ATP München: Dominic Thiem stellt alles auf Null - der lange Weg zurück für den ehemaligen Grand-Slam-Sieger
Dominic Thiem kämpft beim ATP-Turnier in München darum, den Anschluss an die Weltspitze herzustellen. Dabei hat der Österreicher, einst die Nummer drei der Welt, an nahezu allen Fäden gezogen. Der Coach und die Fitnesstrainer sind neu, ein Sportpsychologe wurde hinzugezogen, das Management hat er in die Hände seines Bruders Moritz gelegt. Wunderdinge sind trotzdem nicht zu erwarten.
Dominic Thiem in München
Fotocredit: Imago
Doppel, 1. Runde, Nebenplatz - die Tribünen sind voll, während auf dem Centre Court kaum Zuschauer sitzen. Der Grund: Dominic Thiem!
Der 29-Jährige präsentiert sich dem Publikum in München in Camouflage-Leggins und Stirnband. Neben Alexander Zverev ist Thiem der Publikumsmagnet am Aumeisterweg, ob er nun in der Doppelkonkurrenz oder im Einzel aufschlägt.
Während der Österreicher an der Seite von Matthias Bachinger 4:6, 2:6 gegen das Duo Robin Haase/Philip Oswald verliert, sitzt auf der Tribüne der Mann, der den Superstar bis zu den French Open wieder flottbekommen soll: Benjamin Ebrahimzadeh. "Das Ziel ist es, Dominic bis dorthin wieder in der Spur zu haben", gibt Thiems neuer Coach im Interview mit Eurosport.de die Richtung vor.
In Roland-Garros entscheidet sich Ende Mai, ob die noch junge Zusammenarbeit Zukunft hat. Man werde sich in Paris "zusammensetzen und bewerten: Funktioniert das und machen wir weiter - oder funktioniert es nicht?", sagt Ebrahimzadeh, der unter anderem schon Angelique Kerber trainierte.
Thiem: Comeback in Marbella war "ein Fehler"
Der 43-Jährige betreut Thiem seit knapp zwei Wochen, München ist erst die zweite gemeinsame Station nach dem Masters von Monte-Carlo.
Das Duo hat arbeitsintensive Wochen vor sich, was auch daran liegt, dass Thiem vor etwas mehr als einem Jahr einen Fehler beging. Im März 2022 kehrte der Österreicher, der sich in der Saison zuvor eine Verletzung im rechten Handgelenk zugezogen hatte, in Marbella auf den Platz zurück, bei einem zweitklassigen Challenger-Event.
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Thiem gelingt erster Sieg im Jahr 2023 in Argentinien
Quelle: Perform
Rückblickend keine gute Idee. Es sei "zu früh" gewesen, gab Thiem im Interview mit der "Sport-Bild" unumwunden zu. "Ein paar gute Trainingswochen" wären hilfreicher gewesen. "Wenn ich einen Fehler bereue, dann auf alle Fälle den", sagt der Tennisprofi heute.
In diesem Heute wird der US-Open-Champion von 2020 in der Weltrangliste von Taro Daniel und Michael Mmoh eingerahmt, auf Platz 101 liegend - schwer zu glauben, dass es 100 Spieler geben soll, die besser sind als der Ausnahmeprofi aus Wiener Neustadt.
Doch verloren gegangenes Vertrauen in den Körper, fehlende Spielpraxis und auch mentale Probleme spülten Thiem weit zurück.
Ebrahimzadeh: "Was ist dann am Montag dein Ziel?"
Nachvollziehbar, wie Ebrahimzadeh erklärt. "Seit du zehn Jahre alt bist, trainierst du darauf hin, einen Grand Slam zu gewinnen. Dann holst du an einem Sonntag den Titel - und was ist dann am Montag dein Ziel?", fragt der Coach. An der Antwort wird er ab sofort mit Thiem arbeiten.
Immerhin: Die Leistungskurve in den vergangenen Wochen zeigt nach oben. Nicht steil, aber stetig. Beim Masters in Monte-Carlo scheiterte er zwar schon in Runde zwei 2:6, 4:6 an Holger Rune, die Vorstellung im zweiten Satz sei aber "echt in Ordnung" gewesen, betonte Thiem. Rune stürmte danach bis ins Finale. Thiem hofft, bald "wieder viel öfter gegen solche Spieler antreten" zu können.
Damit meint Thiem Kontrahenten aus den Top Ten des Rankings, jene Elite also, der er selbst so lange angehörte. Die Realität sieht derzeit anders aus. Zehn Niederlagen in 14 Partien stehen für die einstige Nummer drei der Welt in diesem Jahr zu Buche.
Die Gegner kamen - mit Ausnahme von Rune - eher aus den hinteren Reihen. Neunmal zog Thiem gegen Spieler den Kürzeren, die zwischen Platz 23 und 121 im ATP-Ranking standen.
Ebrahimzadeh: An diesen Punkten setzen wir an
Bis vor zwei Jahren wäre ihm das kaum passiert, weiß auch Ebrahimzadeh. "Man muss sich Dominics bestes Tennis anschauen und vergleichen, was der Unterschied von damals zu heute ist. Das sind dann auch die Punkte, an denen wir ansetzen, um ihn zu seinem Top-Niveau zu bringen", so der Saarländer.
Der Körper spiele jedenfalls mit. Thiem könne "voll schlagen", die Handgelenksproblematik habe sich erledigt, berichtet der Trainer. Aufgrund dieser Basis gehe es nun darum, "die Gewohnheiten und die Denkweise, die im zurückliegenden Jahr entstanden sind, herauszubekommen".
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Benjamin Ebrahimzadeh
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Thiem müsse wieder der Thiem werden, der seinen Gegnern das Leben mit seiner intensiven Spielweise schwer mache. "Aggressiver" soll der 29-Jährige zu Werke gehen. Es sei wichtig, dass der Österreicher "zu den Bällen hingeht und das Spiel dominiert, wie er es früher getan hat".
Thiem braucht Geduld und starke Gegner
Die Herausforderung besteht darin, in diesem Prozess Geduld zu haben und zumindest vorübergehend kleinere Brötchen zu backen. Nicht leicht für einen, der 17 Turniersiege, vier Grand-Slam-Finals und 26 Wochen in den Top 3 der Welt in der Vita stehen hat. "Es ist meine Aufgabe, ihm dabei zu helfen", erläutert Ebrahimzadeh. Ziel sei es, das Spiel zu verbessern, es gehe im Moment "nicht um die Ergebnisse".
Thiems Wunsch, regelmäßig gegen die Crème de la Crème zu spielen, lässt sich allerdings nur dann erfüllen, wenn er bei Turnieren weit kommt. Ein wenig geht es also schon um die Resultate.
Ebrahimzadeh sieht darin keinen Widerspruch, im Gegenteil. "Ich finde es super, wenn mein Spieler das sagt und sich mit den Besten messen will. Da wollen wir beide hin. Wir wollen sehen, wo er steht", betont der ehemalige Davis-Cup-Spieler.
Ebrahimzadeh: "Nicht auf Rune oder Alcaraz schauen"
Die nächste Standortbestimmung folgt bereits am heutigen Dienstag. Thiem, der am Aumeisterweg mit einer Wildcard ins Hauptfeld kam, trifft in der 1. Runde auf den Franzosen Constant Lestienne (Livescoring). Früher wäre er der haushohe Favorit gewesen, heute dürfte ihm ein schwerer Gang bevorstehen.
Lestienne ist mit 30 Jahren genauso alt wie Thiem. Perspektivisch aber muss er mit der Tatsache klarkommen, dass die Herausforderer immer jünger werden. Was die Frage aufwirft, ob der Routinier überhaupt noch an Shootingstars wie Carlos Alcaraz (19), Jannik Sinner (21) oder eben Rune (19) vorbeikommt.
Ebrahimzadeh ist optimistisch, hält es allerdings für einen Fehler, sich zu sehr auf die neue Generation zu fokussieren. Es sei nicht die Aufgabe, "auf Rune oder Alcaraz zu schauen, sondern Dominics Spiel an sein Limit zu bekommen".
Ist das Projekt von Erfolg gekrönt, dürfte es keine Grenzen mehr geben für Thiem, oder wie Ebrahimzadeh sagt: "Wenn uns das gelingt, ist Dominic sehr, sehr gefährlich - auch für die Jungen."
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Quelle: Eurosport
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