Der "Stier von Manacor" wankte durch die große Arena - angeschlagen, am Ende seiner Kräfte, den K.o. vor Augen. Rafael Nadal hatte Schmerzen, die australische Hitze und sein Magen bereiteten dem Tennis-Superstar arge Probleme. Seiner größten Stärke, der schier übermenschlichen Physis, war der Spanier beraubt - doch das immense Kämpferherz schlug weiter. Und so hielt Nadal seinen Traum vom Grand-Slam-Rekord in Melbourne mit einer beeindruckenden Energieleistung am Leben.
"Ich war körperlich komplett zerstört", sagte Nadal nach seinem hart erkämpften Einzug ins Halbfinale der Australian Open. Auf dem Zahnfleisch hatte er Zverev-Bezwinger Denis Shapovalov in mehr als vier Stunden mit 6:3, 6:4, 4:6, 3:6, 6:3 niedergerungen. Während der Kanadier über eine vermeintliche Sonderbehandlung Nadals durch den Schiedsrichter schimpfte, badete der 35-Jährige mit ausgebreiteten Armen im tosenden Jubel der Fans.
Vor dem Halbfinale gegen Matteo Berrettini, der Gael Monfils ebenfalls in fünf Sätzen besiegte und als erster Italiener in Melbourne um den Finaleinzug spielt, sind es damit auf den Hartplätzen von Melbourne nur noch zwei Schritte bis zu diesem 21. Grand-Slam-Titel, mit dem Nadal seine großen Rivalen Roger Federer und Novak Djokovic in der beispiellosen Rekordjagd hinter sich lassen würde. "Wir können hier Geschichte schreiben", sagte der Sandplatzkönig und fügte fast schon sentimental an: "Aber die wirkliche Wahrheit ist, dass wir vor zwei Monaten noch nicht wussten, ob wir überhaupt auf die Tour zurückkehren können."
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Monatelang hatte eine hartnäckige Fußverletzung Nadal außer Gefecht gesetzt, er verpasste Wimbledon, die Olympischen Spiele und die US Open. Und dann wurde im Dezember seine Saisonvorbereitung auch noch durch eine Corona-Infektion empfindlich gestört. "Wir dürfen nicht vergessen, dass ich eine lange Zeit kein Tennis gespielt habe", sagte Nadal: "Aber hier bin ich. Für mich ist es ein Geschenk des Lebens, dass ich hier wieder Tennis spielen und das genießen kann."

"Mentale Stärke ist bemerkenswert"

Nadal zeigte im Viertelfinale gegen Shapovalov zunächst eine starke Leistung, doch auf einmal bröckelte die Dominanz. Der 20-malige Major-Sieger nahm im vierten Satz eine Behandlungspause, deutete Schmerzen in der Magengegend an und ließ sich vom Arzt ein Medikament reichen. Bei den Seitenwechseln ließ er sich immer wieder kalte Luft aus einem Kühlschlauch ins Gesicht blasen - die Probleme waren nicht zu übersehen.
"Rafa konnte sich kaum noch auf den Beinen halten, aber er findet immer einen Weg", sagte Eurosport-Experte Boris Becker: "Seine mentale Stärke ist schon bemerkenswert." Nadal profitierte aber auch davon, dass ihn Shapovalov mit vielen unerzwungenen Fehlern ins Match zurückholte.
Der Kanadier, der im Achtelfinale noch Olympiasieger Alexander Zverev in drei Sätzen geschlagen hatte, sorgte danach mit heftiger Schiedsrichter-Kritik für Wirbel. "Man hat das Gefühl, dass man nicht nur gegen seinen Gegner spielt, sondern auch gegen die Schiedsrichter", sagte Shapovalov. Im ersten Satz hatte er Referee Carlos Bernardes aus Ärger über Nadals lange Pause zwischen Ballwechseln sogar Korruption vorgeworfen.

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Barty auf dem besten Wege zum Triumph

Nadal freute sich hingegen, dass er erst am Freitag sein siebtes Melbourne-Halbfinale bestreiten muss. "Ich bin nicht mehr 21", sagte der Spanier lachend, betonte aber: "Ich hoffe und glaube wirklich, dass ich bereit bin für dieses Halbfinale."
Bereit scheint in der Frauen-Konkurrenz auch Ashleigh Barty. Die Weltranglistenerste knüpfte beim 6:2, 6:0 gegen Jessica Pegula an ihre bärenstarken Leistungen an und wird nun im Halbfinale von der ungesetzten US-Überraschung Madison Keys herausgefordert. Seit 1978 hat bei den Australian Open keine Einheimische mehr triumphiert - Barty ist auf dem besten Weg, das zu ändern.
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(SID)

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