Eurosport-Experte Werner Schuster im Interview: "Granerud wandelt auf ganz schmalem Grat"
Die deutschen Skispringer und Skispringerinnen sind stark in die Olympia-Saison gestartet. Karl Geiger, Markus Eisenbichler und Katharina Althaus sorgten bereits für zahlreiche Podestplätze. Ex-Bundestrainer und Eurosport-Experte Werner Schuster spricht im Exklusiv-Interview über die Stärke der Deutschen, Geigers größten Konkurrenten und die Probleme bei Halvor Egner Granerud und den Polen.
Halvor Egner Granerud
Fotocredit: Imago
Am kommenden Wochenende steht für die deutschen Skispringer und Skispringerinnen in Klingenthal der erste Heim-Weltcup der Saison an. Aufgrund der aktuellen Corona-Maßnahmen leider ohne Zuschauer vor Ort.
Dennoch dürfen sich die deutschen Skisprung-Fans auf ein tolles Heimspiel freuen, denn die DSV-Vorzeigeflieger Karl Geiger und Markus Eisenbichler reisen als Erster und Dritter im Gesamtweltcup ins Vogtland. Eurosport-Experte Werner Schuster erklärt im Interview mit Eurosport.de, was die beiden aktuell so stark macht.
In Klingenthal mit dabei ist auch Andreas Wellinger, der am Sonntag beim Einzelwettkampf in Wisla als 37. einen Rückschlag auf dem Weg nach oben erlitt. Schuster sieht den Normalschanzen-Olympiasieger von 2018 dennoch auf einem guten Weg. "Es fehlt noch ein bisschen was, aber nicht mehr so viel", sagt der ehemalige Bundestrainer.
Gespannt ist Schuster auch auf die Rückkehr von Ryoyu Kobayashi, der in Nizhny Tagil und Ruka starke Sprünge zeigte, dann aber wegen einer Corona-Infektion in Quarantäne musste. Für Schuster ist der Japaner der größte Konkurrent der Deutschen. Auch weil der Gesamtweltcupsieger der vergangenen Saison, Halvor Egner Granerud aus Norwegen, nach einem starken Saisonstart in Russland in der Folge in Ruka und Wisla erstaunlich schwächelte.
Schuster erklärt, warum der Überflieger der vergangenen Saison aktuell entweder in den "Top Drei oder außerhalb der Top 50" landet, warum die Polen noch nicht in Schwung gekommen sind und was er in dieser Saison von Katharina Althaus, die am vergangenen Wochenende in Lillehammer ihren achten Weltcupsieg feiern konnte, erwartet.
Das Interview führte Jonas Klinke
Herr Schuster, die ersten drei Weltcup-Wochenenden sind vorbei. Jetzt geht es für die deutschen Springer zum ersten Heim-Weltcup der Saison nach Klingenthal. Karl Geiger führt aktuell im Gesamtweltcup, Markus Eisenbichler ist Dritter. Abgesehen vom Sonntagsspringen in Wisla stand immer mindestens Geiger oder Eisenbichler auf dem Podest. Was macht die beiden aktuell so stark?
Werner Schuster: Die beiden sind jetzt schon seit gut drei Jahren das Top-Duo im Deutschen Skiverband. Natürlich mit wechselhaftem Verlauf. Aber eigentlich haben sie sich als Führungsduo etabliert. Sie sind zusammen im Doppelzimmer und verstehen sich gut. Sie stützen sich auch gegenseitig. Grundsätzlich sieht man, dass das deutsche Team am kompaktesten von allen ist.
Angesicht der aktuellen Qualität von Geiger und Eisenbichler: Dürfen sich die Fans Hoffnungen auf einen deutschen Heimsieg in Klingenthal machen?
Schuster: Ja, auf jeden Fall. Geiger und Eisenbichler haben bei jedem Springen die Chance aufs Podium und auch aufs oberste Podest zu kommen, die sind super in Form. Schade, dass keine Zuschauer dabei sind, aber die Fans an den Bildschirmen können dem Heim-Weltcup mit sehr viel Vorfreude entgegenblicken.
Andreas Wellinger kam in den ersten Springen immer besser in Schwung. Am Freitag war er in der Quali von Wisla gar Achter, am Sonntag verpasste er dann jedoch das Finale. Glauben Sie das war ein Ausrutscher auf dem Weg zurück nach oben oder werden wir auch im weiteren Saisonverlauf einen wechselhaften Andreas Wellinger erleben?
Schuster: Das kann man noch nicht abschätzen. Es hat jetzt schon einiges darauf hingedeutet, dass es in die richtige Richtung geht. Er hat sich meistens zu Beginn des Wochenendes sehr schwer getan und sich dann von Tag zu Tag gesteigert und passable Ergebnisse eingefahren. In Wisla hat er sehr gut begonnen, wurde dann allerdings nicht fürs Team nominiert, das war sein Pech. Dadurch hatte er wieder einen Tag Pause und verlor den Rhythmus. So ist er wieder zurückgefallen. Ich kenne ihn gut, ich schätze ihn und ich wünsche ihm von Herzen, dass er wieder aufschließen kann. Es fehlt noch ein bisschen was, aber nicht mehr so viel.
Ist es bei ihm ein mentaler Aspekt oder sehen Sie in seinem Sprung noch technische Kleinigkeiten?
Schuster: Es ist schon noch ein technisches Problem. Man sieht, dass er noch nicht so stabil ist. Er hat etwas die Anfahrtsposition umgestellt. Er versucht seinen Absprung, der ihn so stark gemacht hat, wieder zu finden. Flugtechnisch kommt mir das ok vor. Aber er hat nach wie vor immer wieder Probleme von Schanze zu Schanze und von Tag zu Tag die optimale Koordination zu finden. Wenn er noch mehr Stabilität reinbekommt, wird er auch mental wieder in die Spur finden. In meiner Außenwahrnehmung ist es im Moment technisch noch ein bisschen zu wechselhaft, um von einem mentalen Problem zu sprechen.
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"Sehr gut, Andi!" Wellinger überzeugt in der Quali von Wisla
Quelle: Eurosport
Im Teamwettkampf am Samstag wurde Deutschland nach einer starken Aufholjagd ganz knapp hinter Österreich Zweiter. Im Nationencup führt das DSV-Team. Wie bewerten Sie die generelle Situation in der deutschen Mannschaft?
Schuster: Im Moment ist sie sehr stabil. Es sind alle deutschen Springer schon mal unter den Top 15 gewesen. Geiger und Eisenbichler können jederzeit aufs Podium kommen und die dicken Punkte werden vorne gemacht. Aber alle Springer, ob Pius Paschke, Constantin Schmid, Andreas Wellinger oder Stephan Leyhe haben jederzeit die Chance in Top Ten zu kommen. Und wer weiß, ob sich da nicht noch einer steigert.
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Karl Geiger, Markus Eisenbichler, Stephan Leyhe und Pius Paschke (v. l. n. r.) nach dem zweiten Platz beim Teamspringen in Wisla
Fotocredit: Getty Images
Wie sehen die internationale Konkurrenz? Wer ist für Sie der stärkste Konkurrent von Geiger und Eisenbichler?
Schuster: Es ist schon interessant: Es gab fünf Springen und fünf verschiedene Sieger aus fünf Nationen. Und es gab die Sondersituation, dass mit Ryoyu Kobayashi ein sehr starker Konkurrent leider einmal durch Disqualifikation und zweimal durch Quarantäne drei Springen versäumt hat. Das hat es natürlich leichter gemacht. Kobayashi ist für mich auch der größte Konkurrent. Er ist der Springer, der Karl Geiger am ehesten fordern kann. Man muss jetzt aber abwarten, wie er die zehn Tage im Hotelzimmer in Finnland verbracht hat. Halvor Egner Granerud ist entweder aufs Podest gekommen oder nicht dabei gewesen. Ich schätze mal, der ist etwas verunsichert. Ihn sehe ich nicht ganz so stark. Vielleicht kommen jetzt noch die Österreicher mit Stefan Kraft und Jan Hörl dazu. Die Slowenen mit Anze Lanisek sollte man auch nicht außer Acht lassen.
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"Der war unfassbar": Kobayashi fliegt der Konkurrenz davon
Quelle: Eurosport
Sie hatten Halvor Egner Granerud eben schon angesprochen. Der Norweger hatte einen ganz komischen Saisonstart: Nach einem starken Sommer wurde er in Nizhny Tagil fast schon erwartungsgemäß Dritter und Erster, in Ruka verpasste er dann jedoch zweimal die Qualifikation und in Wisla kam er nicht in die Punkte. Wie erklären Sie sich diese plötzliche Abwärtsentwicklung?
Schuster: Das kann man relativ einfach erklären. Er ist nach wie vor eigentlich in einer guten Form, sonst kann man ja nicht gewinnen. Aber er hatte schon im vergangenen Jahr ein angedeutetes Symmetrie-Problem. Er hat dann so einen Drall drauf, wie man beim Tennis sagen würde. Es dreht ihn immer auf die rechte Seite weg. Das ist eine Asymmetrie, die sich muskulär und koordinativ eingeschlichen hat. Bei ihm gibt es nur zwei Möglichkeiten: Entweder ist er in den Top Drei oder er ist außerhalb der Top 50. Wenn er irgendwie die erste Flugphase übersteht, kann er ganz runterspringen. Wenn er die nicht übersteht, dann haben wir ein paar Mal gesehen, dass er abrudern muss. Dann wird es sogar leicht gefährlich und dann ist es vorbei. Das ist ein ganz schmaler Grat. Das kommt unheimlich selten vor im Skispringen, aber das ist bei ihm im Moment der Fall. Man darf nicht vergessen, dabei gibt es ja auch einen mentalen Aspekt: Umso öfter du in diese Situation reinkommst, desto mehr stresst dich das. Deswegen ist das Gebot der Stunde, dies schnellstmöglich zu beheben. Sonst manifestiert sich das Ganze. Es ist jetzt die Frage, wie schnell er das in den Griff kriegt. Kann er jetzt vielleicht dazwischen eine Trainingseinheit machen oder geht er vielleicht sogar mal raus aus dem Weltcup? Dies in den Griff zu kriegen, ist eine unglaublich spannende Phase für Trainer und Athlet. Wie gesagt, es ist erklärbar, aber trotzdem erstaunlich, weil das sich ja schon in der vergangenen Saison in Planica leicht angedeutet hat. Das weiß das norwegische Trainerteam aber selber und ich denke mir, sie werden die richtigen Schlüsse ziehen. Ich bin selber sehr neugierig, ob er den Fehler bis zur Tournee behoben bekommt.
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Frühes Aus nach Wackler: Granerud erneut "neben der Spur"
Quelle: Eurosport
Überraschend schwach starteten die Polen in die Saison. Kein Pole befindet sich unter den Top Ten im Gesamtweltcup. Kamil Stoch ist der beste mit Platz 12 und danach folgt eine große Lücke. Und auch Stoch fehlte bisher die Konstanz. Ist dies aus Ihrer Sicht Teil der Saisonplanung und nur die Ruhe vor dem Sturm im Hinblick auf das erste Großereignis Vierschanzentournee oder droht Polen tatsächlich eine schwierige Saison?
Schuster: Es ist noch sehr früh, um ein Urteil zu fällen, aber Teil der Saisonplanung würde ich ausschließen. Weil sie hatten schon einen Heim-Weltcup und in Wisla waren sie immer gut. Da schauen Leute zu, das Fernsehen überträgt. Zudem wissen die Polen ganz genau, dass man, wenn man eine gute Vierschanzentournee springen will, aus einer guten Ausgangsposition kommen sollte. Es war definitiv der Plan, spätestens in Wisla gut zu sein. Das haben sie nicht geschafft. Hier gibt es scheinbar Probleme, die von außen sehr schwer zu diagnostizieren sind. Fakt ist: Was ist das polnische Skispringen? Das hängt an Piotr Zyla, Kamil Stoch und Dawid Kubacki. Ich denke, die haben alle so ein bisschen individuelle Probleme. Speziell Kubacki hat große Probleme, das kann man erahnen. Zyla und Stoch sind nicht so weit weg. Dem polnischen Verband ist in den vergangenen Jahren aber auch nicht gelungen, eine Teamdynamik zu erzeugen, in der wirklich junge Leute Druck gemacht und die etablierten Sportler auch mal entlastet hätten. Daher finden sie sich in dieser Situation wieder und somit werden es erneut die Alten richten müssen. Da kann man gespannt hinschauen, ob das ihnen in naher Zukunft gelingt.
Beim Weltcup in Klingenthal springen nicht nur die Herren, sondern auch die Damen. Es ist der erste gemeinsame Weltcup in dieser Saison. Das Damen-Team hat mit Ex-Springer Maximilian Mechler einen neuen Bundestrainer und er konnte auch gleich Erfolge feiern: Katharina Althaus sprang in vier Wettbewerben dreimal aufs Podest, darunter der Sieg in Lillehammer auf der Normalschanze. Was können wir von ihr in dieser Olympia-Saison erwarten?
Schuster: Von Katharina Althaus können wir sehr viel erwarten. Sie hat mich sehr beeindruckt. Nicht nur springerisch, sondern auch in ihren Interviews und ihrem Auftreten. Ich kenne sie ja noch von früher von den Zeiten der Mixedspringen, die wir gemeinsam bestritten haben. Jetzt ist sie eine reife junge Frau, die auch ein Team führen kann und unglaublich gefestigt ist. Auch technisch springt sie auf einem Topniveau. Sie könnte eine ganz tolle Saison hinlegen. Ich würde Marita Kramer vom Niveau her über Katharina Althaus stellen. Mit guten Sprüngen springt sie Althaus davon, aber sie ist noch nicht so stabil. Die Reife, Erfahrung und Stabilität sind Katharina Althaus' Trümpfe. Überhaupt ist das Damen-Skispringen wahnsinnig spannend, weil natürlich die Slowenen ein starkes Team haben und da geht richtig die Post ab. Die Top Ten der Damen geben jetzt wirklich richtig was vor. Die springen auf einem wirklich bewundernswerten Niveau.
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"Jawoll!": Althaus fliegt auch auf der Großschanze aufs Podium
Quelle: Eurosport
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