Richard Carapaz hat Ineos schon das nächste Ass im Ärmel).

Tour de France | Egan Bernal, Emanuel Buchmann, Thibaut Pinot, Julian Alaphilippe, Mikel Landa, Steven Kruijswijk

Fotocredit: Getty Images

Und nicht vergessen: Abseits der Tour-Bühne haben zwei Fahrer in den letzten Tagen einmal mehr gezeigt, dass man sie bereits bei ihrem irgendwann anstehenden ersten Tour-Start auf der Rechnung haben sollte: Seriensieger Mathieu van der Poel hat sich trotz Sturz überlegen EM-Gold bei den Mountainbikern geholt, Super-Talent Remco Evenpoel mit einem furchterregenden Solo-Sieg in Italien das nächste Ausrufezeichen gesetzt. Dazu kommt mit Tadej Pogačar ein dritter junger Himmelsstürmer.

Als Radsport-Fan kann man sich also freuen: Es gibt gute Chancen, dass die Tour de France (und nicht nur sie) in den nächsten Jahren weiter so spannend wird wie in diesmal. Eurosport wird alle Top-Rennen und Rundfahrten bis zum nächsten Grand Départ live übertragen - wem dieser Juli Lust auf Radsport gemacht hat, der ist bei uns genau richtig.

Der Auftakt der Tour de France 2020 jedenfalls kommt Buchmann entgegen - so schwer wie nie wird es dort gleich am Start-Wochenende werden: Es soll direkt in die Berge gehen - frohe Kunde für den Kletterkünstler und seine Fans.

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