Das Interview führte Alice Tietje

Herr Geiger, haben Sie sich für die kommenden Wochen schon einen Netflix-Plan zusammengestellt?

Kontiolahti
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16/03/2020 AM 13:44

Karl Geiger: Nein, habe ich noch nicht. Ich habe zwar Zeit, da die Saison vorzeitig beendet wurde, aber es haben sich einige Dinge zuhause angestaut. So schnell wird mir aktuell nicht langweilig.

Die Raw Air war von Beginn an geprägt durch den Coronavirus. Angefangen beim Zuschauerausschluss in Oslo bis zum plötzlichen Abbruch am Donnerstag in Trondheim. Wie haben Sie das Event erlebt?

Geiger: Das war schon merkwürdig. Der Ausschluss der Zuschauer fühlt sich ein bisschen komisch an, weil man es nicht gewöhnt ist, aber es ist prinzipiell nicht schlimm. Man macht ganz normal seine Sprünge, das Fernsehen überträgt - das Geschäft bleibt immer noch so, wie es davor war. Es wurde dann merkwürdig, als die Maßnahmen immer mehr verschärft wurden. Ich persönlich habe damit nicht gerechnet und hätte die Krise auch nicht so gravierend eingestuft.

Weil Sie es nicht gedacht haben, dass es so ernst ist?

Geiger: Absolut. Ich war einer derjenigen, der gesagt hat: 'Ich finde es übertrieben, dass die Events ohne Zuschauer stattfinden.' Ich konnte mir nicht vorstellen, dass das so ein Ausmaß annimmt. Mit den Tagen merkte man, dass man aufpassen muss. Dann wurde alles abgesagt. Wir haben nach Abbruch der Tour nur geschaut, dass wir aus Norwegen wieder rauskommen.

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Im Profi-Fußball spricht man davon, dass die Geisterspiele ohne Fans keinen Sinn ergeben, weil der Fan wichtiger Bestandteil des Sports ist. Wie ist es für einen Skispringer ohne Zuschauer?

Geiger: Fußballer sind es nur nicht mehr gewöhnt. Im Kindesalter sind auch nicht viele Zuschauer da. Es ist etwas anderes ohne Zuschauer, aber der Sport bleibt der gleiche. Es fühlt sich strange an, aber sobald ich mich vom Balken losschubse, bekomme ich die Zuschauer auch nicht mehr mit. Davor und danach, da kann man die Atmosphäre aber voll aufsaugen.

Wie haben Sie dann vom Abbruch erfahren?

Geiger: Das war ziemlich spontan. Wir haben uns noch auf den Wettkampf vorbereitet und dann hieß es: 'Die norwegische Regierung setzt sich gerade zusammen, und bespricht, ob solche Veranstaltungen noch durchgeführt werden.' Und plötzlich wurde gemeldet: 'Die Raw Air in Vikersund ist abgesagt worden, aber das heutige Springen steht noch im Raum.' Zehn Minuten, nachdem wir uns normal vorbereitet hatten, wurde das Springen dann doch abgesagt. Dann steht man vor vollendeten Tatsachen.

Dann ging es ja auch ganz schnell...

Geiger: Wir haben innerhalb von zehn Minuten erfahren, dass neben der Raw Air auch die Skiflug-WM in Planica abgesagt wurde. Das plötzliche Saisonende hat einem ein komisches Gefühl gegeben. Zuerst ist man extrem enttäuscht, weil man sich noch etwas für das Ende der Saison vorgenommen hatte. Dann steht man halt da. Ich habe noch gefragt, ob es eine Gesamtsiegerehrung geben wird, aber es hieß nur: 'Nein.' Das ist dann echt ein unbefriedigendes Ende.

Für Sie persönlich ging es ja auch noch um den Gesamtweltcup im Kampf gegen Stefan Kraft. Was hat die Absage bei Ihnen ausgelöst?

Geiger: Es ging mir nicht um den Gesamtweltcup. Ich wollte zum Schluss noch ein paar schöne Wettkämpfe machen und die WM in meiner Form absolvieren. Das hat man nicht alle Tage. Für die Gesamtwertung war es zwar schade, aber der Stefan Kraft war schon einige Punkte weg. Ich hatte realisiert, dass das Rennen schon gelaufen ist. Dennoch war ich noch motiviert und wollte alles geben, aber das ging nicht mehr.

Vor der Raw Air hatten sich viele deutsche Fans auf einen Zweikampf zwischen Ihnen und Kraft gefreut. Dazu kam es dann leider auch sportlich nicht, weil sowohl Sie als auch Stefan Kraft ungewohnt schwächelten. Woran lag das?

Geiger: Das war ein bisschen schade. Komischerweise haben wir beide hinten raus unsere Problemchen bekommen. Es ist immer schwer zu beurteilen, aber am Ende war es wohl ein technischer Fehler, der sich langsam eingeschlichen hat. Es hat nicht mehr so funktioniert. Das ist Spitzensport, es geht schnell. Wenn man nicht mehr ganz in Form ist, gibt es andere, die es sind und ihre Chance nutzen. Dann ist man plötzlich 15 Plätze weiter hinten, das geht ratzfatz.

Wie wurde dann die Spitzenplätze im Gesamtweltcupsieger geehrt?

Geiger: Gar nicht. Ich habe nur gesagt bekommen, dass ich etwas per Post bekomme.

Karl Geiger (l.), Stefan Kraft (Gelbes Trikot) und Daniel-André Tande beim Weltcup in Lahti

Fotocredit: Getty Images

Inwiefern beeinflusst die Corona-Krise jetzt den sportlichen Alltag? Glück gehabt, weil die Saison kurz vor dem Ende stand oder sind da schon Planungen betroffen?

Geiger: Die sind schon betroffen. Wir haben zwar zwei Wochen vorher Schluss gemacht, sind aber noch im Winter-Modus drin. Wir sind so vorbereitet, dass die Saison noch ein bisschen länger geht. Deswegen starten wir in die neue Saison gleich nahtlos weiter und nutzen die Zeit noch fürs Krafttraining. Ich stand allerdings vor verschlossener Turnhalle, weil die Schulen alles abriegeln mussten. Das war schon ein bisschen bitter.

Sind sie denn für das Training zuhause ausgestattet?

Geiger: Ja, mit ein bisschen hin und her bin ich ins Gebäude reingekommen und habe mir dann noch eine Hantelstange und ein paar Gewichte schnappen können. Zuhause habe ich auch einiges und Sprungtraining kann ich auch hier machen. Die Trainer sind auch limitiert, also mache ich das alles nach Trainingsplan in Eigenregie zuhause.

Fällt Ihnen die Eigeninitiative leicht?

Geiger: Ich bin ziemlich motiviert und schon immer extrem akribisch gewesen. Ich habe keine Probleme damit, mich zu motivieren. Ich weiß, dass eine neue Saison vor der Tür steht - hoffentlich.

Wie groß ist die Sorge, dass Ihre Saison entfällt?

Geiger: Die Fußball-EM wurde schon verschoben. Ich habe die Hoffnung, dass bis zum Winter alles wieder normal stattfinden kann. Ende Mai wollen wir eigentlich wieder auf die Schanze, bis dahin geht die Vorbereitung noch recht gut von daheim.

Karl Geiger hatte in der abgelaufenen Saison häufig Grund zum Lachen. Unter anderem holte er vier Saisonsiege.

Fotocredit: SID

Wie verbringen Sie persönlich jetzt die kommenden Wochen? Was tun Sie, damit Ihnen zu Hause nicht der Kopf auf die Decke fällt?

Geiger: Ich persönlich freue mich auf die Zeit zuhause, da ich jetzt vier Monate non-stop unterwegs war. Daher fällt es mir wahrscheinlich leichter. Ich bin froh, ein paar Tage in Ruhe zuhause zu sein. Der Strom ist ja zum Glück noch da (lacht).

Für Sie war es insgesamt eine sehr erfolgreiche Saison: Zweiter Platz im Gesamtweltcup, erstmals im Gelben Trikot, Dritter bei der Tournee, vier Saisonsiege. Gab es durch die Umstände überhaupt Zeit, das zu verarbeiten, vielleicht sogar zu feiern?

Geiger: Nein, noch nicht. Es war wirklich eine Wahnsinnssaison. Es braucht noch, bis ich begreife, wie gut es eigentlich gelaufen ist. Im Winter ist man immer unterwegs und schaut von Wettkampf zu Wettkampf, da steckt man die Gefühle in eine Schublade, damit man sich konzentriert auf das nächste Event vorbereiten kann. Diese Schublade habe ich bis jetzt noch nicht aufgemacht. Da muss ich erst mal stöbern, bis ich realisiere, was da eigentlich abgegangen ist.

Versuchen wir die Schublade zu öffnen: Wie fällt denn das Fazit zur Saison aus?

Geiger: Sehr gut. Diese Saison haben wirklich viele Dinge sehr gut funktioniert. Ich habe einen ganz deutlichen Schritt nach vorne gemacht. Es ist schon in der Vergangenheit von Jahr zu Jahr immer etwas besser geworden, diesmal war es aber ein sehr großer Sprung. Die Konstanz war deutlich größer und die Platzierungen besser. Mein Standardniveau war um Platz fünf herum: An guten Wochenenden bin ich aufs Podest gesprungen, an schlechten bin ich 7. oder 15. geworden. Es lief wirklich sehr gut.

Was war das Highlight?

Geiger: Das war die Vierschanzentournee mit dem Auftaktspringen in meiner Heimat Oberstdorf. Es war ein ganz besonderes Erlebnis, weil ich in den Jahren zuvor immer zu diesem Zeitpunkt nicht mehr richtig in Form war. Dieses Jahr ist mir das extrem gut gelungen. Das war ein sehr emotionaler Moment.

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Ärgert Sie es, dass sie nicht ganz oben landen konnten?

Geiger: Ich habe mich sehr geärgert, auch weil ich von den Bedingungen nicht mit Glück gesegnet wurde. Vor allem in Innsbruck habe ich ziemlich ins Klo gegriffen, wenn man das so sagen kann. Da habe ich die Tournee verloren, das hat mich schon geärgert. Im Umkehrschluss war es für mich extrem viel wert, dass ich in Bischofshofen nochmal auf das Podest springen konnte, ich war eigentlich ziemlich sauer, habe aber die Kurve gekriegt. Es war eine tolle Tournee und mit meinem dritten Platz brauche ich mich nicht zu verstecken.

Wie sind nach solch einer Saison die Ambitionen für die folgende inklusive Heim-WM?

Geiger: Der Anspruch ist es, weiter anzuknüpfen und sich im Sommer noch mal weiterzuentwickeln. Es gibt immer etwas zu tun, es gibt immer Optimierungsmöglichkeiten. Ich bin ziemlich motiviert, dran zu bleiben. Erstmal gesund bleiben, das ist das Wichtigste. Wie schnell das gehen kann, hat man bei Stephan Leyhe gesehen, der sich schwer verletzt hat. Ich will im kommenden Jahr nochmal bessere Sprünge zeigen und dann werden die Ergebnisse hoffentlich ähnlich sein. Ich werde alles daran setzen, weiter vorne mitmischen zu können. Ich weiß, dass ich auf dem richtigen Weg bin und muss da dranbleiben.

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