Tour de France - drei Dinge, die auf Etappe 9 auffielen: Mathieu van der Poel verpasst Coup auf Highspeed-Etappe
VonJan Zesewitz
Update 14/07/2025 um 00:17 GMT+2 Uhr
Die Tour de France 2025 hat ihre erste große Heldengeschichte. Sie wurde geschrieben von Mathieu van der Poel und dessen Teamkollegen Jonas Rickaert. Zu zweit kämpften sie bei der zweitschnellsten Tour-Etappe der Geschichte von Kilometer 0 an gegen das Feld. Van der Poel verpasste den Coup um 800 Meter. Schließlich kam es doch zum Sprint Royale. Drei Dinge, die auffielen.
Van der Poel erklärt Flucht: "Versuche nicht, Grün zu gewinnen"
Quelle: Eurosport
Alpecin-Deceuninck hat seine Sinnsuche bei der Tour de France nach dem verletzungsbedingten Aus von Jasper Philipsen offenbar gefunden. Auf dem Weg von Chinon nach Chateauroux war es nicht der Sprinterfolg für "Ersatz-Sprinter" Kaden Groves oder die Jagd auf das Grüne Trikot für Mathieu van der Poel.
Stattdessen ging es bei der teaminternen Flucht über 174 Kilometer wohl nur um eines: den Preis des kämpferischsten Fahrers für Jonas Rickaert. Am Ende hätte es noch fast zum Etappensieg für van der Poel gereicht.
Den holte sich stattdessen der Belgier Tim Merlier (Soudal Quick-Step) vor Jonathan Milan (Lidl-Trek). Damit zementierten sie die Hierarchie im Feld der schnellen Männer bei dieser Grande Boucle - die beiden sind die Schnellsten - und Merlier ist noch ein bisschen schneller.
Windkanten, Rückenwind, eine erbarmungslose Verfolgungsjagd - die Etappe wurde zu einer Hochgeschwindigkeitsfahrt. Mit etwas mehr als 50 km/h Durchschnittsgeschwindigkeit war es das schnellste Teilstück seit 1999 und die zweitschnellste Massenstart-Etappe der Tour-Geschichte.
Drei Dinge, die auf der 9. Etappe auffielen:
1. Riesenshow zu hohem Preis
Eine Flachetappe über 175 Kilometer, einen Tag vor der ersten richtigen Bergetappe der Tour, am Ende einer harten ersten Woche der Grande Boucle - es wäre allzu verständlich gewesen, wenn sich die Protagonisten der ersten Tage im Nordwesten Frankreichs einen möglichst ruhigen Tag gemacht hätten.
Nicht so Mathieu van der Poel. Der Niederländer gewann die zweite Etappe in Boulogne-sur-Mer, trug das Gelbe Trikot, war nach Vire in der Spitzengruppe und trug noch einen weiteren Tag das Maillot Jaune, aber er hat immer noch nicht genug.
"Ich hatte mit Jonas (Rickaert, d. Red.) besprochen, dass wir es heute probieren wollen", sagte er am Eurosport-Mikrofon. "Sein Traum ist es, einmal bei der Tour auf dem Podium zu stehen. Ich wollte ihm helfen, den Preis für den kämpferischsten Fahrer zu bekommen."
Mission erfüllt, aber es wäre um ein Haar noch mehr möglich gewesen. Rickaert und er flogen vom allerersten Kilometer an Richtung Chateauroux, bauten sich einen Vorsprung von über fünf Minuten auf und wehrten sich auch gegen die Tempoverschärfungen im Peloton an der Windkante lange Zeit erfolgreich.
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Rickaert scherzt nach Monster-Flucht: "Fahre morgen heim"
Quelle: Eurosport
Rickaert konnte fünf Kilometer vor dem Ziel nicht mehr, aber van der Poel wurde erst weniger als einen Kilometer vor dem Ziel gestellt. Einen geschichtsträchtigen Coup verpasste der 30-Jährige nur um Haaresbreite.
"Es ist schade, dass wir es nicht vollenden konnten, aber wir haben eine gute Show geliefert", sagte van der Poel. Wer den Zeigefinger heben möchte, kann Sinn und Unsinn dieser Aktion natürlich hinterfragen - 175 überharte Kilometer während einer Überführungsetappe für einen der Superstars des Radsports? Nachdem er schon an der Mur de Bretagne und nach Vire völlig entkräftet wirkte? Für einen Gefallen?
Um das Grüne Trikot ging es van der Poel nach eigener Aussage nicht. Man könnte zudem sagen, dass er einem Etappensieg näher war, als wenn er den Tag nur im Feld absolviert hätte - und die nächsten Tage kann der Niederländer in der Anonymität des Pelotons verbringen.
Und an einem Tag, an dem viele mit einem ereignislosen Verlauf rechneten, darf man van der Poel und seinem Entertainment-Bewusstsein dankbar sein, ohne zu viel an seine vergeudeten Kräfte zu denken.
2. Merlier und Milan sind die schnellsten im Feld
Zweimal sprintete Merlier bei dieser Tour um den Tagessieg, zweimal gewann er. Beide Male lag er dabei knapp vor Milan, der seinen Etappensieg auf der 8. Etappe einfuhr, als der Belgier nicht sprinten konnte. Seit dem Aus von Philipsen, der auch auf einen Tagessieg kam, manifestierte sich die Sprinter-Hierarchie.
Kein anderer Sprinter kam bisher an diese beiden heran - und Merlier hatte im direkten Duell zweimal die Nase vorne. Das hat Auswirkungen auf die kommenden - rar gesäten - Massensprints der Tour: Die anderen Teams werden sich bei der Nachführarbeit gegen Ausreißergruppen gegenüber Soudal und Lidl zurückhalten.
Auch im Kampf um das Grüne Trikot herrscht nun Klarheit. Milan ist durch seine Aktivität bei Zwischensprints der Favorit - Merlier könnte sich nun mehr einschalten, da er durch die Etappensiege allein eine Chance sieht. Die Wildcard ist natürlich Tadej Pogacar, aber für den Slowenen ist das Trikot kein Ziel und die Staffelung der Punkte ist ein Nachteil. Im Zwischensprint gibt es beispielsweise genauso viele Punkte zu holen wie im Ziel der Hochgebirgsetappen. 71 Punkte Rückstand könnten angesichts dessen zu viel sein.
Es zeigte sich nach vier Massensprints auch: Biniam Girmay, der Vorjahressieger der Punktewertung, hat keine Chance auf das Trikot. Im Finale ist er nicht auf dem gleichen Level wie Milan und Merlier, das gleiche gilt für Groves und Lottos Arnaud de Lie, der in Chateauroux dem Top-Duo am nächsten kam.
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Analyse zum Sprint Royal: Merlier kommt mit bestem Timing von hinten
Quelle: Eurosport
3. Fast ein Tour-Rekord - Bauhaus staunt
In der Sprinter-Hierarchie in der zweiten Reihe befinden sich auch die beiden Deutschen Pascal Ackermann von Israel-PremierTech und Phil Bauhaus. Der Bahrain-Victorious-Profi wurde auf der 9. Etappe Siebter. Es war seine zweite Top-Ten-Platzierung bei dieser Frankreich-Rundfahrt, aber trotzdem klang er im "ZDF"-Interview ein wenig desillusioniert.
"Es ist meine dritte Tour, daher kann ich nur von meinen beiden letzten Jahren berichten: Aber ich bin jedes Mal ein bisschen darüber erschrocken, wie schnell das alles ist", sagte er. "Ich komme jedes Jahr hier in Topform an – wie es wahrscheinlich auch den 180 anderen Fahrern geht – aber am Ende reicht es nur dafür, am Anschlag zu sprinten und in den Bergen am Anschlag im Gruppetto zu überleben."
Diese Aussage steht exemplarisch für wohl viele Fahrer, die im Schatten der "Superfahrer" stehen, die eben nicht nur Tadej Pogacar und Jonas Vingegaard heißen, sondern auf Flachetappen auch Tim Merlier und Jonathan Milan.
Die bisherige Durchschnittsgeschwindigkeit des Führenden Pogacar nach neun von 21 Etappen liegt bei 45,8 km/h - mit einem flachen Zeitfahren, aber auch nur vier Massensprints und einigen hügeligen Etappen.
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Bauhaus nach Etappe 9 in Chateauroux: "Happy mit Platz 7"
Quelle: Eurosport
Angetrieben vom Rückenwind absolvierte das Peloton das 174 Kilometer lange Teilstück mit einer durchschnittlichen Geschwindigkeit von 50,013 km/h. Nur die 4. Etappe der Tour 1999, gewonnen von Mario Cipollini, war jemals schneller.
Bei der Tour stehen die besten Fahrer der Welt am Start - und so gut wie jeder von ihnen ist in Topform. Dazu kommt, dass es kein wichtigeres Rennen im Kalender gibt, was Prestige und Sichtbarkeit für Fahrer und Teams angeht. Somit wird fast jeden Tag Vollgas gegeben und Tage wie die 8. Etappe bleiben eine Ausnahme. Und für Bauhaus und Co. bleibt nur der tägliche Kampf ums Überleben.
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Highlights: Merlier fängt van der Poel noch ab, Zimmermann stürzt böse
Quelle: Eurosport
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