4:2 nach 0:2 im Top-Spiel gegen Borussia Dortmund – da huschte Trainer Hans-Dieter Flick schon ein kleines Lächeln über die Lippen.
"Ich denke, der Sieg war verdient, weil wir über 60, 70 Minuten die dominierende Mannschaft waren", analysierte der Bayern-Trainer den Dreier, mit dem die Münchner den Angriff von RB Leipzig auf die Tabellenspitze parierten - auch wenn man am Schluss "das Quäntchen Glück" gehabt habe, wie Flick zugab.
Bis zur 88. Minute hielt Dortmund das Spiel ausgeglichen, dann aber schlug Leon Goretzka zu. "Ich musste sehr schnell reagieren, der Ball kam unerwartet", meinte der Bayern-Star über seinen artistischen Treffer: "Ich habe das nicht großartig geplant, das war dann schon eher intuitiv."
Bundesliga
BVB stinksauer - hätte das 3:2 für Bayern nicht zählen dürfen?
06/03/2021 AM 20:39
Eine Genugtuung war's für ihn als Ex-Schalker allemal: "Das sind für mich ganz besondere Spiele. In der Schlussphase das entscheidende Tor zu machen, könnte man sich eigentlich nur noch schöner vorstellen, wenn das Stadion voll wäre."
Und was uns sonst noch so auffiel, steht in den drei Dingen.
Spielbericht: 4:2 nach 0:2! Dreifacher Lewandowski dreht Top-Spiel gegen BVB

1. Bayern schnarcht sich wach

Flutlicht, Top-Spiel gegen Dortmund, Fehdehandschuh von Leipzig hingeworfen – eigentlich ein Anlass, zu dem der FC Bayern München normalerweise den Gala-Anzug anzieht und erstmal eine flotte Sohle aufs Parkett legt. Sprich: voll da ist.
Gegen Dortmund kam der FC Bayern aber zum wiederholten Male in dieser Saison überhaupt nicht gut in die Partie, verschlief die ersten zehn Minuten komplett und sah sich folgerichtig mit einem 0:2-Rückstand (Doppelpack Erling Haaland, 2./9.) konfrontiert. "Es ist absolut mühsam und gehört nicht zu unserem Matchplan, muss man ganz klar sagen", meinte Müller zum insgesamt 13. Bayern-Rückstand in dieser Bundesliga-Saison, nachdem die Münchner aber noch 22 Punkte holten.
Der BVB hatte zwar auch eiskalt mit seinen ersten beiden Möglichkeiten zugeschlagen; die Bayern dabei jedoch auch herzlich passiv agiert – zweimal vor allem in Person von Jérôme Boateng, der später wie Haaland verletzt ausgewechselt werden musste.
Nach gut einer halben Stunde jedoch besannen sich die Münchner ihrer Stärken, besetzten die Räume besser und ließen den Ball besser laufen. Eine der wenigen isolierten Eins-gegen-Eins-Situationen im Dortmunder Strafraum münzten die Münchner zum 1:2 um – Leroy Sané hatte das Mismatch gegen Nico Schulz vorbildlich zur Vorlage für Robert Lewandowski ausgenutzt (26.).

Robert Lewandowski trifft - FC Bayern München vs. Borussia Dortmund

Fotocredit: Getty Images

Ein Tor, mit dem das Spiel kippte. "Sie sind mit ihren zwei Ketten sehr weit zurückgewichen, was wenig Tiefgang möglich macht, aber wir konnten uns dadurch ein bisschen in der generischen Hälfte festsetzen", analysierte Müller, wollte aber auch die psychologische Komponente nicht außer Acht lassen: "Durch das 1:2 haben wir Lunte gerochen und die Intensität in den Zweikämpfen war dann von unserer Seite sehr gut, das hat Dortmund ein bisschen aus dem Konzept gebracht."
Bayern hatte sich wachgeschnarcht und war fortan tonangebend – der Anfang vom Ende für den BVB. "Wir haben uns nach dem 0:2 kurz geschüttelt, aber dann auch wieder ein bisschen mehr Körperkontakt gehabt und gezeigt: Wir lassen uns hier nix mehr nehmen", meinte Hansi Flick zufrieden.

2. Dortmund fehlt Tiefe – auf mehreren Ebenen

Beim BVB hatte man vor dem Spiel schon ein bisschen die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen: Ohne Jadon Sancho, Raphael Guerreiro und Giovanni Reyna, die alle kurzfristig passen mussten, zu den Bayern? Na, das kann ja was werden …
Es wurde beinahe tatsächlich was – doch am Ende standen die Borussen wie jedes Mal seit der Bundesliga-Saison 2015/16 in München wieder ohne Punkte da. Was vor allem an der fehlenden Tiefe lag – in mehrfacher Hinsicht.
Zum einen, weil es der BVB nach der verheißungsvollen Anfangsphase mit den zwei Haaland-Nadelstichen nicht mehr schaffte, Bayerns Viererkette ins Laufen zu bringen und nach Kontern Räume hinter der Verteidigung zu erschließen.
"Wenn man nur zehn Minuten mutig gegen Bayern spielt, wird es schwer", kritisierte Emre Can: "Ich hatte auf dem Spielfeld das Gefühl, dass wir uns nicht gut in den Räumen bewegt haben und von hinten raus keinen guten Fußball gespielt haben."
Reaktionen: "Einfach nicht gut genug": Can hadert nach Pleite im Topspiel
Can selbst spielte in Dortmunds 3-4-2-1 zu Beginn den rechten Part in der Dreierkette neben Mats Hummels und Dan-Axel Zagadou und stand dort auch defensiv, wenn sich das BVB-Bollwerk mit Thomas Meunier (rechts) und Nico Schulz (links) zur Fünferkette verbreitete.
Bei Ballbesitz Dortmund schaltete sich Can jedoch oft ins Mittelfeld der Dortmunder ein, rückte dann an die Seite von Mahmoud Dahoud und Thomas Delaney, um dort, im Zentrum des Spiels, Überzahlsituationen herzustellen und der Bayern dort besser Herr werden zu können.
Das bedeutete vor allem eins: viel Rennerei für Can, der die fluide Rolle deswegen auch mit fortlaufender Spielzeit immer zaghafter wahrnahm und sich eher auf die defensiven Aufgaben beschränkte. "Sie haben erst Fünferkette gespielt, dann Viererkette und dann nochmal umgestellt, da hat man dann schon gemerkt: Wir sind am Drücker", sagte Müller später.
BVB-Trainer Edin Terzic versuchte zwar noch in der Halbzeitpause, "die Jungs dafür zu sensibilisieren, dass wir den Druck erhöhen müssen". Daraus wurde aber nichts. "Wir wollten 20, 30 Meter vor dem eigenen Tor nicht zu passiv werden und vorschieben, dass uns die Innenverteidiger dort auch unterstützen müssen, sonst wird es sehr schwer für die Mittelfeldspieler. Das wurde dann auch einen Tick besser, aber Bayern hat es auch hervorragend gemacht", musste Terzic zugeben.
Im zweiten Durchgang machte sich dann eben auch die fehlende Tiefe im Dortmunder Kader bemerkbar. Als bei Reus und dem erst kürzlich wieder genesenen Thorgan Hazard die Kräfte nachließen und nach 60 Minuten auch noch Erling Haaland angeschlagen ausgewechselt werden musste, schwanden die Dortmunder Hoffnungen auf Entlastungsangriffe zusehends. Haalands Ersatz Stefan Tigges kam auf gerade mal 13 Ballaktionen und einen einzigen Torschuss – von der Mittellinie.
"Der Schlüssel war, dass wir es nicht mehr geschafft haben, für Entlastung zu sorgen", analysierte Terzic zerknirscht: "Dann wurde der Druck so groß, dass wir jetzt mit leeren Händen nach Hause fliegen müssen."

3. Immer einmal mehr wie Du

Erling Haaland hat das Phänomen Robert Lewandowski neulich im norwegischen TV so beschrieben: "Der Typ ist verrückt. Er ist einfach verrückt", und zwar weil: "Wenn ich ein Tor erziele, sage ich mir: 'Okay, jetzt bin ich ihm ein Tor nähergekommen.' Aber dann macht er einfach wieder einen Hattrick, als wäre es etwas Alltägliches."
Als Beweisstück könnte der 20 Jahre alte BVB-Stürmer nun diesen Samstagabend aufnehmen. Da legte Haaland mit zwei blitzsauberen Abschlüssen in den ersten zehn Minuten seine Saisontreffer 18 und 19 hin – und wurde am Ende doch wieder von Lewandowski überboten.
Der nämlich brachte seine Saisontreffer 29, 30 und 31 im BVB-Tor unter. Beim 1:2 wunderschön von Sané bedient (26.) und beim 2:2 von den Dortmundern – Dahoud foulte Coman – zum Elfmeter eingeladen (44.), machte er mit einem platzierten Schuss aus 20 Metern ins kleine Netz am Ende alles klar (90.).
Lewandowski-Nachfolge? Flick schließt Haaland-Transfer nicht aus
Haaland war da schon zum Zuschauen verdammt. "Er hat einen kleinen Schlag bekommen, aber das war nicht das Problem", sagte Terzic, "er spielt seit Wochen jedes Spiel und da müssen wir ein bisschen aufpassen und ihn ein bisschen beschützen."
Lewandowski schickt sich derweil weiter an, den 40-Tore-Rekord von Gerd Müller zu knacken – zehn Treffer in zehn Spielen fehlen ihm dafür noch. "Drei Tore sind immer gut", lobte Bayern-Trainer Flick etwas unterkühlt und meinte zur Rekordjagd: "Letztlich ist es für Lewy wichtig, dass die Mannschaft Erfolg hat. Wenn dann der Rekord bei rauskommt, ist es umso schöner, aber im Fokus steht die Mannschaft."
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