Eurosport.de: Wie haben Sie den Sturz von Daniel André Tande wahrgenommen?
Alexander Pointner: Es war schrecklich. Wobei man sagen muss, dass es ähnliche Stürze in der Geschichte des Skisprung-Sports oder vielmehr des Skifliegens leider immer wieder gab. Bei Flugzeugen stellen Start und Landung die sensibelsten Phasen dar. Ähnlich ist es beim Skifliegen, der Übergang von Anfahrt in die Flugposition ist das problematischste und gefährlichste Zeitfenster. Leider ist das Tande, wie Thomas Morgenstern 2014 (am Kulm, Anmerk. d. Redaktion), der damals ebenfalls zu Sturz kam, zum Verhängnis geworden.
Warum ist es Ihrer Meinung nach zu diesem fatalen Absturz gekommen?
Planica
Pointner exklusiv über Tande-Sturz: "Das ist die Gefahr des Skifliegens"
25/03/2021 AM 22:37
Pointner: Im Fall von Morgenstern war es für mich damals einfacher, die Ursache festzustellen, weil ich seinen Sprung in- und auswendig kannte. Bei Thomas war es schlussendlich so, dass ich ihn zwei Tage nach seinem Sturz in der Klinik besucht habe. Er wollte unbedingt wissen, warum es zum Crash gekommen ist. Das haben wir dann relativ schnell gemeinsam herausgefunden. Bei Tande würde ich mit einer Analyse über das Ziel hinausschießen. Die Anlaufgeschwindigkeiten beim Skifliegen bewegen sich im Bereich von 105 km/h. Die Übersetzung von der Anfahrt in die Flugphase ist eine der herausforderndsten Phasen beim Skifliegen, weil dabei große Luftkräfte wirken und sich die Anströmungsverhältnisse komplett ändern. Beim Sturz von Tande hat man wieder einmal gesehen, welche Kräfte freiwerden, wenn es zu Problemen in der Vorbauphase kommt.
Welche sind die Kriterien beim Skifliegen?
Pointner: Beim Skifliegen kommt es bei den ersten 30 bis 50 Metern darauf an, dass man das Ski-Körper-System stabilisiert. Genau da passieren auch die häufigsten Fehler, dass zum Beispiel der Anstellwinkel der Skier zu steil ist. Das bedeutet, dass ein unheimlicher Ski-Druck entsteht und die Skier zum Körper gepresst werden. Der Springer versucht dann, den Ski möglichst schnell wieder in eine flachere, aerodynamisch günstigere Position zu bringen. Wird der Ski jedoch zu sehr nach unten gedrückt, bekommt er Oberluft. Die Ski-Oberfläche wird dabei von der Luft mit bis zu 105 km/h erfasst - dann ist man chancenlos und ein Sturz ist unvermeidbar. Hält man auf dem Beifahrersitz die Hand aus dem fahrenden Auto, kann man erahnen, welche Luftkräfte auf einen Skiflieger wirken, wenn er in Turbulenzen gerät. Das ist auch Tande passiert.
Wie verhält sich ein Athlet im Worst-Case-Szenario, also im Moment des Absturzes?
Pointner: Bei Tande hat man gesehen, dass er sich bereits auf die harte Landung vorbereitet hat. Er hat sich ganz steif gemacht und die Arme zum Brustkorb gezogen - er war auf den fürchterlichen Aufprall vorbereitet.
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Müssen die Verantwortlichen in Planica nun reagieren?
Pointner: Das ist die Gefahr des Skifliegens. Es waren keine gefährlichen Wetterverhältnisse und die Schanze war in einem perfekten Zustand. Ich kann dies natürlich nur aus der Ferne beurteilen, aber man hat keinerlei Mängel erkennen können, deshalb besteht meiner Meinung nach kein Handlungsbedarf. Skifliegen ist immer mit einem gewissen Risiko verbunden. Fehler wirken sich durch höhere Geschwindigkeiten, stärkere Luftkräfte und höhere Flugkurven gravierender aus als beim Skispringen. Grundsätzlich hat sich unsere Sportart über die Jahre in eine sehr gute Richtung entwickelt, was die Sicherheit in der Luftfahrt angeht. Ein gewisses Restrisiko lässt sich beim Skifliegen aber nie ausschließen, besonders in der so sensiblen Phase zwischen Absprung und Flug. Der Gefahr von schweren Stürzen sind auch andere Sportarten ausgesetzt, in der durch hohe Geschwindigkeiten enorme Kräfte freigesetzt werden. Das Skifliegen kann so einfach und ästhetisch aussehen, aber wenn Fehler passieren, kann es dramatisch enden.

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Worin lagen die Ursachen beim damaligen Crash von Morgenstern beim Skifliegen am Kulm im Jahr 2014?
Pointner: Viele Athleten überkreuzen nach dem Absprung die Ski-Enden, wenn sie in die V-Stellung kommen. Das war damals bei Morgenstern die Sturzursache. Er hatte immer den gleichen Ski unter dem anderen. Bei seinem Sturz war es genau umgekehrt, da war der Ski, der normal unten war, plötzlich oben und die Ski-Enden haben sich gegenseitig blockiert. Ich habe mir das beim Sturz von Tande auch näher angesehen. Meines Erachtens haben sich die Skier hinten jedoch gar nicht überkreuzt. Es muss daher eine andere Asymmetrie vorgelegen haben, sprich, die Skier waren unterschiedlichen Druckverhältnissen ausgesetzt. In solch einer Situation versucht man als Springer auf das Problem zu reagieren, was letztlich in einer Flugposition geendet ist, in der er keine Chance mehr hatte.
Wie haben Morgensterns Teamkollegen damals reagiert?
Pointner: Ich habe damals jedem einzelnen meiner Springer freigestellt, ob er am nächsten Tag am Wettkampf teilnehmen will oder nicht. Schließlich reagiert jeder Athlet anders auf eine derartige Situation. Grundsätzlich wollen gestürzte Springer so schnell wie möglich auf die Schanze zurückkehren, um ihr Selbstvertrauen zurückzugewinnen. Ähnlich ist es, wenn ein anderer Springer stürzt. Auch dann möchte man die Gewissheit haben, dass man mit solch einer schwierigen Situation umgehen kann. Das wird wahrscheinlich der Grund gewesen sein, warum damals alle österreichischen Athleten am nächsten Tag an den Start gegangen sind. Ich wünsche Tande von ganzem Herzen, dass die Verletzungen nicht zu gravierend sind und dass er möglichst bald wieder gesund wird.

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Wie beurteilen Sie grundsätzlich die Weitenjagd beim Skispringen?
Pointner: Viele Jahre hatte Walter Hofer die Fäden in der Hand gehalten und so gesteuert, dass Schanzen immer nur minimal vergrößert werden durften. Obwohl es meines Erachtens möglich wäre eine 300m-Schanze zu bauen, ist die FIS gut beraten, in diesem Thema weiterhin kleine Schritte zu gehen. Es kommt im Prinzip nur auf die Größe der Schanze drauf an. Natürlich ist die Weitenjagd in Planica, wie im Übrigen auf allen anderen Skiflugschanzen auch, Teil des Spiels. Wenn sich die Gelegenheit bietet, versucht jeder Athlet an die Hillsize oder darüber hinaus zu springen. Jeder Skiflieger, der die Chance sieht, den Weltrekord zu erreichen, beschäftigt sich mit diesem Gedanken schon im Vorfeld. Allerdings müssen dafür viele Faktoren zusammenspielen: Die Jury muss die richtige Anfahrtsgeschwindigkeit wählen, sprich die passende Luke freigeben. Auch die Windverhältnisse sollten mitspielen, dass Rekordweiten erzielt und überhaupt gestanden werden können. Das gilt bekanntermaßen nicht nur für Welt- sondern auch für Schanzenrekorde.
Früher hat man den Weltrekord auf 191 Metern limitiert.
Pointner: Richtig, um eine Weitenjagd zu unterbinden, wurde der offizielle Skiflug-Weltrekord auf dieser Marke eingefroren. Aber wenn ein Athlet die Möglichkeit sieht, einen neuen Weltrekord aufzustellen, sollte er diese Chance auch bekommen. Damals wurden Weltrekorde nicht anerkannt, obwohl so mancher weiter gesprungen ist. Das wird in Zukunft hoffentlich kein Thema mehr sein.
Das Interview führte Robert Bauer
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