Das Warten war lange, viel zu lange für eine stolze Radsportnation: Seit 1997 hatte es keinen französischen Weltmeister mehr gegeben, doch jetzt hat Julian Alaphilppe seinem Coup von 2020 direkt den nächsten WM-Triumph folgen lassen und wird ein weiteres Jahr das Regenbogentrikot tragen.
Das weckt neue Hoffnungen im Heimatland der Tour, wo man auf einen Gesamtsieger der "grande boucle" sogar noch länger wartet: Seit 1985 und dem letzten Erfolg von Bernard Hinault dauert die Durststrecke nun schon an. Alaphilippe kennt die Erwartungen und den Reflex vieler Fans und Medien: "Frankreich wartet schon lange auf einen Tour-Sieg", sagte der 29-Jährige im Anschluss an sein zweites Gold, und machte klar: "Ich bin noch hungrig, ich habe noch Ziele für meine Karriere!"
Mit seinen 14 Tagen im Gelben Trikot bei der Tour 2019 und durch seine inzwischen sechs, stets spektakulären Etappensiege in den letzten Jahren, ist er zu einem Hauptdarsteller der Rundfahrt geworden - aber reicht es auch dazu, das "maillot jaune" nach Paris zu bringen? Im Sommer vor zwei Jahren trug ihn die Euphorie als Spitzenreiter bis zur 18. Etappe, einen Platz auf dem Podium verlor er erst am letzten Berg der Rundfahrt - es blieb Platz fünf beim Sieg von Egan Bernal. Allerdings hat sich das Leichtgewicht auch noch nie gezielt auf einen Angriff aufs Podium bei einer großen Rundfahrt vorbereitet.
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Alaphilippe hält sich deshalb mit Kampfansagen in Richtung Hinault-Nachfolge zurück: "Ich weiß nicht, ob ich das schaffen kann, der Sieg bei einer Grand Tour ist eine andere Sache als Eintagesrennen." Denn so erfolgreich der Allrounder bei Klassikern (Mailand - San Remo, Flèche Wallonne, Clasica San Sebastian, Strade Bianche), als Etappenjäger und auch teilweise in Zeitfahren ist, bei Rundfahrten auf hohem Niveau steht für ihn bisher nur der Gesamtsieg bei der Tour of California 2016 zu Buche.

WM-Finish: Triumphfahrt für Alaphilippe & Fight um die Medaillen

Große Pläne hat der Weltmeister aber auf jeden Fall: "Ich möchte die Klassiker gewinnen, die mir noch fehlen, wie Lüttich-Basstogne-Lüttich oder die Lombardei-Rundfahrt", gab er als Ziele aus. Und sollte es mit der Tour im nächsten Jahr nichts werden (die Streckenpräsentation am 14. Oktober in Paris, live bei Eurosport, wird dazu schon Aufschluss geben) lockt 2022 auf jeden Fall ein weiteres besonderes Ziel: In Australien könnte er als einziger Fahrer neben Peter Sagan den WM-Hattrick perfekt machen.
Die Marschroute für Alaphilippe ist auf jeden Fall klar: "Das Wichtige ist, Spaß auf dem Rad zu haben. Ich liebe es, so zu fahren, wie es mein Stil ist. Ich liebe es, zu attackieren und mit meinen Siegen die Geschichte des Radsports zu prägen" - und dafür lieben ihn die Fans.

WM: Alaphilippe als Party-Crasher in Flandern

In Flandern hingegen war die Begeisterung an der Strecke bei manchen belgischen Fans begrenzt, als der junge Familienvater sein Solo zu Gold vollendete. "Viele von ihnen haben weniger nette Worte für mich gefunden, als ich mich der Ziellinie genähert habe", berichtete Alaphilippe - ähnliche Erfahrungen musste auch Zeitfahr-Weltmeister Filippo Ganna auf seinem Weg zum Titel machen.

Klare Geste: Fans wollen, dass führender Ganna abbremst

Dass zum großen Finale der Radsport-Party in Flandern am Ende kein Belgier als Weltmeister oder zumindest Medaillengewinner auf dem Podium stand, hatten sich die Gastgeber allerdings auch selbst zuzuschreiben. "Die Belgier sind perfekt gefahren, aber nicht für sich, sondern für Alaphilippe", ätzte Patrick Lefevere, Teamchef seines Deceuninck-Rennstalls.
Zwar hatte sich Supertalent Remco Evenepoel tatsächlich voll in den Dienst der Mannschaft gestellt und sich am Ende in der Tempoarbeit für Kapitän Wout Van Aert völlig verausgabt. Doch damit hatte er auch bis auf den Topfavoriten und Jasper Stuyven alle anderen Belgier abgehängt.

Van Aert: "Bin auch nur ein Mensch"

In der entscheidenden Phase des Rennens waren so plötzlich die Franzosen in der Überzahl und hatten mit dem formstarken Florian Sénéchal einen Top-Joker in der Hinterhand, wähernd Alaphilippe, aufopferungsvoll unterstützt von Valentin Madouas, in die Attacke gehen konnte. "Er hat mehrmals angegriffen und irgendwann konnte ich nicht mehr folgen", gestand Van Aert - "ich bin auch nur ein Mensch".

WM-Highlights: So lief der packende Fight in Flandern

Alaphilippe setzte derweil im Finale 17 Kilometer vor dem Ziel alles auf eine Karte und wurde für seine Risikobereitschaft belohnt. "Alle konzentrierten sich auf Van Aert, Sonny Colbrelli und Mathieu van der Poel, ich aber wollte nicht auf den Sprint warten. Als ich dann zehn, fünfzehn Sekunden Vorsprung hatte, habe ich einfach durchgezogen - auf einem solchen Kurs wie der Schlussrunde darf man sich dann keine Fragen stellen." Das Fehlen des sonst allgegenwärtigen Funks schien den Instinktfahrer kaum zu stören, der taktische Plan von Frankreichs Nationaltrainer Thomas Voeckler ging wie im Vorjahr auf.
Das Tauziehen mit den Verfolgern entschied er dann mit seiner Zeitfahrstärke und Leidensfähigkeit für sich, während bei den Stars in der zweiten Gruppe schnell klar wurde, dass dort niemand in der Lage war, noch in die Medaillenvergabe einzugreifen. "Ich war nicht gigantisch schlecht, hatte aber auch nicht die Beine, um heute Weltmeister zu werden", gestand Van Aert im Ziel und auch van der Poel war nach seinem Sturz bei Olympia erkennbar noch nicht in seiner Topform. So gingen auch Silber und Bronze nicht an die hochgewetteten Kapitäne, sondern an Dylan van Baarle (Niederlande) und Michael Valgren aus Dänemark, für Belgien und Japser Stuyven blieb nur Rang vier und tiefer Frust.
Wie sehr sich die Veranstalter einen Heimsieg gewünscht hatten, verriet Alaphilippe am Tag nach seiner Krönung gegenüber RMC mit Blick auf den Größenunterschied von über 15 Zentimetern zwischen ihm und Van Aert:
Das Weltmeistertrikot, das ich auf dem Podium bekam, war größer als im letzten Jahr: Es war XL und wohl für Wout gedacht.
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