Rafael Nadal schaute im Eurosport-Interview nur noch gequält in die Kamera. Man konnte fast den Eindruck gewinnen, dass ihm selbst das Lächeln wehtat.
Der 35-jährige Spanier hatte in den vorangegangenen vier Stunden und sieben Minuten alles investiert – und war dafür belohnt worden.
"Ich habe einfach versucht zu überleben", fasste der Mallorquiner den fünften und entscheidenden Satz im Viertelfinale der Australian Open in wenigen Worten zusammen: "Ich war physisch zerstört."
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UPDATE 25/01/2022 UM 13:48 UHR
Doch Nadal schaffte es gegen den Kanadier Denis Shapovalov einmal mehr, die Naturgesetze außer Kraft zu setzen.

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Experten verneigen sich vor Nadal

Zu Beginn des Entscheidungsdurchgangs sprach quasi alles für einen Sieg seines 13 Jahre jüngeren Kontrahenten. Nadal hatte das Match nach 2:0-Satzführung aus der Hand gegeben, musste sich Mitte des vierten Durchgangs behandeln lassen. Nicht nur die sengende Hitze von über 30 Grad in Melbourne machte dem Spanier zu schaffen: "Ich wurde immer müder und müder, der Magen machte zu und ich konnte nicht richtig atmen", erklärte er.
Die Pillen, die er sich vom Physio geben ließ? Wirkten nicht. Shapovalov servierte hart, dominierte die Grundlinien-Duelle - und trotzdem fand Nadal einen Weg, den Satz - und damit auch das Match - für sich zu entscheiden (6:3, 6:4, 4:6, 3:6, 6:3).
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"Gerade wenn du denkst, Rafa hat nichts mehr in sich, packt er etwas aus der Trickkiste aus", sagte Eurosport-Experte John McEnroe. Bei Weitem nicht der einzige, dem Nadals unbändiger Siegeswille größten Respekt abnötigte. Barbara Rittner hatte "Gänsehaut".
"Nadal ist einer der größten Wettkämpfer, die der Tennissport je zu bieten hatte", meinte Boris Becker: "Er glaubt bis zum letzten Punkt daran, den musst du dreimal schlagen, bevor der Schiedsrichter irgendwann deinen Namen sagt."

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Nadal trotzt den Folgen der Verletzungspause

Umso erstaunlicher, wusste Nadal vor zwei Monaten doch nicht einmal, ob er überhaupt noch einmal auf die Tour zurückkehren werde.
Monatelang hatte eine hartnäckige Fußverletzung Nadal außer Gefecht gesetzt. Das Müller-Weiss-Syndrom, eine Knochenkrankheit, die bei ihm zur Deformierung des Kahnbeins im Mittelfuß führte, und die ihn schon seine komplette Karriere lang begleitet, hatte sich wieder bemerkbar gemacht.
Nadal verpasste Wimbledon, die Olympischen Spiele und die US Open. Und dann wurde im Dezember seine Saisonvorbereitung auch noch durch eine Corona-Infektion empfindlich gestört. "Wir dürfen nicht vergessen, dass ich eine lange Zeit kein Tennis gespielt habe", sagte Nadal: "Aber hier bin ich. Für mich ist es ein Geschenk des Lebens, dass ich hier wieder Tennis spielen und das genießen kann."

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Nadal findet gegen Shapovalov neue Wege

Gegen Shapovalov fand er in den entscheidenden Momente andere Wege. "Ohne Zweifel", sagte Nadal, hatte ihn sein Aufschlag gerettet: "Rallys von der Grundlinie zu gewinnen, war quasi unmöglich, weil ich einfach zu kaputt war." Sein Service brachte ihm "die freien Punkte, die ich brauchte".
Vielmehr war es jedoch die mentale Stärke, die ihn einmal mehr in einem Fünfsatzkrimi über seinen Gegner triumphieren ließ.
"Shapovalov wollte es unbedingt, er konnte es schmecken, er konnte es fühlen, es war da", sagte McEnroe. Doch "Rafa war in der Lage, genau in den richtigen Momenten Druck aufzubauen und es über die Bühne zu bringen. Das hebt diese Jungs von den anderen ab".

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Diese Jungs, damit meinte er neben Nadal auch Novak Djokovic und Roger Federer, von denen in 70 der vergangenen 71 Grand Slams immer mindestens einer im Halbfinale gestanden hatte. Eine beängstigende Quote. Die Big Three - das zeigt Nadal in beeindruckender Manier - haben der jüngeren Generation auch im Jahr 2022 immer noch etwas voraus.
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Apropos Federer: Nadals Kampf gegen alle Vorzeichen und Widrigkeiten erinnert doch sehr an den Triumph des Schweizers im Jahr 2017.
Federer kehrte damals nach monatelanger Pause auf die Tour zurück. Ein kurioser Meniskusriss, den er sich beim Einlassen eines Bades für seine Töchter zugezogen hatte, und die Folgen der Verletzung zwangen ihn Mitte 2016 zum vorzeitigen Saisonende.
In Melbourne gab Federer sein Grand-Slam-Comeback – und siegte prompt.
Sein Finalgegner damals: Rafael Nadal, dem nur noch zwei Siege fehlen, um es dem Schweizer gleichzutun und in der ewigen Bestenliste mit 21 Grand-Slam-Titeln an Federer und Djokovic vorbeizuziehen.

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Wilander: Hat noch nie einen wie Nadal gegeben

Im Halbfinale wartet mit Matteo Berrettini erneut ein deutlich jüngerer Gegner, der bereits vergangenes Jahr im Wimbledon-Finale an seinem ersten Major-Triumph geschnuppert hatte.
Davor kann sich Nadal nun zwei volle Tage ausruhen. Eine Pause, die ihm gut tun wird. "Ich werde gegen einen fantastischen Spieler spielen und muss bei 100 Prozent sein. Ich hoffe, ich bin in der Lage, es zu versuchen", blieb der Spanier im Hinblick auf das Match gewohnt bescheiden.
Auch das ist eine Charaktereigenschaft, warum ihn Experten und Kontrahenten so schätzen – und fürchten. Mats Wilander ließ sich in seiner Analyse zu Nadals Leistung jedenfalls zu einem Superlativ hinreißen: "Ich glaube nicht, dass es jemals so einen Spieler gegeben hat."
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(mit SID)

Nadal belohnt sich für großen Kampf - der Matchball

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