Vierschanzentournee: Andreas Wellinger braucht mehr als ein Möbelhaus - die wahren Duelle von Bischofshofen

Andreas Wellinger erhält mit Rang neun in der Qualifikation von Bischofshofen vor dem abschließenden Springen der Vierschanzentournee einen Dämpfer im Kampf um den Gesamtsieg. Für den Wettkampf am Dreikönigstag hat der Deutsche Hausaufgaben zu erledigen. Seinen Konkurrenten Ryoyu Kobayashi scheint derweil nur ein Temperatursturz aufhalten zu können. Die wahren Duelle von Bischofshofen.

Schmitt analysiert: Hier hat Wellinger noch Reserven

Quelle: Eurosport

Um seinen Schlaf machte sich Andreas Wellinger vor dem Dreikönigstag keine Gedanken. "Ich hab die letzte Nacht geschlafen wie ein Baby. Das sollte heute Nacht auch funktionieren", sagte er am Fuße der Paul-Außerleitner-Schanze in Bischofshofen zu Eurosport.
In der zuvor absolvierten Qualifikation zum letzten Springen der 72. Vierschanzentournee (Sa., 16:15 Uhr im Liveticker) hatte sich der 28-Jährige allerdings noch ein paar Hausaufgaben eingebrockt - sein Sprung auf 128 Meter reichte nur zu Quali-Rang neun.
Schlecht für Wellinger: Ryoyu Kobayashi schnappte sich leicht und locker den Sieg, geht selbstbewusst in den Samstag. Wellingers japanischer Konkurrent, der in der Tourneewertung nach drei von vier Wettkämpfen 4,8 Punkte vor dem Deutschen liegt (Gesamtwertung), sprang satte zehn Meter weiter und holte sich damit den Siegerscheck über 3000 Schweizer Franken (3225 Euro).
Damit sich Kobayashi am Dreikönigstag nicht auch noch den Goldenen Adler und die 100.000 Franken (107.500 Euro) Siegprämie für den Tourneesieger schnappt, muss Wellinger ein paar Fehler in seinem Sprung ausmerzen. "Für morgen heißt's: Mehr Leichtigkeit reinbringen, mehr Fluss - und dann auch besser die Kante treffen", sagte der Normalschanzen-Olympiasieger von 2018.
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Kobayashi segelt Wellinger davon - die Highlights der Quali

Quelle: Eurosport

Vor allem mit dem Timing am Schanzentisch hatte Wellinger Probleme. Er sollte vielleicht noch "bei IKEA vorbeifahren und einen längeren Tisch holen", scherzte der Oberstdorf-Sieger in der "ARD". Das allein tut's aber sicher noch nicht.
Die wahren Duelle von Bischofshofen.

1.) Wellinger gegen den Schanzentisch

An der Geschwindigkeit lag es erneut nicht: Wellinger fuhr in der Qualifikation 1,1 km/h schneller als Kobayashi an, hatte also eigentlich den richtigen Speed. Beim Absprung jedoch lief beim Deutschen einiges schief.
"Die Idee war richtig, aber ich bin einfach voll am Schanzentisch vorbeigefahren", sagte er im besten Skispringer-Jargon. Was er damit meinte: Nach dem verkorksten ersten Trainingssprung (128 m) und einem guten zweiten (138 m) hatte sich Wellinger im Quali-Durchgang auf eine "von der Schulterlinie her" etwas mehr nach vorne verlagerte Anfahrtsposition konzentriert, den Absprung aber um "einen Meter fünfzig" verpasst.
Was beim langen, flachen Anlauf der in den Hang gebauten Paul-Außerleitner-Schanze durchaus passieren kann. "Der Schanzentisch ist tricky", meinte Karl Geiger. "Du wartest, wartest, wartest und plötzlich ist er da - das ist nicht so einfach", meinte Stefan Kraft.
"Es war ein Arbeitstag", hakte Wellinger seinen Quali-Sprung deshalb auch gleich ab: "Das war ein bisschen hölzern, aber das heißt noch lange nichts."
Bis Samstag muss Wellinger aber noch ein paar Hausaufgaben machen. "Ich habe den Eindruck, dass es noch mehr ist als nur das Timing", analysierte Martin Schmitt für Eurosport: "Das macht noch keine zehn Meter aus. Ich finde seine Anfahrtsposition auch einen Tick zu hoch." Auch der Übergang zur Flugphase funktionierte noch nicht reibungslos.
Für das DSV-Team gelte nun: "Gut aufarbeiten, gut analysieren und mit einer klaren Handlungsanweisung in den Tag gehen. Dann sollte es im Probedurchgang gleich ganz anders aussehen", sagte Schmitt. Im Idealfall strahlt Wellinger nach dem Wettkampf dann auch als erster deutscher Sieger seit Sven Hannawald 2002. Klar ist allerdings: "Andi wird eine Glanzleistung brauchen, um an dem Japaner dranzubleiben", meinte Eurosport-Experte Werner Schuster.
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Zu später Absprung: Wellinger lässt in Quali Meter liegen

Quelle: Eurosport

2.) Kobayashi gegen das Wetter

Was Ryoyu Kobayashi am Freitag in Bischofshofen zeigte, war bereits eines Tourneesiegers würdig: 140 Meter im ersten Probedurchgang, den zweiten Sprung locker ausgelassen, 138 Meter dann in der Qualifikation - mit zwei spielerisch leichten Durchgangssiegen zeigte sich der Japaner mehr als gewappnet für das Duell mit Wellinger. "Junge, mach dir keine Hoffnungen - das ist die Botschaft, die er gesendet hat", meinte Schuster als Co-Kommentator der Eurosport-Übertragung beeindruckt.
Das sah Wellinger ähnlich: "Er ist einer der besten Skispringer überhaupt und das muss man neidlos anerkennen. Er ist der klare Favorit, das hat er heute bewiesen." Was den Japaner noch aufhalten könnte, wären Wetterkapriolen - für den Dreikönigstag ist in Bischofshofen Niederschlag angesagt, Regen, der am Nachmittag durchaus in Schnee übergehen könnte. Der Skispringer spricht dabei gerne von schwierigen Bedingungen.
Dass zwischen Wellinger und Kobayashi am Samstag im ersten Durchgang 15 andere Springer vom Balken müssen, könnte so zum Zünglein an der Waage werden. "Das wird ein ganz spannender Tag", blickte Bundestrainer Stefan Horngacher schon mal gespannt voraus. Wird Kobayashi von einer feuchter werdenden, möglicherweise sogar schneebedeckten Spur etwas ausgebremst, könnte sich Wellinger vor dem finalen Durchgang in Pole Position bringen. "Er ist die ganze Saison schon schnell, das wird ihm morgen auch in die Karten spielen bei dem Wetter, das angesagt ist", hofft Schmitt.
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Souveräner Quali-Sieg! Kobayashi mit Ansage vor Tournee-Finale

Quelle: Eurosport

Es sind eben auch nur 4,8 Punkte, die beide trennen, 2,67 Meter - wenig bei einer Schanze mit Hillsize 142. In der Tourneegeschichte gab es bisher elfmal die Situation, dass der Führende mit weniger als fünf Punkten Vorsprung zum letzten Tournee-Springen fuhr. Sechsmal holte der Führende dann auch den Gesamtsieg, fünfmal siegte ein anderer Springer. Wellinger könnte also für den 6:6-Ausgleich sorgen.
Bringt Kobayashi jedoch seine Führung am Samstag nach Hause, würde er mit drei Gesamtsiegen mit Kamil Stoch (Polen), Helmut Recknagel (Deutschland) sowie Björn Wirkola (Norwegen) gleichziehen - und Skisprunggrößen wie Matti Nykänen (Finnland), Andreas Goldberger und Gregor Schlierenzauer (beide Österreich/alle zwei Siege) hinter sich lassen.
Die Bestmarke von Janne Ahonen (Finnland/fünf Tourneesiege) wäre dann nur noch zwei weitere Titel entfernt - nicht mehr undenkbar für den 27-Jährigen, der sich über solche Gedankenspiele jedoch keinen Kopf zu machen scheint.
Der Japaner jedenfalls ließ sich am Freitag erneut nur zu wenigen Wortfetzen hinreißen. "Es ist speziell hier, aber ich mag es", sagte der Bischofshofen-Sieger von 2019 und 2022, womit er zweimal den Tourneesieg fixiert hatte: "Die Sprünge waren gut, vor allem der zweite." Sprach's, und zog gut gelaunt von dannen.

3.) Kraft gegen die Tournee-Enttäuschung

Geht am Dreikönigstag alles mit normalen Dingen zu, machen Kobayashi und Wellinger den Tournee-Sieg unter sich aus. Dahinter hätten die Deutschen Pius Paschke und Karl Geiger - diese Saison immerhin schon Weltcupsieger - gerne im Kampf ums Podest mit eingegriffen, fanden sich aber in Garmisch-Partenkirchen und Innsbruck nicht gut zurecht. Mit Platz 14 und 17 in der Qualifikation von Bischofshofen konnten beide nur bedingt zufrieden sein.
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Jubelfaust im Auslauf: Geiger sammelt neues Selbstvertrauen

Quelle: Eurosport

Auch für Stefan Kraft verliefen die letzten Tage enttäuschend: Nach fünf Siegen aus acht Weltcupspringen vor der Tournee war der Gesamtsieger von 2014/15 favorisiert, fiel nach Platz drei in Oberstdorf durch schwächere Auftritte in Garmisch-Partenkirchen (6.) und Innsbruck (6.) in der Gesamtwertung zurück. "Für ihn ist die Tournee unglücklich verlaufen", resümierte Eurosport-Experte Schuster jetzt schon: "Er hatte immer wieder mal Windpech und hat zur falschen Zeit den falschen Sprung gemacht."
So ist ein österreichischer Dreikampf um den letzten Platz auf dem "Stockerl" entbrannt: Innsbruck-Sieger Jan Hörl (3.) und Kraft (4.) trennen in der Gesamtwertung aktuell 5,7 Weitenmeter, doch auch Michael Hayböck (5.) hat mit 13,9 Metern Rückstand auf Hörl noch Chancen auf Rang drei.
In Bischofshofen ließ Kraft mit Quali-Platz zwei wieder etwas aufhorchen (134 m). Dass einer der ÖSV-Stars jedoch noch den Sprung ganz nach oben aufs Podest schafft, scheint nach der Qualifikation und der starken Kobayashi-Leistung nahezu ausgeschlossen. Hörl überzog vor seiner Heimkulisse und landete mit 129 Metern nur auf Platz acht, Hayböck fand sich mit derselben Weiter sogar nur auf Rang 16 ein.
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Mit Geduld zum Erfolg: Kraft brilliert in Bischofshofen-Quali

Quelle: Eurosport

So muss am Dreikönigstag wohl doch Kraft die österreichischen Kohlen aus dem Feuer holen. Den Tagessieg würde der Pongauer schon gerne einstreichen und damit wenigstens die Führung im Gesamtweltcup untermauern. Der 30-Jährige weiß aber auch: "Ryoyu ist in einer fantastischen Form, richtig stark. Er ist derjenige, den man schlagen muss."
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