Karl Geiger (Oberstdorf) hat beim Neujahrsspringen in Garmisch-Partenkirchen die Spitzenposition der 70. Vierschanzentournee aus den Augen verloren. Kobayashi übernahm nach seinem dritten Sieg in Serie zudem das Gelbe Trikot des Weltcup-Spitzenreiters von Geiger.
Geiger sprang im ersten Durchgang nur 130 Meter - und damit 13 Meter kürzer als Oberstdorf-Sieger Ryoyu Kobayashi. Im zweiten Durchgang kam Geiger bei geringerem Anlauf nur auf 127,5 Meter (265,0 Punkte gesamt) und hatte dabei erneut Pech mit Rückenwind.
"Ich bin ehrlich gesagt stinksauer", sagte Geiger im "ZDF": "Ich hatte zweimal keine guten Bedingungen, aber ich hätte es auch besser machen können." Der Jury machte er explizit keinen Vorwurf.
Skispringen
Geiger knapp am Podest vorbei: Endstand der 70. Vierschanzentournee
06/01/2022 AM 07:54
"Meine Grundstimmung ist jetzt sauer. Ich habe mich gut gefühlt, war gut vorbereitet. Es gibt immer was besser zu machen, aber ich muss mich an die eigene Nase packen und sagen: Das geht besser. An Ziele kann ich jetzt nicht denken, ich muss das erst einmal einordnen", so Geiger weiter.

Bittere Pille für Geiger: Zweimal Windpech und Riesenrückstand

Garmisch-Partenkirchen: Geiger verliert auf Kobayashi

Eurosport-Experte Werner Schuster konnte Geiger verstehen. "Man leidet schon ein bisschen ihm mit. Aber auch er hat bei diesen Bedingungen Schadensbegrenzung betrieben", analysierte der 52-Jährige.
In der Gesamtwertung liegt Geiger (560,9) nun schon 32,3 Punkte hinter Kobayashi (593,2) nur auf Rang sechs - der anvisierte Tournee-Sieg scheint damit unerreichbar.

Zehntel-Entscheidung: Kobayashi hält dem Druck von Eisenbichler stand

Markus Eisenbichler (572,1) rückte dafür hinter den Garmisch-Vierten Marius Lindvik (Norwegen/138,0 m/138,0 m/283,7//580,0) und Kos (135,5 m/138,0/286,0//575,5) auf Rang vier vor. Sein Rückstand auf Kobayashi beträgt vor dem dritten Springen am Dienstag in Innsbruck (ab 13:30 Uhr live bei Eurosport) 21,1 Punkte.
"Die Abstände sind natürlich schon relativ groß", meinte Eurosport-Experte Martin Schmitt: "Da muss man sicherlich jetzt auf einen Fehler von Kobayashi warten, aber zu Lindvik oder Kos ist der Abstand nicht so dramatisch. Es bleibt spannend."

Vierschanzentournee: Eisenbichler kratzt am Schanzenrekord

In Garmisch landete Eisenbichler genau 100 Jahre nach dem ersten Neujahrsspringen mit 0,2 Punkten Rückstand "nur" auf Rang zwei. Den bis dato letzten deutschen Sieg in Garmisch-Partenkirchen hatte Sven Hannawald 2002 geholt - damals gewann Hannawald auch als letzter Deutscher die Vierschanzentournee.
Im ersten Durchgang mit 141,0 Metern schon Zweiter, schrammte Eisenbichler mit seinem zweiten Sprung auf 143,5 Meter (291,0) nur knapp am Schanzenrekord (144,0 m) vorbei - setzte im Radius aber keinen Telemark, was ihm 7,0 Jury-Punkte weniger als Kobayashi bei seinem Siegsprung auf 135,5 m (291,2) einbrachte.
"Aber ich bin zufrieden, voll geil", sagte Eisenbichler im "ZDF".

Mit Traumflug aufs Podest: Eisenbichler kratzt am Schanzenrekord

Garmisch-Partenkirchen: Eisenbichler setzt keinen Telemark

"Eine Augenweide. Er fliegt und fliegt und bekommt gar nicht genug, aber dann vergisst er da unten, den Fuß nach vorne zu schieben. Er hat für mich heute den Sprung des Tages gezeigt. Der Telemark hätte ihm den Sieg gebracht", analysierte Schuster bei Eurosport.
"Den Telemark habe ich mich nicht getraut, denn ich habe da unten keine Linie gesehen. Vielleicht hätte man da ein paar Ästchen reinstecken müssen", sagte Eisenbichler, der ein zufriedenes Fazit zog.
"Im zweiten Durchgang war der linke Ski da und dann geht die Post ab und ich weiß wieder, wo ich hin muss. Wie es in der Wertung ausschaut, interessiert mich jetzt gerade gar nicht", so Eisenbichler weiter.

Starker Sprung, wacklige Landung: Eisenbichler legt gegen Kobayashi nach

Eisenbichler spricht Geiger Mut zu

Für die Tourneehoffnungen des fliegenden Doppelzimmers Geiger/Eisenbichler sieht Schuster noch nicht schwarz. "Damit verteilt sich auch der Druck. Noch ist die Tournee nicht entschieden", sagte der Ex-Bundestrainer.
Eisenbichler sprach Geiger gut zu: "Karl ist mir heute angespannt vorgekommen, aber das ist normal. Es tut mir leid für ihn. Ich habe ihm alle Daumen gedrückt – aber wir bekommen den Karl schon wieder hin."
Bei beiden Sprüngen hatte der 28-Jährige im Vergleich zur direkten Konkurrenz stärkeren Rückenwind, weite Flüge waren damit unmöglich. Bundestrainer Stefan Horngacher meinte im "ZDF": "Der Karl hat ein bisschen Pech gehabt mit den Bedingungen, aber die Sprünge waren nicht so gut wie er das kann."

Kobayashi liefert trotz Druck ab

Klarer Favorit auf den Tournee-Sieg bleibt damit Kobayashi. Der Japaner, der vier der letzten fünf Springen im Weltcup gewinnen konnte und nun die Führung im Gesamtweltcup übernahm, ist aktuell das Maß aller Dinge - wenn auch noch nicht auf dem Niveau von 2018/19.
"Vor dem zweiten Sprung habe ich schon den Druck gespürt", sagte der 25-Jährige, der 2018/19 als insgesamt dritter Springer der Geschichte alle vier Springen der Tournee gewinnen konnte. Dennoch holte er den Sieg.
"Das ist ein schöner Start ins neue Jahr. Ich habe den Wettkampf einfach genossen", sagte der Japaner, der aktuell am stabilsten springt.

Kobayashi: "Es war ein schwerer Wettkampf"

Granerud startet Aufholjagd

Der amtierende Gesamtweltcupsieger Halvor Egner Granerud (Norwegen) ließ derweil wie Geiger bereits im ersten Durchgang mit nur 128 Metern Federn. "Ein misslungener Versuch, das muss man ganz klar so sagen", analysierte Schuster.
"Ich weiß nicht, was passiert ist. Ich bin einfach nicht ins Fliegen gekommen. Das ist richtig scheiße", sagte Granerud im "ZDF".
Mit seinem zweiten Sprung auf 140,5 Meter machte der 25-Jährige (264,2) aber noch 14 Plätze gut und lag am Ende nur 0,8 Punkte hinter Geiger. "Mit diesem Sprung hat er den Schaden auf die gesamte Tournee gesehen in Grenzen gehalten", meinte Schuster. In der Gesamtwertung nimmt der Norweger damit zwischen Eisenbichler und Geiger Rang fünf ein (563,4).

Leyhe erneut in Top Ten - Wellinger im Aufwind

Stephan Leyhe, in Oberstdorf Neunter, durfte als Zehnter (128,0 m/136,5 m/263,7) wieder zufrieden sein. Constantin Schmid belegte nach einem schwachen zweiten Sprung (133,0 m/125,5 m/249,2) Rang 20.
Andreas Wellinger startete derweil mit einem kleinen Erfolgserlebnis ins neue Jahr. Nachdem der Olympiasieger die Qualifikation beim Tournee-Auftakt noch verpasst hatte, landete der Oberbayer auf dem 22. Platz (131,0 m/129,0 m/123,4).
Nicht in den zweiten Durchgang kamen die DSV-Springer Pius Paschke (31./127,0 m/Kiefersfelden), der sein Duell verlor, sowie Justin Lisso (43./121,5 m/Schmiedefeld) und Felix Hoffmann (46./116,0 m/Goldlauter), die sich über die Nationale Gruppe qualifiziert hatten.

Nächstes Debakel für Polen

Polen erlebte erneut ein Debakel: Titelverteidiger Kamil Stoch (Polen) verpasste mit nur 118,0 Metern als 47. wie in Oberstdorf den zweiten Durchgang. Sein Landsmann Dawid Kubacki, 2019/20 der Tournee-Sieger und seit 2021 mit 144 m Schanzenrekordhalter in Garmisch-Partenkirchen, schied als 39. ebenfalls aus (126,0 m) - genauso wie Andrzej Stekala (35./128,0 m) und Pawel Wasek (35./126,0 m).

Desaster für Stoch: Titelverteidiger scheitert im ersten Durchgang

Nur Piotr Zyla (11./135,5 m/131,0/262,0) und Jakub Wolny (23./127,0 m/132,5 m/246,5) holten aus polnischer Sicht Weltcuppunkte. Schon im ersten Durchgang auf der Strecke blieben unter anderem auch der Schweizer Simon Ammann (34./126,5 m) und der Slowene Peter Prevc (38./124,5 m).

Hannawald gewann 2002 als letzter Deutscher

Schon am Freitag hatte Großschanzen-Weltmeister Stefan Kraft (Österreich) als 59. der Qualifikation seine Tournee-Hoffnungen begraben müssen.

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Eisenbichler hatte die Qualifikation vor Oberstdorf-Sieger Kobayashi und Skiflug-Weltmeister Geiger gewonnen. In der Tournee-Wertung lag Geiger nach Oberstdorf nur 6,1 Punkte hinter dem Führenden Kobayashi. Zwischen den beiden befanden sich mit Granerud, Robert Johansson (13./132,0 m/135,0 m/261,2) und Lindvik gleich drei Norweger.
Nun zieht der Tournee-Tross nach Österreich weiter, wo die Springen in Innsbruck sowie Bischofshofen am Donnerstag (ab 17:00 Uhr live bei Eurosport) auf dem Programm stehen. Auf dem legendären Bergisel waren im vergangenen Jahr alle Tournee-Träume von Geiger geplatzt, als er nach einem verkorksten ersten Durchgang nur 16. wurde.

Die Top 10 von Garmisch-Partenkirchen:

PLATZNAME1. DG2. DGPUNKTE
1Kobayashi (JPN)143,0 m135,5 m291,2
2Eisenbichler (GER)141,0 m143,5 m291,0
3Kos (SLO)135,5 m138,0 m286,0
4Lindvik (NOR)138,0 m138,0 m283,7
5Hörl (AUT)134,0 m132,0 m274,9
6Sato (JPN)132,5 m130,0 m267,9
7Geiger (GER)130,0 m127,5 m265,0
8Granerud (NOR)128,0 m140,5 m264,2
9Zajc (SLO)137,0 m127,5 m264,1
10Leyhe (GER)128,0 m136,5 m263,7

Vierschanzentournee: Gesamtwertung

(nach 2 von 4 Springen)
PLATZNAMEPUNKTE
1.R. Kobayashi (Japan)593,2
2.M. Lindvik (Norwegen)580,0 (- 13,2)
3.L. Kos (Slowenien)575,5 (- 17,7)
4.M. Eisenbichler (Deutschland)572,1 (- 21,1)
5.H. E. Granerud (Norwegen)563,4 (- 29,8)
6.K. Geiger (Deutschland)560,9 (- 32,2)
7.R. Johansson (Norwegen)559,8 (- 33,4)
8.S. Leyhe (Deutschland)530,5 (- 62,7)
9.J. Hörl (Österreich)527,3 (- 65,9)
10.D. Huber (Österreich)526,1 (- 67,1)
WER GEWINNT DIE VIERSCHANZENTOURNEE?
Eurosport zeigt alle Springen der Vierschanzentournee in Oberstdorf, Garmisch-Partenkirchen, Innsbruck und Bischofshofen inklusive der Qualifikation LIVE im Free-TV. Werner Schuster kommentiert mit Gerhard Leinauer, Martin Schmitt analysiert mit Birgit Nössing im Studio. Alle Springen LIVE gibt's auch bei Eurosport mit Joyn+!
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(mit SID)

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