Am Sonntagabend vermochte Karl Geiger nur eine Sache ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern: Die Aussicht auf ein Stück Schokolade. Sozusagen als Frustsnack.
Die Aussicht auf das letzte Springen der Vierschanzentournee am Mittwoch in Bischofshofen war da schon weniger verlockend.
"Das Ding ist so gut wie durch", sagte Geiger mit versteinerter Miene und grämte sich sehr: "Das ist einfach frustrierend."
Bischofshofen
Vierschanzentournee in Bischofshofen jetzt live im TV und im Livestream
04/01/2021 AM 11:12
Erneut war am Sonntag der Bergisel zum Schicksalsberg der Deutschen geworden. DSV-Freudentage, wie bei der Nordischen Ski-WM 2019, als Markus Eisenbichler von der Großchance Gold und Geiger Silber gewann, sind in Innsbruck eher die Ausnahme.
SHOWDOWN IN BISCHOFSHOFEN: WER GEWINNT DIE VIERSCHANZENTOURNEE?

Der Schicksalsberg macht seinem Namen alle Ehre

Die Realität bei der Vierschanzentournee hieß zuletzt stets: In Innsbruck verflüchtigen sich alle deutschen Chancen auf den Tourneesieg. In den vergangenen drei Jahren waren Geiger (2020), Eisenbichler (2019) und Richard Freitag (2018) alle als Gesamtzweite nach Österreich gereist - und leckten danach ihre Wunden.
Am Sonntag war’s Geigers erster Sprung auf nur 117 Meter, der den Deutschen Ski-Verband aus allen Träumen riss.
"Der Sprung hat sehr weh getan, der hat uns wahrscheinlich die Vierschanzentournee gekostet", meinte Bundestrainer Stefan Horngacher zu Geigers Hüpfer: "Das ist sehr bitter für uns und für Karl."

Horngacher über Geiger: "Sprung hat sehr wehgetan"

So sah’s auch der Gebeutelte. "Irgendwie ist das die letzten Jahre hier immer unser Genickbruch", meinte Geiger, nach seinem Sieg in Oberstdorf noch obenauf, bei Eurosport: "Das es jetzt schon wieder so ist, da kriegt man einfach nur das Kotzen."

Horngacher "ziemlich gefrustet"

Bis Innsbruck hatte man darauf gelauert, eine Schwäche des bislang so starken Halvor Egner Granerud ausnutzen zu können. Als diese im ersten Durchgang am Bergisel tatsächlich auftrat (116,5 m), konnten es die Deutschen nicht umsetzen - dafür zogen Kamil Stoch und Dawid Kubacki vorbei.
"Vielleicht haben alle auch ein bisschen Angst gehabt vorm Bergisel", legte Horngacher den Finger tief in die deutsche Wunde. "Das war ziemlich ernüchternd, ziemlich bitter. Ich bin ziemlich gefrustet", echauffierte sich Geiger.
Für Bischofshofen (Qualifikation am Dienstag ab 16:30 Uhr live bei Eurosport) bleibt nun in der Tourneewertung lediglich noch die Hoffnung auf einen Podestplatz.

Eisenbichler: "Aufgegeben wird nicht"

Der pünktlich zum Saisonhöhepunkt wieder erstarkte Stoch hat sich mit seinem Sieg in Innsbruck jedenfalls an der Spitze der Gesamtwertung abgesetzt, führt bereits mit 15,2 Punkten Vorsprung auf seinen polnischen Landsmann und Vorjahrestourneesieger Kubacki.
Granerud (+20,6), Geiger (+24,7) und Eisenbichler (+33,4) haben bereits großen Rückstand und werden eher nur noch um Platz zwei und drei mitspringen.
Auch wenn vor allem Eisenbichler, Fünfter der Gesamtwertung, noch nicht zurückstecken mag. "Aufgegeben wird nicht", sagte er angriffslustig: "Bischofshofen ist eine große Schanze. Da bin ich im Sommer schon 150 Meter gehüpft. Da kann man weit springen."

Eisenbichler fühlt mit Geiger: "Für Karl tut's mir leid"

Geiger müssen sie dagegen am Montag erst wieder aufbauen. "Der Ruhetag kommt genau richtig. Den brauch ich", sagt er, nachdem er am Sonntagabend erstmal "runterfahren" musste. "Momentan könnte ich überall reintreten. So kenne ich mich eigentlich gar nicht", hatte er unmittelbar nach dem Springen gesagt.

Eisenbichler will mit Geiger reden

An einen deutschen Gesamtsieg ist aber nicht mehr ernsthaft zu denken, auch wenn Eisenbichler am Sonntag nochmal an das Schicksal Daniel André Tandes erinnerte, der 2017 in Bischofshofen beim letzten Sprung abstürzte, weil sich bei ihm ein Sicherheitsclip an der Bindung gelöst hatte. Stoch profitierte damals davon und holte sich den goldenen Adler.
"Es ist sehr viel möglich", meinte Eisenbichler, an den Tande-Vorfall denkend: "Darum sage ich auch immer, dass man nie aufgeben darf. Man muss immer daran glauben, dass etwas möglich ist. Wir greifen nochmal an."
Zu Geiger werde er am Ruhetag das Gespräch suchen. "Ich werde mit ihm reden, wenn er sich ein bisschen abgekühlt hat. Wir kriegen das schon hin. Der Karl ist eigentlich eine Frohnatur", sagte der 29-Jährige über seinen zwei Jahre jüngeren Kumpel, der so sehr auf den ersten deutschen Gesamtsieg seit Sven Hannawald 2002 gehofft hatte.

In Bischofshofen geht es auch um Weltcup-Punkte

Horngacher hob derweil hervor, dass es in Bischofshofen ja auch um einen Einzelsieg gehe. Und Weltcup-Punkte. "Der freie Tag wird ihm helfen. Gesamtweltcup, Raw Air – es gibt noch viel zu gewinnen. Einen großen Titel hat er ja schon", sagte er über Geiger, der sich in Planica schon zum Skiflug-Weltmeister gekrönt hatte.
Eisenbichler könnte derweil mit einer Top-Platzierung den Abstand auf den Gesamtweltcupführenden Granerud verkürzen. Der Deutsche steht als Zweiter bei 584 Punkten, der Norweger hat 746. 100 gibt es für einen Sieg. 16 von 26 Einzel-Weltcups sind noch nach der Tournee geplant.
"Bischofshofen ist eine sehr schwierige Schanze, aber wenn ich die Kante erwische, ist sie eine sehr gute Schanze für mich. Es ist eine Fliegerschanze", sagte der Skiflug-WM-Dritte Eisenbichler. Ergo: "Ich komme wieder besser in Schwung, ich freue mich drauf."

"Herber Schlag" für Geiger: Die Analyse zum Bergiselspringen

Außerdem möchte der DSV wieder mehr als drei Springer ins Finale bringen. Severin Freund (34.), Pius Paschke (36.) und Constantin Schmid (39.) hatten in Innsbruck erneut enttäuscht.
"Der Druck ist raus aus dem Kessel, wir können befreit drauflosspringen", hofft der Bundestrainer. In Bischofshofen müsse man vor allem die Trainingsdurchgänge besser gestalten, um bis zum Wettkampf nicht wieder alles aufholen zu müssen: "Wer weiß, was dann noch alles passiert."

Kubacki vs. Stoch: Die Historie spricht für den Altmeister

Am wahrscheinlichsten aber machen Stoch und Kubacki den Sieg unter sich aus. Letzterer hatte im Vorjahr in Bischofshofen gewonnen und in der Qualifikation sogar einen neuen Schanzenrekord aufgestellt (145,0 Meter).
Stoch hatte sich in den letzten Wochen bis Innsbruck peu à peu gesteigert und nach Platz zwei in Oberstdorf und Platz vier in Garmisch-Partenkirchen genau zur rechten Zeit seinen ersten Saisonsieg geholt. Auch die Historie spricht für ihn: In 23 der letzten 25 Tourneen holte sich der nach Innsbruck Führende am Ende auch den Tourneesieg.
"Der Chef ist zurück", analysierte Ex-Bundestrainer Werner Schuster bei Eurosport. Sein zweiter Sprung in Innsbruck sei "eine Augenweide" gewesen: "Er hat zurecht gewonnen." Auch Eurosport-Experte Martin Schmitt lobte: "Kamil war unglaublich. Das war ein bärenstarker Wettbewerb. Er hat keine Fehler gemacht. Er hat seine Chance genutzt."
So musste auch Horngacher letztlich anerkennen: "Der Kamil hat wieder gezeigt, wer der Chef im Ring ist. Er zieht das auch wieder gnadenlos durch. Gratulation an ihn. Er ist ein toller Springer."
Die Vierschanzentournee 2020/21: Alle Springen - Qualifikation und Wettkampf - in Oberstdorf (28.12./29.12.), Garmisch-Partenkirchen (31.12./1.1.), Innsbruck (2.1./3.1.) und Bischofshofen (5.1./6.1.) LIVE im Free-TV bei Eurosport 1 und bei Eurosport auf Joyn!
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