Tour de France 2024 - Drei Dinge, die auffielen: UAE-Team um Tadej Pogacar ist eine Macht mit einem Fragezeichen

Überraschend war es nicht, extrem beeindruckend aber trotzdem: Das UAE Team Emirates hat der 4. Etappe der Tour de France 2024 über den Col du Galibier nach Valloire seinen Stempel aufgedrückt und der Konkurrenz klare Grenzen aufgezeigt. Der aktuell stärkste Fahrer im Rennen hat die mit großem Abstand stärkste Mannschaft hinter sich. Doch ein Fragezeichen bleibt. Drei Dinge, die auffielen.

Pogacar lässt am Galibier die Muskeln spielen und rast davon

Quelle: Eurosport

Tadej Pogacar hat am Col du Galibier unterstrichen, dass er der stärkste Mann in dieser ersten Tour-Woche ist.
Noch überzeugender war aber die Überlegenheit seines Traum-Teams. UAE hatte einen klaren Plan für die erste Alpen-Etappe der 111. Frankreich-Rundfahrt und setzte diesen nahezu perfekt um. Eine kleine Ungereimtheit gab es trotzdem.
Und abseits der 'Men in White'? Da schrumpfte der Kandidatenkreis für das Podium dieser Tour arg zusammen. Red-Bull-Bora-hansgrohe-Kapitän Primoz Roglic ist noch dabei – aber auf der letzten Rille.
Drei Dinge, die auf der 4. Etappe auffielen:

1.) Pogacar und UAE haben's in der Hand

Nach seinem historisch überlegenen Giro-Sieg im Mai ist Tadej Pogacar auch bei der Tour der Stärkste – zumindest ist das die Momentaufnahme nach vier Tagen. Der Slowene wollte Jonas Vingegaard nach seinem ersten Antesten an der Wallfahrtskirche von San Luca am Sonntag auch am ersten richtig hohen und langen Berg der Tour auf den Zahn fühlen.
Und auch wenn der dänische Titelverteidiger zunächst mitspringen konnte, so knackte "Pog" ihn beim Herausbeschleunigen aus den engen Kehren auf den letzten 500 Metern vor dem Gipfel des 2.642 Meter hohen Col du Galibier tatsächlich.
picture

Pogacar hängt Vingegaard am Galibier ab - Roglic mit Problemen

Quelle: Eurosport

Weil er Vingegaard dann in der Abfahrt noch bis auf 35 Sekunden distanzieren konnte, kommt Pogacar mit einem Vorsprung von 45 Sekunden auf Remco Evenepoel und 50 Sekunden auf den Dänen aus dem ersten Kurzbesuch im Hochgebirge heraus.
"Es war eine Traumetappe", sagte Pogacar im Ziel. "Ich wollte hart zuschlagen heute, die anderen treffen. Ich kann mit der Situation jetzt zufrieden sein, auch mit der Form. Jetzt heißt es: Tag für Tag weiterblicken."
Auch wenn Vingegaard sich im Ziel cool gab, weil er – wie auch alle Experten erwarten – darauf hofft, in der dritten Tour-Woche stärker zu werden, spricht nun alles für Pogacar. "Er scheint dieses Jahr außer Konkurrenz zu fahren", stellte Evenepoels Sportlicher Leiter Tom Steels fest.
Maßgeblich für Pogacars ideale Aussichten auf die kommenden zweieinhalb Wochen ist auch der überlegene Auftritt seines Teams, das den Plan für die 4. Etappe nahezu perfekt ausführte – von Nils Politt, der ewig lang allein gegen den Wind fuhr, über Tim Wellens und Marc Soler, die im oberen Teil des Col du Lautaret übernahmen, sowie Pavel Sivakov und Adam Yates, die dann am Galibier das Favoritenfeld ausdünnten, bis hin zu Joao Almeida und Juan Ayuso machten alle einen starken Job für Pogacar und ließen alle anderen Mannschaften sehr alt aussehen.
picture

Velo Club 2: Ullrich zu Pogacar und UAE am Galibier

Quelle: Eurosport

Für die dürfte das regelrecht beängstigend gewesen sein, denn es scheint, als könne UAE mit der Konkurrenz spielen. Wie soll sich da noch jemand trauen, eine Attacke zu fahren und Zeit gegen Pogacar zurückzugewinnen? Die Männer in Weiß haben den Tour-Sieg scheinbar schon nach vier Tagen in der Hand.

2.) Ayuso ist Ass im Ärmel und Gefahrenherd zugleich

So stark das UAE-Team auch war und so sehr die Ausbeute mit Pogacars Sieg sowie Ayusos drittem Rang überzeugen durfte: Ein Haar in der Suppe konnte man am Col du Galibier dann doch finden.
Drei Kilometer vor dem Gipfel nämlich drehte sich Almeida hilfesuchend um, nachdem der Portugiese bereits den größten Teil der Arbeit im oberen Teil des Alpenriesen verrichtet hatte. Er wollte sich vom Spanier ablösen lassen, doch der saß am Ende der achtköpfigen Gruppe und reagierte nicht, bis Almeida wild gestikulierte und dann sowohl er als auch Pogacar den Funk bedienten.
picture

Velo Club 3: Ayuso spielt nicht ganz mit

Quelle: Eurosport

"Da war Almeida richtig böse", sagte Eurosport-Experte Robert Bengsch im Live-Kommentar und auch Bernie Eisel verkniff sich einen Seitenhieb nicht: "Da wird bei Ayusos Manager das Handy klingeln, ob er nicht doch noch zu einem anderen Team kommen will", scherzte der österreichische Sportliche Leiter von Red Bull-Bora-hansgrohe und erklärte später im Velo Club: "Sie wussten vorher, als sie den Vertrag unterschrieben haben vor Jahren: Wir haben einen Kapitän, das ist Pogacar und du fährst mit zur Tour, bist aber Helfer. Dann jetzt wieder neu diskutieren zu müssen - für das Teamgefüge hat man da leichte Kopfschmerzen."
Jan Ullrich, der am Dienstag zu Gast im Velo Club bei Eurosport war, sah es ähnlich: "Wenn das öfter vorkommt, kann das im Kopf des Kapitäns eine Rolle spielen. Man hat ja gesehen, dass Almeida einen ordentlichen Rückstand bekommen hat und Ayuso ein bisschen so getan hat und dann noch Dritter auf der Etappe wird. Er hat nicht 100 Prozent alles gegeben vorher", meinte der Tour-Sieger von 1997.
picture

Tour de France : Stage 4 - Zapping - Team Radio

Quelle: Eurosport

Das Heikle an der Situation ist, dass es nicht das erste Mal ist, dass sich Ayuso nachsagen lassen muss, er sei nicht der teamdienlichste Fahrer. Gerade zwischen ihm und Almeida gab es auch im vergangenen Jahr bei der Vuelta a Espana schon Kompetenzgerangel. Unterm Strich sicherte sich Ayuso mit seiner Fahrweise am Dienstag den zweiten Platz des Teams in der Gesamtwertung. Er ist 1:10 Minuten hinter Pogacar jetzt Gesamtvierter, Almeida bei 1:32 Minuten Achter. Sollte Pogacar widererwarten irgendwann doch schwächeln oder gar ausscheiden, wäre der Spanier nun in der Pole Position auf die Kapitänsrolle.
"Almeida denkt sich abends natürlich: Ich gebe alles und es ist kein Korn mehr drin und der wird Dritter", sagte Ullrich. "Das kann ein bisschen Unruhe reinbringen, aber ich glaube, das haben sie im Griff."
Zumindest nach außen machte man bei UAE zumindest gute Miene. "Joao und ich haben gut zusammengearbeitet und einen tollen Job abgeliefert", meinte Ayuso am Eurosport-Mikrofon und Team-Manager Mauro Gianetti bestätigte: "Es war eine großartige Arbeit vom Team, speziell von Juan und Joao."
picture

Vingegaard-Ansage trotz Rückstand: "Unsere Zeit wird kommen"

Quelle: Eurosport

Almeida selbst sprach im Ziel leider nicht und Pogacar spielte die Sache auf der Pressekonferenz auf Nachfrage herunter. "Ich glaube nicht, dass es Uneinigkeiten in der Taktik mit Ayuso gab. Wenn du Vollgas gibst, musst du manchmal auch schreien, denn sonst hören dich die Teamkollegen nicht. Manchmal sieht es dann so aus, als wäre man verärgert. Ich glaube nicht, dass er das war", meinte er.
Im Blick behalten sollte man diese Situation aber mit Sicherheit – zumal Pogacar bei UAE noch bis 2027 und Ayuso sogar bis 2028 unter Vertrag steht.

3.) Roglic ist bei der Musik, aber nur gerade so

Für Red Bull – Bora – hansgrohe war der Dienstag durchwachsen. Einerseits schlug sich Kapitän Primoz Roglic deutlich besser, als noch am Sonntag in Bologna. Andererseits schien er unter den Top 8, die allen anderen am Galibier deutlich wegfuhren, derjenige mit den größten Schwierigkeiten zu sein.
Und: Während Remco Evenepoel mit Mikel Landa noch bis zum Galibier-Gipfel einen Helfer in seiner Nähe hatte, war der Slowene schon sechs Kilometer vorher allein in der Favoritengruppe, weil Jai Hindley und Aleksandr Vlasov nahezu gleichzeitig zurückfielen.
picture

Ullrich: "Roglic hat heute gezeigt, dass er der Kapitän ist"

Quelle: Eurosport

"Kompliment an Primoz, er hat sich gut durchgekämpft" meinte Ullrich im Velo Club. "Es ist noch einiges drin und er hat heute bewiesen, dass er der einzige Kapitän im Team ist. Alle anderen sollten sich unterordnen."
Das aber sollte eigentlich von Anfang an klar gewesen sein und wurde nur leise infrage gestellt, weil Roglic am Sonntag geschwächelt hatte. Das hat der 34-Jährige nun repariert und im Kampf ums Podium ist er dabei. Doch für den Gesamtsieg scheint er kaum mehr infrage zu kommen.
Das könnte Dich auch interessieren: Katastrophen-Start für Philipsen: "Koche innerlich"

Die Tour de France 2024 bei discovery+ | Diese Vorteile hast Du, wenn Du ein Abo ab 3,99 Euro pro Monat abschließt:
  • Alle 21 Etappen der Tour de France 2024 in voller Länge und ohne Unterbrechung mit deutschem Kommentar live und auf Abruf
  • Alle 21 Tour-Etappen mit dem Eurosport-Radsport-Team um Karsten Migels sowie unseren Experten Jens Voigt, Bernhard Eisel, Robert Bengsch und Co. am Mikrofon
  • Die komplette Eurosport-Berichterstattung inklusive der Tour-Show "Vélo Club" im Anschluss an jede Etappe mit unseren Experten und weiteren prominenten Gästen
  • Alle "Vélo Club"-Folgen inklusive der Episoden mit Jan Ullrich (02.07./03.07.) und Tony Martin (30.06.) live und auf Abruf
  • Zusätzlicher Übertragungsfeed zu allen 21 Tour-Etappen mit den Siegerehrungen im Anschluss
  • Extrafeed mit der englischen Eurosport-Berichterstattung und der Studio-Show "The Breakaway" mit unseren internationalen Radsport-Experten  
  • Timeline Marker: Schneller Zugriff auf die wichtigsten Momente und Attacken der Etappen durch Markierungen im Livestream

picture

De Florence à Nice : le parcours complet du Tour de France 2024

Quelle: Eurosport


Mehr als 3 Mio. Sportfans nutzen bereits die App
Bleiben Sie auf dem Laufenden mit den aktuellsten News und Live-Ergebnissen
Download
Diesen Artikel teilen