BVB: Wie Lucien Favre Borussia Dortmund entfesselt hat
Lucien Favres Stuhl als Cheftrainer von Borussia Dortmund wackelte Ende November gehörig. Vier Siege und eine starke Leistung beim 3:3 gegen RB Leipzig später steht der BVB wieder voll im Soll und versprüht spielerischen Glanz. Auch, weil Favre über seinen Schatten gesprungen ist und sowohl persönlich als auch taktisch die richtigen Schlüsse gezogen hat. Eine bemerkenswerte Trendwende.
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Auch zwei Tage nach dem spektakulären 3:3 gegen RB Leipzig hatte Lucien Favre noch am Ausgang dieses Spiels zu kauen.
"Es ist schwer, das zu akzeptieren. Sie hatten praktisch keine Chance", sagte der Trainer von Borussia Dortmund auf der Pressekonferenz am Donnerstag.
Verständlich, der BVB war am Dienstagabend über 90 Minuten die bessere Mannschaft gewesen, spielte den Tabellenführer aus Leipzig in der ersten Halbzeit her.
Besonders der Treffer von Julian Brandt zum 2:0 (34.) dürfte selbst dem kritischsten BVB-Anhänger der vergangenen Wochen ein Lächeln ins Gesicht gezaubert haben. Dass zwei Patzer der Favre-Elf am Ende zwei Punkte kosteten, ist ärgerlich. Natürlich. Doch der BVB kann auch aus dieser Partie wieder viel Positives mitnehmen.
Besonders vor dem Hintergrund, dass vor drei Wochen noch über kollektive, schwer zu behebende Baustellen statt individuelle, unglückliche Fehler gesprochen wurde.
Favre im November: Dem K.o. nah
Die Trendwende, die der BVB in den vergangenen fünf Partien hingelegt hat, ist durchaus bemerkenswert. Vor allem wenn man einen Blick auf die Art und Weise wirft.
Sind wir mal ganz ehrlich: Wer hätte nach dem 3:3 zuhause gegen Paderborn noch einen Cent auf Favre gesetzt? Zu angeschlagen wirkte der Schweizer, der auf die bohrenden Fragen der Journalisten zunehmend ratlos wirkte.
Blutleere Auftritte im November in München (0:4) gegen Paderborn (3:3) und beim FC Barcelona (1:3) erweckten den Eindruck, dass die Mannschaft das Vertrauen in den Trainer verloren hatte.
Favre taumelte. Und dennoch hielten die Verantwortlichen an ihm fest. Vielleicht aus Mangel an Alternativen, vielleicht, weil sie etwas sahen, das dem gemeinen Zuschauer verborgen geblieben war.
Und sie sollten Recht behalten.
Der Schweizer Houdini: Favre entfesselt sich und den BVB
Den Ausgang kennen wir. Turning Point Berlin. Ein kämpferisches 2:1 in Unterzahl. Danach drei Siege, zwei davon in beeindruckender Manier (5:0 gegen Düsseldorf, 4:0 in Mainz). Der Einzug ins Champions-League-Achtelfinale. Dazu die ansprechende Leistung gegen Leipzig.
Und plötzlich steht der BVB wieder voll im Soll. Favre sei Dank. Denn dessen letzte Patrone vor dem Spiel bei Hertha BSC saß. Der Schweizer löste sich von seinem favorisierten 4-2-3-1 und stellte um auf Dreierkette - und entfesselte damit seine Mannschaft.
Jede seiner Personalentscheidungen fruchtete. Brandt, den Favre bis dato auf dem Feld herumschob wie eine Schachfigur, scheint in der Zentrale endlich seine schwarz-gelbe Bestimmung gefunden zu haben.
Der 20-jährige Dan-Axel Zagadou stabilisiert die Abwehr neben Mats Hummels und Manuel Akanji sichtlich und auch in der Offensive ist endlich der Knoten geplatzt. Marco Reus (wird dem BVB am Freitag gegen Hoffenheim aufgrund eines Muskelfaserrisses fehlen), Thorgan Hazard und der viel gescholtene Jadon Sancho wirbeln wieder durch die gegnerischen Strafräume.
Fast ironisch, dass gerade Sancho, den Favre öffentlich kritisierte und in Barcelona demonstrativ auf die Bank setzte, wie kein Zweiter für den BVB-Turnaround steht.
"Er hat die richtigen Schlüsse aus der Krise gezogen, das System umgestellt und es geschafft, dass das Team immer hinter ihm stand", lobte Keeper Roman Bürki nach dem Sieg gegen Slavia Prag, der sich aktuell (trotz seines Patzers gegen RB Leipzig vor dem 1:2) selbst in bestechender Form befindet. Favre entfesselte also nicht nur seine Mannschaft, sondern auch sich selbst.
Von wegen stur: Favre beweist Größe
Liest man in den Aussagen der BVB-Spieler ein bisschen zwischen den Zeilen, wird klar, dass Favre diesen Weg nicht ganz freiwillig gegangen ist. Zwar sei der Coach laut Julian Weigl "schon alleine auf die Systemumstellung gekommen", allerdings habe er im Vorfeld der Partie in Berlin viele Gespräche mit dem Mannschaftsrat und dem Management geführt.
Auch diese Kompromissbereitschaft muss man dem manchmal stoisch und stur daherkommenden Favre hoch anrechnen. Der Schweizer hat sich mit seinen 62 Jahren noch einmal persönlich weiterentwickelt, ist über seinen Schatten gesprungen. Hatte Favre Borussia Mönchengladbach 2015 noch aufgrund von persönlichem Unbehagen in einer schwierigen Phase verlassen, verbiegt er sich mittlerweile für seinen Arbeitgeber.
Nicht nur neben, sondern auch auf dem Platz. Zu Beginn der Saison noch für seine stille, emotionslose Art kritisiert, ist Favre aktuell in der Coaching-Zone fast nicht zu bremsen, brüllt und dirigiert an der Seitenlinie. Ganz entgegen seinem Naturell.
Auch wenn in Dortmund noch lange nicht alles perfekt läuft und sich das Team in der Rückrunde steigern muss, um den hohen Zielen gerecht zu werden:
Favre hat bewiesen, dass er die Mannschaft noch immer erreicht. Und dass er - Stand jetzt - weiter der richtige Trainer für den BVB ist.
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