FC Bayern München in der Kaderanalyse: Warum sich der Rekordmeister (fast) überall verstärken muss
VonThomas Gaber
Publiziert 12/05/2022 um 00:28 GMT+2 Uhr
Der FC Bayern München fuhr souverän seine zehnte deutsche Meisterschaft in Folge ein, konnte die Erwartungen in den Pokalwettbewerben aber keineswegs erfüllen. Vor allem das Aus im Champions-League-Viertelfinale gegen den FC Villarreal bleibt hängen. Der Leistungsabfall in der Rückrunde hängt auch mit der Qualität des Kaders zusammen. Mit Blick auf die Saison 2022/23 ist eine Menge zu tun.
Quo vadis, FC Bayern? Der Rekordmeister muss personell aufrüsten
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Eine Viertelstunde nahm sich Hasan Salihamidzic nach dem letzten Heimspiel gegen den VfB Stuttgart (2:2) Zeit für die Journalisten. Zentrales Thema war die Personalplanung für die nächste Saison.
Geht der FC Bayern in die Transferoffensive oder wird der Kader hier und da lediglich ergänzt? Bayerns Sportvorstand äußerte sich vage: "Wir versuchen, den deutschen Kern der Mannschaft zu behalten und haben schon einige Verträge verlängert. Ich liebe die Jungs, die da sind. Wir müssen gucken, wie wir den Kader in der Breite verstärken. Aber wir haben nicht unendlich viel Geld."
Der Anspruch des FC Bayern ist es, abgesehen von der nationalen Dominanz, jedes Jahr um den Champions-League-Pokal mitzuspielen. Doch während die europäische Konkurrenz bereits Blockbuster-Transfers eintütet (der Wechsel von Erling Haaland zu Manchester City steht unmittelbar bevor), wird in München darauf hingewiesen, dass man aufgrund der geringeren finanziellen Mittel laut Salihamidzic "kreative Ideen" haben müsse.
Die Rückrunde hat aber gezeigt, dass der FC Bayern auf internationalem Terrain Gefahr läuft, den Anschluss zu verpassen, wenn der Kader nicht in nahezu allen Mannschaftsteilen verstärkt wird.
TOR: Einzige Position auf Weltklasse-Niveau
27 Titel hat Manuel Neuer mit dem FC Bayern bereits gewonnen. Seit nunmehr elf Jahren sorgt er dafür, dass die Münchner im Kasten auf Weltklasse-Niveau sind.
Neuer gehört mit seinen 36 Jahren einer anderen Torhüter-Generation an als Ederson, Allison Becker, Jan Oblak oder Thibaut Courtois, die alle in den Zwanzigern sind. Leistungsmäßig kann Bayerns und Deutschlands Nummer eins aber immer noch locker mithalten - er ist die Konstante im Kader des Rekordmeisters.
Und es sieht stark danach aus, dass das auch in naher Zukunft so bleiben wird. Neuer bezeichnete den Stand der Gespräche mit dem Verein über eine vorzeitige Vertragsverlängerung über 2023 hinaus als "sehr gut".
Neuer wird dem FC Bayern noch länger erhalten bleiben und voraussichtlich seine Karriere in München beenden. Das ist auch der Grund, warum der an die AS Monaco ausgeliehene Alexander Nübel dort wohl keine Zukunft.
Zumal mit Sven Ulreich Bayerns Nummer zwei erst vor wenigen Tagen seinen Vertrag bis 2023 verlängert hat. Auf der Torhüterposition muss sich der FC Bayern vorerst keine Gedanken machen.
ABWEHR: In der Innenverteidigung besteht dringend Handlungsbedarf
Das sieht in der Reihe vor Manuel Neuer ganz anders aus. Mit Niklas Süle verliert der FC Bayern seinen wertvollsten Innenverteidiger an Borussia Dortmund.
Salihamidzic sieht dennoch keinen Handlungsbedarf. "Wir haben mit Lucas Hernández, Dayot Upamecano, Benjamin Pavard und Tanguy Nianzou vier sehr gute Innenverteidiger und ich kenne keine Mannschaft, die vier solche Verteidiger in ihren Reihen hat", sagte der Sportvorstand.
Was die Einsatzzeit betrifft, ist 43-Millionen-Euro-Mann Upamceano Julian Nagelsmanns Innenverteidiger Nummer eins. Der Franzose spielte in der Bundesliga 23 Mal von Beginn an, Hernández 17 Mal, Süle 16 Mal. Doch der Ex-Leipziger offenbarte in seiner Premieren-Saison in München Startschwierigkeiten.
"Bei Upamecano stimmt das Preis-Leistungs-Verhältnis nicht", sagte TV-Experte Lothar Matthäus nach dem 2:4 in Bochum im Februar. "Er ist immer noch nicht angekommen, macht zu viele Fehler und wirkt wie ein Fremdkörper", so Matthäus weiter.
Gegen Ende der Saison wurde Upamecano stärker und minimierte seine Fehlerquote. Nagelsmann hat die berechtigte Hoffnung, dass der 23-Jährige in seiner zweiten Saison durchstartet und allmählich in die Führungsrolle in der Innenverteidigung hineinwächst.
Auch Upamecanos Landsmann Hernández wird nachgesagt, dass er die 80 Millionen Euro Ablöse nicht wert ist. "Er ist für Nagelsmanns Spielstil mit hoch stehenden Innenverteidigern zu langsam und begeht zu viele Fouls", analysierte Matthäus.
Nach dem Abgang von David Alaba und Jerome Boateng hatten die Münchner gehofft, dass Hernández die Lücke füllt. Das ist dem 26-Jährigen (noch) nicht gelungen.
Nianzou ist noch nicht die Lösung
Pavard ist etatmäßiger Rechtsverteidiger, der dann eine wichtige Rolle als dritter Innenverteidiger einnimmt, wenn Nagelsmann auf eine Dreierkette setzt. Doch auch der Weltmeister von 2018 hat allenfalls eine durchschnittliche Saison gespielt.
Von Tanguy Nianzou versprechen sich die Bayern-Bosse viel für die Zukunft. Laut Nagelsmann braucht das Nachwuchstalent mehr Spielminuten, damit die sich die Trainer ein klares Bild über seinen Entwicklungsstand machen können. Gegen Stuttgart durfte er ran - und erlebte ein Waterloo.
Nianzou war völlig überfordert und offenbarte eklatante Geschwindigkeitsdefizite. "DAZN"-Experte Sandro Wagner bezeichnete sein Verhalten vor Stuttgarts Führungstor als "absolute Amateur-Aktion". Nianzou ist erst 19 und hat sicher Potential. Aber er ist nicht der Spieler, der die Defensive-Probleme der Bayern in der kommenden Saison lösen wird.
Mit Chris Richards kommt ein weiterer Innenverteidiger zurück aus Hoffenheim und mit Noussair Mazraoui steht ein Neuzugang für die Abwehr so gut wie fest. Der 24-Jährige ist Stamm-Rechtsverteidiger bei Ajax Amsterdam. Damit bekommt Pavard endlich Konkurrenz auf rechts, Bouna Sarr ist nämlich keine.
Links ist Alphonso Davies gesetzt, als Backup stehen Hernández und Omar Richards bereit. Auf den Außenbahnen sind die Bayern gut aufgestellt, um den internationalen Ansprüchen gerecht zu werden, fehlt aber ein Innenverteidiger von Weltklasse-Format.
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Tanguy Nianzou wirkte gegen Stuttgart überfordert
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MITTELFELD: Nagelsmann fordert Pressingmonster
Nagelsmann ging nach dem letzten Heimspiel gegen Stuttgart in die Offensive. Die Probleme im Gegenpressing könnten zwar mit dem vorhandenen Personal behoben werden, doch der Coach "hätte nichts dagegen, wenn wir ein, zwei Pressingmaschinen kaufen."
Zu oft fingen sich die Münchner in dieser Saison Gegentore ein, weil das Pressing nicht funktionierte und das Mittelfeld mit schnellen Pässen überrumpelt wurde. Joshua Kimmich und Leon Goretzka bilden das etatmäßige Duo im Zentrum, doch Goretzka kam durch Verletzungen nie in einen richtigen Rhythmus. Kimmich fiel als bis dato Ungeimpfter wegen einer Corona-Infektion in der Hinrunde lange aus und fand in der Rückrunde zu selten zu seiner Form.
Marcel Sabitzer konnte nicht im Ansatz an seine Leistungen in Leipzig anknüpfen, Corentin Tolisso fiel immer wieder mit Verletzungen aus und Marc Roca bekam trotz mehrerer Loblieder von Nagelsmann wenig Einsatzzeit. Der Trainer setzte während Goretzkas Abwesenheit verstärkt auf Jamal Musiala neben Kimmich.
Das vorhandene Personal stellt Nagelsmann nicht uneingeschränkt zufrieden, sonst würde er nicht öffentlich Verstärkungen im Mittelfeld einfordern. Für den 19-jährigen Ryan Gravenberch von Ajax Amsterdam sollen die Bayern ein verbessertes Angebot angegeben haben, zudem buhlen die Bayern offenbar um Leipzigs Konrad Laimer, auf den Nagelsmann große Stücke halt.
Es tut sich was in Sachen Verstärkungen fürs Mittelfeld, die großen Namen sind jedoch nicht dabei. Das war bei Sabitzer und Roca ähnlich und beide sind weit davon entfernt, das Mittelfeld des FC Bayern nachhaltig besser zu machen.
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Konrad Laimer (l.) ist angeblich Wunschspieler von Julian Nagelsmann
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ANGRIFF: Das Problem lauert auf den Flügeln
Robert Lewandowski und sonst nichts - das ist nicht von der Hand zu weisen. Der Pole stand in sämtlichen Pflichtspielen der Saison - mit Ausnahme des 12:0 gegen den Bremer SV in der ersten DFB-Pokal-Hauptrunde in der Startelf und erzielte in 45 Einsätzen 49 Tore.
Lewandowski zählt zu den absoluten Topstars im Sturm - doch wie lange noch beim FC Bayern? Der 33-Jährige soll sich mit dem FC Barcelona einig sein, die Münchner verweigern ihm allerdings die Freigabe und wollen den 2023 auslaufenden Vertrag verlängern. Das Ergebnis der Verhandlungen ist nach wie vor völlig offen.
Es ist aber davon auszugehen, dass Lewandowski 2022/23 beim FC Bayern spielen wird. Das ist auch alternativlos. Auf seine 40+x Tore pro Saison kann der Verein nicht verzichten, zumal adäquater Ersatz nicht zu bekommen ist. Kylian Mbappé oder Erling Haaland spielen selbst für den FC Bayern finanziell in einer anderen Liga. Und am Gerücht um Sadio Mané ist wohl nichts dran.
Hinter Lewandowski wird die Luft im Sturmzentrum jetzt schon dünn. Eric Maxime Choupo-Moting kommt über Kurzeinsätze nicht hinaus und wird dann reingeworfen, wenn der FC Bayern in Rückstand ist und hohe Bälle in den Strafraum als letztes Mittel gewählt werden.
Auf den Flügelpositionen ist Kingsley Coman der einzige Spieler, der konstant gute Leistungen abliefert. Leroy Sané hatte nach einer starken Hinrunde einen enormen Leistungsabfall und wurde zuletzt von Salihamdizic sogar öffentlich angezählt. "Wenn er die Spannung nicht hat, dann gefällt mir das einfach nicht. Das ist das, was ich als Verantwortlicher nicht möchte", sagte Salihamdzic Ende April bei "Sky".
Bayerns Geduld mit Sané ist nicht unendlich; er muss in der kommenden Saison endlich am Fließband liefern.
Serge Gnabry gehört neben Müller, Lewandowski und Neuer zu den Spielern, deren Verträge die Bayern-Bosse gerne verlängern würden. Eine Einigung ist nach jetzigem Stand noch nicht in Sicht, Gnabry fordert angeblich die nahezu gleiche Gehaltsklasse wie die Topverdiener, die Rede ist von mindestens 15 Millionen Euro Jahresgehalt.
Auch Gnabry fiel in der Rückrunde ab, erzielte aber immerhin vier Tore in den letzten sechs Bundesligaspielen.
Mit Thomas Müller haben die Münchner bereits Nägel mit Köpfen gemacht und den Vertrag bis 2024 verlängert. Müller ist Identifikationsfigur und immer noch Leistungsträger beim FC Bayern. Das belegen die Zahlen. Zum dritten Mal in Folge bereitete Müller in der Bundesliga mindestens 20 Tore vor und erzielte wettbewerbsübergreifend mit 13 Treffern in etwa so viele wie 2019/20 (14) und 2020/21 (15).
Mit Musiala hat Müller echte Konkurrenz auf der Zehnerposition und muss sich in der kommenden Saison neu behaupten.
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Quelle: Perform
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