45,9 km/h fuhr Etappensieger Anthony Turgis (TotalEnergies) über die 199 Kilometer im Schnitt. Damit war
das Teilstück rund um Troyes die sechstschnellste Tour-Etappe, bei der mehr als 2.000 Höhenmeter erklommen werden mussten, in den vergangenen 20 Jahren.
Von Anfang an war Vollgas angesagt und trotzdem kam es in den Schotter-Passagen noch zu zahlreichen Angriffen unter den Kandidaten auf den Tour-Sieg.
Tadej Pogacar (UAE Team Emirates) und Remco Evenepoel (Soudal-Quick-Step) waren dabei die Aktivposten, Primoz Roglic (Red Bull-Bora-hansgrohe) immer wieder im Hintertreffen - und Jonas Vingegaard? Der spielte mit seinem Team Visma-Lease a Bike Radsport-Schach zur Perfektion.
Drei Dinge, die auf der 9. Etappe auffielen:
1. Visma spielt die Defensiv-Taktik perfekt
Vor dem Start in Troyes hatten die Teamchefs und Leader der großen Teams alle ins selbe Horn geblasen: Auf der Schotter-Etappe würde es eher darum gehen, sicher durchzukommen, als die Konkurrenz zu attackieren.
Doch das, was sich im Rennen dann zeigte, konnte die Zusehenden ob dieser Ankündigungen nur schmunzeln lassen. Pogacar versuchte gleich mehrfach, die Konkurrenz auf dem Schotter abzuhängen und auch Evenepoel ritt 78 Kilometer vor Schluss in der steilen Rampe mitten auf Gravel-Sektor Nr. 10 eine sehr harte Attacke, der zunächst niemand folgte.
Erst nach der Kuppe setzte Pogacar nach und Vingegaard gab alles, um am Mann im Gelben Trikot dranzubleiben. Es war das einzige Mal im Etappenverlauf, dass die Konkurrenz es schaffte, den Titelverteidiger zu isolieren.
Uneinigkeit bei den Big 3: Evenepoel schüttelt mit dem Kopf
Quelle: Eurosport
Pogacar schloss mit Vingegaard am Hinterrad die Lücke zum Zeitfahr-Weltmeister aus Belgien und zu dritt schlossen sie dann kurzzeitig auch zur Spitzengruppe des Tages auf. Roglic und die anderen Klassementfahrer schienen geschlagen und das Podiums-Trio Zeit herausholen zu können. Doch Vingegaard beteiligte sich nicht an der Führungsarbeit und plötzlich machten die Drei Stehversuche, ließen die Ausreißer wieder davonfahren und fielen ins Feld zurück. Evenepoel quittierte das mit einem ungläubigen Kopfschütteln.
"Es ist schade, dass einige in der Gruppe nicht funktioniert haben, denn wir hätten sogar gegenüber den anderen einen erheblichen Vorsprung von Minuten herausfahren können", sagte der Belgier nach der Etappe
und auch Pogacar war frustriert:
'They're just focussing on me' - Pogacar questions Visma tactics after gravel drama
Quelle: Eurosport
"Remco und ich haben einen guten Versuch gestartet und sind weggekommen. Jonas war aber auch da und hat also offensichtlich eine großartige Form. Wir hätten alle drei zusammen das Podium absichern und Vorsprung auf die anderen herausholen können. Aber das will Visma nicht. Sie fokussieren sich nur auf mich und unterschätzen vielleicht die anderen. Wir werden sehen, was in den nächsten Wochen passiert, aber es wäre sicher gut gewesen, wenn wir heute schon weggefahren wären."
Aus der Perspektive der beiden Offensiv-Fahrer des Tages waren das logische Statements. Doch dass Vingegaard nicht mitfuhr, war das einzig Richtige. Denn im weiteren Verlauf zeigte sich: Wäre er mit Evenepoel und Pogacar weggefahren und dann ohne Teamkollegen ins direkte Duell auf den verbleibenden Schotterabschnitten gegangen, hätte er an diesem Tag viel Zeit verlieren können.
"Go full on this one!" Pogacar schüttelt Konkurrenten ab
Quelle: Eurosport
Denn wann immer Pogacar später attackierte, brachte er den Dänen auf dem Schotter an seine Grenzen. Zweimal im Etappenverlauf schüttelte er ihn sogar ab und beide Male war es das perfekte Teamwork von Visma – Lease a Bike, dass den Slowenen wieder einfing. Besonders wichtig waren dabei Christophe Laporte und Matteo Jorgenson.
Die beiden großgewachsenen Klassiker-Asse folgten den explosiven Antritten von Pogacar immer sofort. Dann drehte sich Laporte um und wartete auf Vingegaard, während Jorgenson noch einen Moment als Aufpasser und Nervensäge am Hinterrad des Gelben blieb. Als Laporte dann Vingegaard jeweils wieder näher heranbrachte, drehte sich auch Jorgenson um und half bei den letzten Metern. Besser kann man das nicht spielen!
Analyse: Vingegaard kann sich bei drei Mann besonders bedanken
Quelle: Eurosport
"Es versteht nicht jeder, wie wir gefahren sind, aber die Jungs haben das sehr gut gemacht und wir sind zufrieden", bilanzierte Sportdirektor Grischa Niermann gegenüber Eurosport. So kommt Vingegaard mit nur 1:15 Minuten Rückstand auf Pogacar aus der ersten Tour-Woche heraus. Wenn ihm das vor der Tour jemand angeboten hätte, der Däne hätte sicher zufrieden eingeschlagen.
2. Roglic ist nur die Nr. 4 bei den Big 4
Einer von den "Big 4", den großen Tour-Favoriten, war auf der 9. Etappe immer wieder im Hintertreffen: Roglic. Schon am zweiten Gravel-Sektor verlor der Red Bull-Bora-hansgrohe-Kapitän mit seinen Teamkollegen wegen schlechter Positionierung den Anschluss an die ersten 25 Fahrer, als das Feld in einer steilen Rampe zerriss und die Kontrahenten alle vorne waren. Matteo Sobrero und Bob Jungels mussten extrem viel investieren, um die bis auf knapp 30 Sekunden aufgegangene Lücke auf den nächsten 15 Kilometern wieder zu schließen.
Gravel-Sektor 13 sorgt für Chaos - und bringt Roglic in Nöte
Quelle: Eurosport
Und auch bei den weiteren Attacken von Evenepoel auf Sektor 10 oder Pogacar anschließend konnte Roglic nicht folgen. Er musste froh sein, dass Vingegaard 75 Kilometer vor Schluss die Zusammenarbeit mit Evenepoel und Pogacar verweigerte und das Feld wieder zum bislang besten Trio der Tour vorkam.
"Wir sind heute mit einem blauen Auge davongekommen. Wir sind ganz schlecht in den ersten Sektor hineingekommen und waren dann gleich in der Defensive. Davon zurückzukommen hat dem Team sehr viel Kraft gekostet. Dadurch waren wir im Finale auch nicht so präsent und am Ende ist es Glück und etwas Wohlwollen der anderen Teams, dass Primoz (Roglic) ohne Zeitverlust durchgekommen ist. Das war kein guter Tag von uns heute", bilanzierte Team-Manager Ralph Denk selbstkritisch in der ARD, doch Sportdirektor Rolf Aldag sagte in Troyes zu radsport-news.com: "Am Ende zählt im Radrennen die Ziellinie."
Damit hatte Aldag Recht: Roglic kam ohne Zeitverlust durch eine Etappe, die seinem Team vorher große Sorgen bereitet hatte. Und entsprechend happy und erleichtert durfte man den Slowenen im Ziel auch erleben. "Ich bin zu alt, um nervös zu werden. Ich bin ruhig geblieben und alle haben einen tollen Job gemacht. Das liegt jetzt hinter uns und jetzt müssen wir nach vorn schauen auf das, was kommt", sagte er.
Roglic kommt auf der Gravel-Etappe mit dem blauen Auge davon
Quelle: Eurosport
"Die Beine sind müde, das ist klar. Ich habe den Eindruck, sie müssen heute etwas getan haben", scherzte Roglic weiter. "Aber soweit sind wir immer noch dabei und ich sage es immer wieder: Das Wichtigste ist, dass wir gesund und am Stück geblieben sind. Wir werden sicher in den kommenden zwei Wochen ein tolles Rennen fahren."
Trotzdem blieb in der ersten Woche durchweg der Eindruck: Wann immer Pogacar aufs Gas drückte, war Roglic von den "Big 4" derjenige, der am schlechtesten mithalten konnte. Das zeigte sich an der steilen Rampe von San Luca in Bologna, das zeigte sich am Col du Galibier und das zeigte sich nun auch auf dem Schotter.
3. Der ASO-Plan ist aufgegangen
Seitdem Tour-Veranstalter ASO die Strecke der 111. Frankreich-Rundfahrt im Oktober vorgestellt hatte, war die Schotter-Etappe von Troyes immer wieder in die Kritik geraten. Nahezu jeder Teamchef einer der größeren Mannschaften äußerte sich argwöhnisch. Immer wieder war zu lesen, dass ein solches Teilstück nicht Teil der wichtigsten Rundfahrt des Jahres sein sollte, weil Glück und Pech hier über das Schicksal der Gesamtsiegs-Kandidaten entscheiden würden.
Die Teams investierten viel in Risiko-Prophylaxe, brachten extra viel Ersatz-Material mit und besetzten quasi jeden Schotter-Sektor mit Personal, Laufrädern und Akku-Schraubern, um im Fall von Defekten schnell wechseln zu können.
Am Ende aber ging zumindest bei den Spitzenfahrern fast alles gut und die Tour bekam, was sie bestellt hatte: ein einzigartiges Spektakel ohne den Verlust eines der großen Tour-Favoriten. Von den "Big 4" hatte nur Vingegaard in Sektor 12 einen Platten, und den konnte Visma-Lease a Bike dank schlauer Planung sofort ausbügeln.
Defekt bei Vingegaard - aber Visma weiß sich zu helfen
Quelle: Eurosport
Die Reaktionen aus dem Peloton fielen gemischt aus. "Den Favoriten ist heute nichts passiert, aber ich bleibe bei meiner Meinung, dass ich kein Fan von solchen Etappen bin", sagte Red Bull-Teamchef Ralph Denk der ARD und
sein Fahrer Nico Denz pflichtete bei: "Ich finde es eigentlich frech, uns sowas fahren zu lassen! Das war teilweise loser Kies bergauf – fast wie im Zirkus. Man rutscht nur herum, hat überhaupt keinen Grip, das hat in einer Grand Tour nichts verloren."
Pascal Ackermann (Israel-Premier Tech), der den Sprint des Hauptfeldes im Ziel gewann und Etappen-16. wurde, klang dagegen ganz anders: "Das war ein geiles Rennen, hat richtig Spaß gemacht", sagte er und auch Pogacar sprach im Ziel von "Spaß". Der Slowene gab der ASO außerdem einen Tipp: "Sie sollten uns die Runde umgekehrt fahren lassen, mit dem Rückenwind dann ins Ziel. Das hätte Attacken leichter gemacht!"
Nach dem Erfolg vom Sonntag dürfte sich die ASO bestätigt fühlen und man kann sich wohl sicher sein, dass das nicht die letzte Gravel-Etappe bei der Tour de France war. Allerdings muss man wohl auch festhalten: Glück und Pech haben eine Rolle gespielt und diesmal hat sich mehrheitlich eben das Glück durchgesetzt. Das könnte beim nächsten Mal wieder anders aussehen.
Analyse zur 9. Etappe: Turgis zockt am besten, Stuyven gibt alles
Quelle: Eurosport
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De Florence à Nice : le parcours complet du Tour de France 2024
Quelle: Eurosport