Vierschanzentournee - DSV-Sportdirektor Horst Hüttel im Interview: "Die Trainer gehen auf Volllast"
Die deutschen Skispringer enttäuschen bei der Vierschanzentournee. Auf der dritten Station in Innsbruck schafft es nur Philipp Raimund (13.) in die Top 15. Eurosport-Experte Martin Schmitt traf nach dem Bergiselspringen Sportdirektor Horst Hüttel und fragte: Wie kam es zum Absturz der DSV-Adler? Wie will man aus dem Loch wieder rauskommen? Beim DSV erwägt man nun offenbar auch Weltcup-Verzichte.
DSV-Sportdirektor Hüttel: "Haben derzeit keinen in der ersten Liga"
Quelle: Eurosport
Die deutsche Bilanz bei der Vierschanzentournee 2022/23 ist nach drei von vier Springen ernüchternd.
Nach einem guten Start in Oberstdorf, als Karl Geiger (4.) und Andreas Wellinger (6.) überzeugen konnten, ging auf den Stationen in Garmisch-Partenkirchen und Innsbruck immer weniger.
Youngster Philipp Raimund platzierte sich zweimal als bester Deutscher (9./13.), beim Rest gab es nur wenige Lichtblicke. Tiefpunkt: das Aus von Karl Geiger in der Qualifikation am Bergisel (51.).
Nach dem Bergiselspringen in Innsbruck sprach Eurosport-Experte Martin Schmitt mit DSV-Sportdirektor Horst Hüttel und fühlte dem deutschen Skisprungteam auf den Zahn.
Martin Schmitt: Horst Hüttel, ein Tournee-Verlauf, der dich als Sportdirektor sicherlich nicht zufriedenstellt!?
Horst Hüttel: Nein, kann er nicht. Da haben wir höhere Ansprüche. Die hat das Trainerteam, die haben wir als Verband, die haben die Athleten selbst auch. Es ist im Moment keine so einfache Zeit für uns. Wir sind in Oberstdorf mit den Plätzen vier und sechs nicht so schlecht reingestartet, waren nur einen Meter weg vom Podium. Da haben wir gedacht, dass ein Aufwärtstrend da ist. Aber das konnten wir leider nicht fortsetzen.
Schmitt: Ihr wart im Vorfeld ja sehr optimistisch. Stefan Horngacher hat gesagt, er vertraut dem Team. Er hat von dem 'stärksten Team' gesprochen. War das auch ein bisschen Zweckoptimismus oder ein bisschen Hoffnung?
Hüttel: Nach Engelberg sind sie drei Tage zum Training nach Oberstdorf gefahren, da war ich auch einen Tag mit dabei. Das lief wirklich sehr, sehr gut. Man weiß ja, von welchem Balken man wegfährt, kennt die Bedingungen und hat auch das Gefühl der Athleten. Diese zwei Sprungtage haben großen Optimismus verbreitet. Aber das man letztlich im Angriffsmodus zur Tournee fährt, denke ich, muss so sein und ist auch berechtigt. Fakt ist, dass wir hier jetzt nicht die Qualität zeigen können, die sich Stefan Horngacher erhofft hat.
Schmitt: Von deiner Position von außen aus betrachtet, ist es dann eher eine mentale Geschichte, dass man die Trainingsleistungen bei der Tournee nicht umsetzen konnte, oder sind es doch ein paar technische Defizite?
Hüttel: Nein, wir sind jetzt im Training auch nicht besser. Klar, gestern das (Aus, Anm. d. Red.) von Karl, das muss man natürlich individuell sehen. Einerseits spielt der Kopf beim Skispringen immer mit rein. Aber es ist im Moment schwierig, das Ganze einzuordnen. Wenn welche wie Granerud oder Kubacki vornewegfliegen, hat das oft einen systemischen Charakter. Wenn man sich das Neujahrsspringen anschaut, ist es aber im Moment so: Granerud gewinnt, der zweite Norweger ist aber nicht unter den besten 15. Das heißt, es sind im Moment individuelle Dinge, die reinspielen. Aber wir haben eben in dieser ersten Liga derzeit leider keinen dabei.
Schmitt: Aber die individuelle Qualität haben die Jungs ja, wenn sie an ihrem Optimum springen. Was könnt ihr jetzt machen? Im Laufe der Vierschanzentournee ist die Zeit natürlich jetzt knapp. Aber mehr mit Blick auf die WM in Planica?
Hüttel: Jetzt haben wir noch die zwei Sprungtage in Bischofshofen und wir werden das mit Anstand zu Ende bringen und werden kämpfen bis zum Schluss, keine Frage. Das sind wir allen schuldig. Ich denke eher, dass man danach auch mal ein Stück weit methodisch überlegen muss, es kommen dann Weltcups in Japan und Amerika. Es geht dann so die zweite Phase des Winters los Richtung Weltmeisterschaft. Wir haben jetzt sieben Stationen, 21 sind es in der Saison. Ich glaube, dass man sich dann schon mal methodisch etwas überlegen muss und ich denke, da wird sich auch Stefan Horngacher schon Gedanken machen. Denn ich sehe es nicht unbedingt im Material und vordergründig auch nicht in der Psyche. Die Jungs sind eigentlich ausbalanciert und wenn man Oberstdorf sieht, dann hat ja jeder für sich auch ein Stück weit seine Ergebnisse gebracht. Aber eben keiner konstant und keiner auf ganz hohem Level.
Schmitt: Orientiert ihr euch denn auch ein bisschen an den anderen, guckt ihr, wo die Richtung international bei der Sprungtechnik hingeht, oder vertraut ihr einfach auf eure Stärken und habt die Überzeugung, wenn ihr die eigenen Stärken ausspielen könnt, dann seid ihr vorne dabei?
Hüttel: Ich glaube, es liegt sehr im Individuellen. Was jetzt für Andreas Wellinger in den letzten Wochen und Monaten das Richtige war, muss jetzt nicht für Markus Eisenbichler das Richtige sein. Jeder hat ja auch eine andere Geschichte. Er (Markus Eisenbichler, Anm. d. Red.) ist hier ja zwei Mal ausgeschieden. Ich glaube, das muss man individuell sehen. Unterm Strich glaube ich, dass die Mannschaft gut funktioniert. Die stehen enorm eng zusammen. Die Trainer gehen auf Volllast, die agieren und ackern jeden Tag von früh bis Nacht. Also das Engagement ist hoch. Aber das ist schon richtig. Die Frage ist, was fällt uns jetzt ein in den nächsten Tagen und Wochen? Und ich hoffe mal, dass uns etwas einfällt, dass wir näher und einen Schritt weiterkommen.
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Quelle: Eurosport
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