FC Bayern nach zehnter Meisterschaft in Folge im Zwiespalt der Emotionen: Routine frisst Ekstase

Der FC Bayern ist mal wieder deutscher Meister. Zum sage und schreibe zehnten Mal in Folge schnappten sich die Münchner am Samstagabend den prestigeträchtigsten nationalen Titel. Und das ausgerechnet dank eines Sieges über den Rivalen aus Dortmund. Ein wunderbarer Rahmen, ein Party-Setting aus dem Bilderbuch - sollte man zumindest meinen. Die große Ekstase wollte aber nur bei wenigen aufkommen.

Bayern-Trainer Julian Nagelsmann

Fotocredit: Getty Images

Hüpfende Spieler, in Dirndl gehüllte Frauen, die überdimensionale Weißbiergläser übergeben, eigens für diesen Moment produzierte T-Shirts und Papp-Meisterschalen. Eine Szenerie mit Déjà-vu-Charakter, ein Bild, das sich seit nunmehr einer Dekade verlässlich zu dieser Zeit im Jahr zeigt.
Der FC Bayern ist zum zehnten Mal in Serie deutscher Meister. Eine derart lange Dominanz gab es in Europas Top-Fünf-Ligen noch nie, Juventus Turin war in jüngerer Vergangenheit mit neun Scudetti hintereinander zwar nah dran an der magischen Zweistelligkeit, doch Inter Mailand durchkreuzte die weiß-schwarzen Träume im vergangenen Jahr.
Nur einmal wieder Meister werden - ein Kunststück, das Borussia Dortmund auch gerne mal wieder gelungen wäre. Stattdessen musste der BVB hautnah miterleben, wie der unliebsame Rivale aus dem Süden einmal mehr die überdimensionalen Weißbiergläser in Stellung brachte.
1:3 hieß es am Ende aus Sicht der Gäste aus dem Ruhrgebiet, die ganz große Enttäuschung wollte sich aber nicht breit machen. Wenn es nicht am 31. Spieltag geschehen wäre, dann eben in der darauffolgenden Woche.

Freude auf dem Rasen, Routine auf den Rängen

Auch der Neid auf die Feierlichkeiten dürfte nicht allzu groß gewesen sein. Während in Dortmund bei umgekehrter Konstellation ein dreitägiger, stadtumfassender Dauerrausch begonnen hätte, spulten die Bayern ihr traditionelles Programm ab. Singen mit der Südkurve, Zickzacklaufen, um den Gerstensaft-Duschen zu entkommen und das Abgehen der obligatorischen Ehrenrunde. Das Ganze untermalt von "Hits", die selbst am Ballermann mittlerweile mutmaßlich mit dem Stempel "nicht länger tragbar" versehen wurden.
Obwohl allen voran Benjamin Pavard sichtlich Spaß verbreitete, jeden mit Bier begoss, der ihm in die Quere kam, Joshua Kimmich und Leon Goretzka die anwesenden Zuschauer immer wieder animierten, die Hände in die Höhe zu recken und Thomas Müller in seiner typischen Art umherwuselte, wirkte das Publikum in vielen Teilen lethargisch, bisweilen emotionslos. Einige verließen das Stadion bereits kurz nach Abpfiff.
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Benjamin Pavard (l.) und Thomas Müller

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Man mag den Protagonisten wie Robert Lewandowski oder Manuel Neuer glauben, dass jede Meisterschaft auf ihre Art einen ganz eigenen, besonderen Stellenwert einnimmt, man sollte die unbändige Gier, den prall gefüllten Trophäenschrank jedes Jahr aufs Neue mit einer frischen Schale bestücken zu wollen, bestaunen - allerdings beschleicht den geneigten Beobachter eine gewisse Meistermüdigkeit auf den Rängen.
Wer will es den Anhängern verdenken? Wenn ein eigentlich besonderes Ereignis zur Normalität wird, ist es nicht mehr besonders, sondern Routine. Die Meisterschaft ist für die Bayern ein Trostpreis, sofern es mit dem Außergewöhnlichen, nämlich einem Triumph in der Champions League, nichts wird.

Nagelsmann: Kommende Saison? "Hoffentlich erfolgreicher"

Eine Denkweise, die selbst Julian Nagelsmann, für den es der erste Gewinn der Meisterschaft in seiner Karriere war, vermittelt. "Vielleicht wird der Druck im kommenden Jahr sogar noch größer", sagte er auf der Pressekonferenz und ergänzte: "Hoffentlich sind wir in zwei von drei Wettbewerben erfolgreicher als in dieser Saison." Damit spielte er auf das frühe Aus im DFB-Pokal (0:5 in der zweiten Runde in Mönchengladbach) und das Königsklassen-Aus gegen Villarreal vor anderthalb Wochen an.
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Am Ziel: Julian Nagelsmann feiert seine erste Meisterschaft mit dem FC Bayern München

Fotocredit: Imago

Dennoch war dem 34-Jährigen anzumerken, dass ihn sein Meisterstück alles andere als kalt ließ. Sichtlich besehlt ließ er sich im Pressekonferenzraum nieder, machte Späße über seine erste Bierdusche (natürlich von Pavard verabreicht) und die daraus resultierende feuchte Unterhose und sprach von einem ganz besonderen Moment. Auch die Schalen-Debütanten Dayot Upamecano und Marcel Sabitzer dürften ihre erste Meisterschaft nicht so schnell vergessen.

Routine frisst Ekstase

Im ersten Anlauf als Bayern-Trainer das Mindestziel zu erreichen ist ordentlich, ein "vernünftiger" Saisonabschluss, wie Müller befand.
Aber im Selbstverständnis des Vereins nicht genug. Es geht eben noch mehr als das. Double, Triple, Quadruple. Zahlen, von denen die meisten Vereine nicht einmal zu träumen wagen, dienen im FCB-Kosmos als Antrieb.
Sollte Nagelsmann, der im Sommer einen Fünfjahresvertrag unterschrieben hatte, sein Arbeitspapier tatsächlich erfüllen oder sogar noch länger bleiben, wird er sich an das alljährliche Meisterprozedere gewöhnen. Bierdusche, den Klassiker "Deutscher Fußball-Meister FCB" anstimmen, Ehrenrunde drehen. Routine frisst irgendwann Ekstase.
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Gelöster Nagelsmann liefert Sprüchefeuerwerk

Quelle: Perform

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