"Meine Entwicklung passt" und "das war ein Riesenschritt in die falsche Richtung". Die erste Aussage traf Dominic Thiem vor acht Tagen nach seinem Auftaktsieg in Rom, die zweite am gestrigen Montag nach dem Aus in Lyon. Die beiden Selbsteinschätzungen stehen sinnbildlich für die aktuelle Verfassung des 27-Jährigen.
Es geht nicht voran, keinen Zentimeter.
Das Schlimme daran: Thiem kennt den Grund nicht. "Ich habe hier in Lyon gut und trainiert, mich gut vorbereitet - und trotzdem den Rhythmus und meine Schläge nicht gefunden. Ich weiß wirklich nicht, was da passiert ist", rätselte der Weltranglistenvierte nach der Pleite gegen Cameron Norrie.
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Thiems Statistiken nach dem desolaten 65-Minuten-Auftritt waren verheerend. Bei der sogenannten "Returning Rate", die sich aus vier Faktoren beim Returnspiel errechnet, kam der Favorit auf 59. Zum Vergleich: Norrie brachte es mit 199 auf den mehr als dreifachen Wert. Die Erklärung dafür, weshalb der Brite dreimal das Aufschlagspiel des Österreichers durchbrach, während der im gesamten Match keine Breakchance hatte.

Thiems Statisiken sprechen Bände

Eklatante Schwächen offenbarte Thiem überdies beim Service. Die Punktquote über den ersten Aufschlag lag bei mauen 57 Prozent, Norrie setzte satte 91 dagegen. Es versteht sich von selbst, dass mit diesen Parametern kein Match zu gewinnen ist.

Thiem ohne Chance gegen Norrie bei French-Open-Generalprobe

"Nicht gut für das Selbstvertrauen", konstatierte Thiem, dessen Weg an die Spitze nach dem US-Open-Triumph im vergangenen Jahr vorgezeichnet schien. Pustekuchen. Seit dem ersten Grand-Slam-Titel ist kein Turniersieg mehr hinzugekommen, in der Saison 2021 kassierte er bei 16 Partien sieben Niederlagen, unter anderem gegen die Nummer 33 (Lorenzo Sonego), 49 (Norrie) und 81 (Llyod Harris) der Welt.
Es gab freilich auch positive Signale. Das Masters von Madrid etwa, als Thiem bis ins Halbfinale vorstieß, wo er gegen Alexander Zverev verlor. Er habe "in Madrid und Rom das Gefühl gehabt, auf dem richtigen Weg zu sein".

"Für mich hat sich sehr viel geändert"

Der Grund, weshalb das augenscheinlich nicht der Fall ist, ist außerhalb des Platzes zu finden. "Für mich hat sich seit den US Open sehr viel geändert. Das ist wohl immer so, wenn du das größte Ziel in deinem Leben erreicht hast. Ich bin in einer schwierigen Phase", sinnierte Thiem vor rund zwei Monaten im Gespräch mit der ATP.
Auch das Thema Corona bremst den Tennisstar ein. Er glaube, "dass die Pandemie ein Zusatzteil vom Ganzen" sei. Hinzu kamen zwischenzeitlich Knieschmerzen, aufgrund derer er das im April geplante Comeback beim Masters von Monte-Carlo um drei Wochen verschieben musste. Die Folge: Thiem konnte kaum Matchpraxis sammeln.
Der 27-Jährige gab schon nach den Australian Open im Februar zu, dass es nicht immer einfach sei, mit dem Druck umzugehen. "Es zählt halt bei jedem Turnier, in dem ich antrete, fast nur noch der Sieg."

Thiem: Becker zieht Vergleich zu Federer, Nadal & Djokovic

Eine Sichtweise, die Eurosport-Experte Boris Becker nicht recht nachvollziehen kann.
"Wenn du dein erstes Grand-Slam-Turnier gewonnen hast, dann hast du doch Blut geleckt und bist heiß auf den nächsten Titel", betonte die ehemalige Nummer eins der Welt. "Ich habe das Wort Druck noch nie aus dem Mund von Roger Federer, Rafael Nadal oder Novak Djokovic gehört - obwohl die ob ihrer Erfolge eigentlich permanent welchen haben müssten."

Becker wundert sich über Thiem: "Dann hast du Blut geleckt..."

Es komme nun darauf an, einen anderen Blick einzunehmen. "Da ist jetzt das Umfeld gefragt", so Becker. "Das muss ihm klarmachen: Junge, du bist einer der Topfavoriten in Paris."

French Open: Thiems Aussichten trüb

Danach sieht es inzwischen auch bei wohlwollender Betrachtung nicht mehr aus.
Thiem schlägt in Roland-Garros als einer von vielen Topspielern auf, nicht mehr als der große Herausforderer des 13-fachen Champions und Titelverteidigers Nadal. "Ich muss jetzt in die Analyse gehen, hart arbeiten und dort auf das Beste hoffen", erläuterte der French-Open-Finalist von 2018 und 2019.
Mehr als das Prinzip Hoffnung bleibt im Moment nicht. Er muss darauf setzen, dass es in dieser guten Woche bis zum Start von Roland-Garros klick macht, das Gefühl für das Spiel zurückkommt.
Dennoch: Thiems Aussichten beim Sandplatz-Klassiker waren seit fünf Jahren nicht mehr so schlecht - aber vielleicht liegt gerade darin seine Chance. Das wäre bei all' den Rückschlägen zumindest mal eine positive Annäherung an die French Open.
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