Letzten Endes hat der Verstand bei Rafael Nadal über das Herz gesiegt.
Der 35-jährige Spanier verkündete am Donnerstag in den Sozialen Medien, dass er sowohl auf den Rasenklassiker in Wimbledon (28. Juni bis 11. Juli) als auch auf die Olympischen Sommerspiele in Tokio (24. Juli bis 9. August) verzichten wird.
"Es ist keine leichte Entscheidung, aber nachdem ich auf meinen Körper gehört und mit meinem Team darüber gesprochen habe, verstehe ich, dass es die richtige Entscheidung ist", schrieb der 20-fache Grand-Slam-Champion bei Twitter. Als Grund für seinen Beschluss gab Nadal körperliche Beschwerden an.
Wimbledon
Tennis-Schock: Nadal sagt Wimbledon und Olympia ab
17/06/2021 AM 11:45
Der Mallorquiner war am vergangenen Freitag in einer epischen Schlacht bei den French Open gegen Novak Djokovic im Halbfinale gescheitert. Damit seien für ihn "zwei Monate großer Anstrengungen" zu Ende gegangen, betonte er.
Dies war auch der Konkurrenz nicht verborgen geblieben. "Ich habe Rafa noch nie so kraftlos in Roland-Garros gesehen", zeigte sich etwa Djokovics Trainer Goran Ivanisevic gegenüber "Tennis Majors" verwundert.

Grand-Slam-Rennen: Schließt Djokovic auf?

Obwohl Nadals Entschluss angesichts der Tatsache, dass er sich bereits in Roland-Garros mit einer Fußverletzung herumschlug, wie Turnierdirektor Guy Forget kürzlich verlauten ließ, keineswegs überrascht, birgt er doch durchaus Risiken.
Zum Einen wäre da natürlich das allgegenwärtige Rennen um die meisten Grand-Slam-Titel. Mit seinem Verzicht an Wimbledon macht er die Tür noch einen Spalt weiter für seine beiden ärgsten Kontrahenten, Roger Federer und Novak Djokovic, auf.
Besonders Letzter befindet sich derzeit in bestechender Form, wie er mit dem Sieg bei den French Open unterstrich, und könnte sich mit seinem sechsten Triumph im All England Club in Sachen Grand-Slam-Siege mit den beiden Spitzenreitern Federer und Nadal gleichziehen (20).
Noch härter würde den 35-Jährigen laut eigenen Aussagen jedoch der Verzicht auf die Olympischen Spiele treffen. Diese hätten ihm "immer viel bedeutet" und "Priorität" in seinem Sportleben genossen. Er habe dabei immer den "Spirit gefunden, den jeder Sportler auf der Welt leben möchte".
Nadals Wehmut ist nur allzu verständlich, immerhin könnte es seine letzte Chance auf eine Teilnahme bei den Olympischen Spielen gewesen sein. Bei den nächsten Olympischen Spielen 2024 in Paris wäre er bereits 39 Jahre alt.

Rafael Nadal bei den French Open 2021

Fotocredit: Getty Images

Nadal: Auszeit zum richtigen Zeitpunkt

Trotz allem könnte sich die Auszeit für den Spanier durchaus auszahlen.
Schließlich seien seine Entscheidungen "mittel- und langfristig" zu sehen. Er habe das Ziel, seine Karriere so lange wie möglich fortzuführen und weiter "das zu tun, was mich glücklich macht, nämlich auf höchstem Level zu spielen und für meine beruflichen wie persönlichen Ziele auf allerhöchster Ebene zu kämpfen".
Möglicherweise ist für Nadal, der seit Jahren als "Vielspieler" auf der Tour gilt, genau jetzt der richtige Zeitpunkt, um das Pensum herunterzufahren und eben anders als in der Vergangenheit auf seinen Körper zu hören.
Zweifelsohne ist der Verzicht der Olympischen Spiele bitter. In Anbetracht der Tatsache, dass er sowohl 2008 in Peking Gold im Einzel sowie 2016 in Rio de Janeiro im Doppel mit Marc López holte, aber durchaus zu verschmerzen.
Auch in Wimbledon konnte sich Nadal bereits zweimal in die Siegerliste eintragen. Sein letzter Erfolg datiert jedoch aus dem Jahr 2010. Es ist längst kein Geheimnis, dass Rasen nicht gerade der stärkste Belag des Spaniers ist.

Rafael Nadal bei den French Open 2021

Fotocredit: Getty Images

Kommt jetzt das Modell Federer?

Warum also nicht die Kräfte für den Saisonendspurt bündeln?
Zumal im Herbst mit den US Open und den ATP Finals, das er als einziges großes Turnier in seiner Karriere noch nie gewinnen konnte, zwei absolute Highlights auf dem Programm stehen.
Jenes Modell perfektioniert hat ausgerechnet Nadals Lieblingsrivale Federer. Der Maestro verzichtete in der jüngeren Vergangenheit fast gänzlich auf die Sandplatz-Saison, um sich stattdessen auf ebenjene Turniere zu konzentrieren, bei denen er sich die größten Siegchancen ausrechnete. Dass dies nicht die schlechteste Idee ist, steltte Federer im Frühjahr 2018 unter Beweis, als er mit 36 Jahren noch die Australian Open gewinnen konnte.
Einen ähnlichen Weg könnte nun auch Nadal in Zukunft einschlagen, um die Belastungen seines extrem kraftraubenden Spiels zu steuern.
Die Alamarsignale seines Körpers scheint der Sandplatz-König verstanden zu haben, wie seine jüngsten Entscheidungen beweisen. Der Verzicht auf mögliche große Titel im Sommer könnte sich so aber mit Triumphen im Herbst ausgleichen.
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