Tour de France 2025: Remco Evenepoel wird menschlich - Belgier beleuchtet Schattenseiten des Radsport-Spektakels

Remco Evenepoel sorgt mit einer langen Erklärung zu seinem Aus bei der Tour de France 2025 für Aufsehen. Der Belgier gibt dabei ungewöhnliche Einblicke in die Schattenseiten des Radsport-Spektakels. Die Zeilen des 26-Jährigen sprechen Bände über den Druck, unter dem der Doppel-Olympiasieger stand und steht. Gleichzeitig markieren sie eine Wende im Umgang mit Schwäche und Scheitern.

Tour-Aus! Evenepoel steigt am Tourmalet vom Rad

Quelle: Eurosport

Wenn kein Paukenschlag, dann war es doch zumindest ein Bruch mit den Konventionen des Radsports, den Remco Evenepoel (Soudal Quick-Step) am Donnerstagabend mit seinem Post bei Instagram vollzog.
In einem langen Statement erklärte der Belgier seine Aufgabe auf der zwölften Etappe der Tour de Fance 2025 und gab dabei dramatische Einblicke. "Ich bin zerbrochen", berichtete er etwa mit Blick auf seinen Ausstieg auf dem Tagesabschnitt nach Hautacam.
Trotz der problematischen Vorbereitung seit seinem schweren Trainingsunfall im vergangenen Dezember sei er bei der Frankreich-Rundfahrt an den Start gegangen, so der 25-Jährige, der zudem hervorhob, dass sein Körper zwar nicht überbelastet, aber durch die benötigte Energie für den Heilungsprozess trotzdem ausgelaugt gewesen sei.
Er habe die Warnsignale vor und auch während der Tour lange ignoriert, sei über die Schmerzgrenze gegangen, "bis mein Körper endlich sagte: 'Genug'". Wofür das alles? Für das große Ziel, für den Mythos Tour.

Evenepoel-Post spricht Bände

Es waren Ausführungen, die ohne Anklage auskamen, die aber trotzdem Bände sprachen über den Druck auf die Radprofis - und den eigenen Ehrgeiz in einem Geschäft, das brutal sein kann.
Der Radsport ist seit jeher nichts für schwache Nerven: die psychische Belastung durch die Positionskämpfe, die physischen Anforderungen durch die hohen Geschwindigkeiten selbst an den steilsten Anstiegen und natürlich die Unfälle bei 50 km/h oder mehr, die selten ohne Abschürfungen Prellungen oder gar Knochenbrüche abgehen - das Überschreiten der körperlichen Grenze fast als Normalzustand.
Beispiele gefällig? Alleine auf bei der diesjährigen Tour gab es in den ersten 18 Renntagen genügend: Da wäre zum einen der Fall von Tobias Halland Johanessen (Uno X-Mobility), der am Mont Ventoux nach der 16. Etappe so sehr in den roten Bereich gefahren war, dass er im Zielraum kollabierte und mit Sauerstoff behandelt werden musste. Ausstieg aus dem Rennen? Fehlanzeige.
Zum anderen gäbe es da Joao Almeida (UAE Team Emirates-XRG) oder Carlos Rodriguez (Ineos Grenadiers). Almeida, der in seiner Mannschaft als Edelhelfer für Superstar Tadej Pogacar eingeplant war, wurde auf der siebten Etappe in einen Massensturz verwickelt und brach sich eine Rippe.
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Massensturz: Pogacars Edelhelfer unter den gecrashten Fahrern

Quelle: Eurosport

Helden wider Willen?

Die Reaktion seines Teamarztes Dr. Adrian Rotunno: "Die nächsten paar Tage werden schwierig für ihn, aber aktuell sieht es danach aus, dass er morgen an den Start gehen kann."
Tatsächlich überstand Almeida noch den achten Tagesabschnitt, am nächsten Tag war für den Portugiesen aber Schluss. Ähnlich lief es für Rodriguez, der sich auf der 17. Etappe rund einen Kilometer vor dem Ende eine Hüftfraktur zuzog, aber noch über die Ziellinie fuhr, bevor er sich behandeln ließ und die Grand Boucle letztlich doch aufgab.
Und da wäre natürlich auch der Fall von Georg Zimmermann (Intermarché-Wanty), der sich am neunten Tag der großen Schleife bei einem Crash den linken Oberschenkel aufriss, die Etappe beendete, aber am folgenden Tag nicht mehr antrat.
Natürlich macht diese Härte gegen sich selbst, das Überwinden der Schmerzen ein Stück weit den Reiz des Radsports aus und die Fahrer werden für ihre Zähigkeit in der Öffentlichkeit als Helden gefeiert. Doch dahinter steckt oft mehr, als nur der reine Wille in Ziel zu kommen, denn es geht eben auch um Erwartungen und das Überleben im knallharten Radsport-Geschäft.
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Massensturz auf seifiger Straße vor Sprint-Finale – Milan siegt

Quelle: Eurosport

Druck an beiden Enden des Gehaltsspektrums

Während die Top-Stars wie Evenepoel inzwischen Millionengehälter einstreichen und nach ihrer Karriere finanziell exzellent aufgestellt sind, stehen am anderen Ende des Spektrums Fahrer, die fünfstellige Jahressaläre kassieren und ständig um ihren nächsten Vertrag bangen.
Das sorgt für eine Dynamik, die für die Profis äußerst ungesund ist. Die Gutverdiener haben gerade bei den großen Rundfahrten auch von innerhalb ihres Rennstalls den Druck, Topleistung zu bringen. Und auch die Helfer müssen alles riskieren, soll es mit der Laufbahn nicht schnell vorbei sein.
Umso erfrischender ist daher Evenepoels Wortmeldung, der zudem mit den Erwartungen der belgischen Öffentlichkeit als "Erbe von Eddy Merckx" umgehen muss. "Dieser Moment, so schlimm er war, hat gezeigt, dass ich menschlich bin - mit Höhen und Tiefen", schrieb der Doppel-Olympiasieger über seine Aufgabe.
Für den zweimaligen Zeitfahr-Weltmeister könnte "die schwierigste Entscheidung, die ich seit langem treffen musste", aber durchaus ein positives Ende nehmen. Wie er selbst betonte, wolle er sich nun die Zeit nehmen "mich auszuruhen und für eine Weile zu erholen", bevor er wieder in Sattel steige. Eine Entscheidung, die für seine Gesundheit und sportliche Zukunft sicherlich das Beste ist.
Es ist nicht die erste sehr persönliche Botschaft des 25-Jährigen an seine Fans. Zu seinem Comeback im Frühjahr hatte er offen bekannt, wie wichtig ihm das gemeinsame Gebet mit seiner muslimischen Ehefrau bedeute und dass er Teile ihrer Lebensweise übernommen habe. "Für mich ist es ein Rettungsanker. Wir haben viel gebetet, und das hat mir in einer schwierigen Zeit sehr geholfen."

Evenepoel: "Es ist okay, ein Mensch zu sein"

Seine Nachricht verband Evenepoel zudem mit der Hoffnung, insbesondere bei jungen Fahrern ein Umdenken zu erreichen: "Es ist okay, aufzuhören. Es ist okay, sich müde zu fühlen. Es ist okay, ein Mensch zu sein."
Auch wenn es genügend Kritiker geben dürfte, die Evenepoel dies als Schwäche auslegen, könnte diese Botschaft, sollte sie verfangen, für eine nachhaltigeren und besseren Umgang mit den extremen Herausforderungen und Belastungen des Radsports sorgen.
Dass Evenepoel mit seiner Sicht nicht alleine ist, bewies bei der Tour vor zwei Jahren Matej Mohoric mit einem bewegenden Interview nach seinem Etappensieg. Geändert hat sich seitdem manches (etwa im Umgang mit Gehirnerschütterungen), aber der Weg ist noch lang.
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Mohoric bricht nach Sieg in Tränen aus - und denkt an Mäder

Quelle: Eurosport


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