Philipp Raimund verweigert Start beim Skispringen in Oslo - Kritik an FIS-Jury nach gefährlichen Windbedingungen

Philipp Raimund hat beim Skisprung-Weltcup am Holmenkollen in Oslo für Aufsehen gesorgt. Der Olympiasieger verweigerte bei starken Windbedingungen als einziger Athlet den Start und stellte sich damit gegen die Entscheidung der Jury. Während zahlreiche Springer trotz schwieriger Verhältnisse antraten, entbrannte danach eine heftige Sicherheitsdebatte durch Trainer und Experten.

Raimund tritt nicht an und steigt in Lift: "Ich mache den Scheiß nicht"

Quelle: Eurosport

Auch am Tag danach war Philipp Raimund felsenfest von der Richtigkeit seines Handelns überzeugt. "Ich habe an meine Freundin gedacht. Sie sagt immer, das Wichtigste sei meine Sicherheit", sagte der Skisprung-Olympiasieger über seinen Startverzicht am windumtosten Holmenkollen.
Unterstützung bekommt Raimund von Skisprung-Legende Martin Schmitt. "Das war sicher ein sehr schwieriger Wettkampf an der absoluten Grenze des Machbaren. Ich kann Philipps Reaktion total verstehen", sagte der Experte bei Eurosport.
Er selbst sei als Aktiver auch einige Male in so einer Situation gewesen. "Man muss für sich und für seine Gesundheit eine Entscheidung treffen und auch abwägen, ob man sich es zutraut und ob man die volle Kontrolle hat, um diese schwierigen Bedingungen handeln zu können. Das war eine mutige, aber vollkommen richtige Entscheidung von Philipp", so Schmitt weiter.

Beinahe-Crash von Hoffmann erzürnt Raimund

Dass sich der Oberstdorfer in Oslo als einziger von 50 Startern aktiv der rücksichtslosen Jury-Linie entgegenstellte, wirft allerdings die Frage auf: Wer schützt die Springer, wenn nicht sie selbst?
Am Holmenkollen jedenfalls wurde bei haarsträubenden Windgeschwindigkeiten gesprungen. Zwei Wochen vor Ende einer Weltcup-Saison, in der Domen Prevc längst als Gesamtsieger feststeht, in der es sportlich um wenig, aber um die Gesundheit nach vier Schanzenmonaten angemüdeter Sportler geht.
Teilweise trudelten jene hilflos durch den düsteren norwegischen Himmel. Und nach einem Beinahe-Crash von Teamkollege Felix Hoffmann verkündete Raimund: "Den Scheiß mache ich nicht mit." Und stieg in den Aufzug.

Scharfe Kritik an FIS-Jury

Anders als Raimund, der dafür viel Respekt kassierte, waren alle anderen erst hinterher schlauer. Er müsse jetzt auch mal den Weltverband FIS kritisieren, sagte Österreichs Chefcoach Andreas Widhölzl im "ORF", weil dieser "mit aller Gewalt einen Durchgang durchdrücken wollte, damit das Ergebnis dasteht, und eigentlich auf die Sicherheit der Athleten ein bissl geschissen wird. Es war teilweise wirklich gefährlich. Das müssen wir so hinnehmen, aber cool war es nicht."
Wirklich? Müssen erfahrene Sprungexperten wie Widhölzl hinnehmen, wenn ihren Sportlern Gefahr droht? "Wir sind ohne Sturz durchgekommen, was für uns immer das Wichtigste ist", sagte FIS-Skisprungchef Sandro Pertile. Dass es aber so kam, lag nicht in der Hand der Jury - ihr Konzept beschränkte sich auf ein "Wird-Schon-Gutgehen".

FIS-Skisprungchef Pertile verteidigt Jury

"Wir wussten, dass eine schlechte Front in der Nähe der Schanze ist", sagte Pertile, "aber wir haben in der Jury gute Leute." So verließ sich jeder auf den anderen. Die Trainer auf die Jury, die Jury auf das Können der Springer und die Springer auf die Trainer.
"Wenn der Trainer winkt und freigibt, passt es eigentlich", sagte Hoffmann in der "ARD": "Nach dem Sprung hätte ich es wahrscheinlich gerne so gemacht wie der Philipp." Hätte er ja auch machen können, meinte Pertile: "Wir drängen niemals einen Athleten, zu springen, das ist allein ihre Entscheidung." Im Umkehrschluss: Geht es schief, ist der Springer schuld.

Sicherheitsdebatte im Skispringen neu entfacht

Die Entscheidungslast auf teils blutjunge Springer abzuwälzen, die im erbitterten Konkurrenzkampf tunlichst nicht als Feigling dastehen wollen, ist heikel in einer durchaus gefährlichen Sportart. Für einen Sportler sei es "viel schwerer, runterzugehen als runterzuspringen", sagte Bundestrainer Stefan Horngacher. Nicht alle besitzen das Selbstbewusstsein wie Raimund oder auch die Ex-Stars Gregor Schlierenzauer und Anders Bardal, die sich 2013 in Klingenthal bei ähnlichen Bedingungen verweigerten.
"Ich habe mir gedacht, was mache ich hier eigentlich?", sagte Raimund in Oslo: "Ich bin freiwillig hier, will Spaß am Skispringen haben. Ich habe dieses Jahr schon alles erreicht, was ich erreichen will." Und selbst wenn er das nicht erreicht hätte: Dass die Freundin einen heilen Hille zurückerhält, sollte auch das Ziel der Jury sein.
(mit SID)
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Quelle: Eurosport



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