Für Jürgen Kohler steht ohne Wenn und Aber fest: "Für Dortmund muss es der Anspruch sein, Meister zu werden."
Ausreden lässt der Ex-Borusse nicht gelten, der BVB sei schließlich "ein besonderer Klub, allein schon aufgrund seiner Fans". Die Realität ist freilich eine andere. Seit acht Jahren wird nur noch der Name FC Bayern München in die Meisterschale eingraviert.
Dortmund ging in dieser Zeit fünfmal als Tabellenzweiter über die Ziellinie und schaffte in der Saison 2015/2016 einen Rekord, auf den die Westfalen gerne zugunsten eines Titels verzichtet hätte: Mit 78 Punkten avancierte die Borussia zum besten Vizemeister der bisherigen Bundesliga-Geschichte.
Bundesliga
Nach Moukoko: BVB stattet nächstes Top-Talent mit Profivertrag aus
25/11/2020 AM 16:24
Nimmt man das enorme Potenzial im aktuellen Kader von Trainer Lucien Favre zum Maßstab, so erscheint ein Titel zumindest mittelfristig möglich, ja fast zwingend.

Kohler: "Das Los, das Dortmund prägt"

Kohler aber sieht auch die Gefahr. "Borussia Dortmund muss jetzt aufpassen. Man muss davon wegkommen, ein Ausbildungsverein zu sein", stellte der 105-malige Nationalspieler klar. Die Intention ist klar: Spieler wie Haaland, Sancho oder Moukoko müssen nicht nur weiterentwickelt, sondern auch langfristig an den Verein gebunden werden.
"Wirtschaftlich", glaubt Kohler, ist die Borussia dabei mit einer besonderen Hürde konfrontiert. "Der BVB ist börsennotiert, damit wird es schwieriger, Topspieler und Talente zu halten. Das liegt auf der Hand, denn die Aktionäre wollen ja Geld verdienen."

Jadon Sancho, Erling Haaland und Gio Reyna von Borussia Dortmund

Fotocredit: Imago

"Das ist eben das Los, das Dortmund prägt", sagt Kohler. Man muss nicht besonders gut zwischen den Zeilen lesen zu können, um zu erkennen, dass der ehemalige Profi mit dieser Konstellation so seine Schwierigkeiten hat.

BVB an der Börse: Vor- oder Nachteil?

Wirtschafts-Journalistin Carolin Roth sieht die Tatsache, dass der BVB als einziger Bundesligist an der Börse vertreten ist, aber nicht zwingend als Nachteil. "Dass der BVB gelistet ist, kann in diesem schwierigen Umfeld sogar ein Plus sein gegenüber anderen Vereinen. Denn wenn Dortmund dringend Geld braucht, könnte es sich am Kapitalmarkt einfacher Geld beschaffen, zum Beispiel durch eine Kapitalerhöhung."
Das Emittieren weiterer Aktien sei aber "äußerst unbeliebt bei Investoren, die bereits Aktien besitzen - und vermutlich auch bei Aktionären wie Puma, Evonik oder Signal Iduna", erläutert Roth.
Notverkäufe von Stars, wie sie Kohler befürchtet, wären ebenfalls eine Option - allerdings eine mit Tücken. Die infolge der Corona-Pandemie wohl geringeren Ablösesummen würden sich "wahrscheinlich in einem Zerfall der Aktie widerspiegeln", glaubt Roth.
Das zeigt: Dortmund unterliegt anderen wirtschaftlichen Zwängen und Gegebenheiten wie die Bayern und der Rest der Liga. Das Geschäftsmodell ist nicht unbedingt darauf ausgelegt, junge Spieler mit hoher Wertsteigerung lange in der Mannschaft zu halten.

Kohler glaubt an Haaland-Abschied

Kohler geht ohnehin davon aus, "dass bei Haaland eine festgeschriebene Ablöse im Vertrag" verankert ist und der Norweger daher "nicht mehr lange in Dortmund spielen" werde.
BVB-Boss Hans-Joachim Watzke hatte dies vor rund drei Wochen in der "Sport Bild" dementiert, "so eine Vereinbarung" gebe es nicht. Zuvor hatte es in der Presse Spekulationen über eine Ausstiegsablöse von 75 Millionen Euro gegeben.
Bei den Schwarz-Gelben, so Watzke weiter, habe man "den klaren Wunsch, dass Erling noch länger bei uns bleibt".

BVB-Profis Riedle (li.) und Kohler (re.) im Champions-League-Finale 1997 gegen Juventus Turin

Fotocredit: Getty Images

Aus Sicht von Kohler wäre das ein entscheidender Schritt auf dem Weg zurück zu altem Glanz. "Dortmund wäre ja schon vor der Zeit von Haaland oder jetzt Moukoko fast Meister geworden", erinnert der 55-Jährige, der mit dem BVB 1996 und 2002 deutscher Meister wurde und mit dem Gewinn der Champions League 1997 auch den wohl größten Moment der Vereinshistorie erlebte.
Davon freilich ist der Bundesliga-Zweite weit entfernt. Es wäre aber schon ein großer Schritt, wenn die Verantwortlichen - wie von Kohler gefordert - den Anspruch formulieren würden, mal wieder Meister werden zu wollen...
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