Liebe FußballfreundInnen, vielleicht muss man aus gegebenem Anlass noch einmal daran erinnern, dass in unserem Land Impfen eine Privatangelegenheit ist. Es gibt aus guten Gründen keine allgemeine Impfpflicht. Das könnte man derzeit glatt vergessen: Lanz und Lauterbach, STIKO, Tagesthemen und Ethikrat, sie alle kennen seit Tagen kein anderes Thema als Joshua Kimmich.
Kimmich, von Beruf Fußballspieler beim FC Bayern, hat kundgetan, dass er noch nicht gegen Corona geimpft sei. Das hat er auf eine Reporterfrage geantwortet, sehr abwägend und reflektiert, er hat seine Bedenken klar gemacht, aber auch, dass er kein Impfgegner sei. Er werde sich vielleicht noch impfen lassen, aber noch fehlen ihm weitere Informationen zu Nebenwirkungen und Langzeitfolgen.
Kimmich hat eine Position vertreten, die absolut legitim ist in einem Rechtsstaat, die eine offene Gesellschaft aushalten muss, auch wenn sie nicht jedem gefallen mag. Das, was danach passierte, zeigt, dass nicht Kimmich das Problem ist, sondern eine Öffentlichkeit, die mit Meinungspluralismus nicht mehr umgehen kann.
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Das haben Ärzte und Virologen erlebt, die #allesdichtmachen-Schauspieler, jetzt hat es den Fußball erreicht. Das ist an Bigotterie kaum zu überbieten.

Nicht Kimmich trägt Verantwortung ...

Seit dem Wochenende wissen wir, dass es bei den Bayern noch fünf ungeimpfte Profis geben soll, einer davon Joshua Kimmich. Wer die anderen vier sind, werden wir wohl nie erfahren, angesichts des öffentlichen Meinungstsunamis in der Causa Kimmich.
Lange wird auch der Betroffene selbst das kaum durchhalten, will er weiterhin seinem Beruf nachgehen. Das beliebteste Argument der Kimmich-Kritiker, wonach der 26-Jährige eine Vorbildfunktion wahrnehme, ist bei näherer Betrachtung Kokolores.
Nicht das Individuum Kimmich hat eine gesellschaftliche Verantwortung, sondern der Volkssport Fußball, der Millionen begeistert.

Joshua Kimmich im Spiel des FC Bayern München gegen die TSG 1899 Hoffenheim

Fotocredit: Getty Images

... sondern der Fußball als Ganzes

Wie sehr der Profi-Fußball seiner Verantwortung gerecht wird, hat er im ersten Jahr der Pandemie gezeigt. Er forderte eine Sonderrolle und machte Druck, wieder spielen zu dürfen, während das ganz Land stillgelegt war. Das hat ihm viele Sympathien gekostet.
Wie sehr der Profifußball seiner Verantwortung gerecht wird, hat die EURO gezeigt, als in Ländern wie Russland, Ungarn oder Aserbaidschan - Länder, die von offenen Gesellschaften so weit entfernt sind wie Kimmich von einem Querdenker - im Widerspruch zu allen gängigen Corona-Maßnahmen in vollen Stadien Fußball gespielt werden durfte.
Millionen Fans saßen begeistert vor dem Bildschirm. Über die gesellschaftliche Verantwortung von uns allen müssen wir auch noch mal sprechen.

Kimmich ungeimpft? Toppmöller wischt Debatte beiseite

Warum ist Kimmich nicht in Quarantäne?

Wie sehr der Fußball seiner Verantwortung gerecht wird, zeigte sich auch vor gut einer Woche am Umgang mit der Corona-Erkrankung von Bayern-Trainer Julian Nagelsmann (Status: doppelt geimpft). Der gesamte Bayern-Tross flog an einem Dienstag im Rahmen der Champions League mit Nagelsmann nach Lissabon. Vor Ort war erst von einem Infekt die Rede, weshalb Nagelsmann nicht im Stadion war. Erst ein Corona-Test in Lissabon brachte Klarheit.
Tatsächlich habe er bereits drei Tage vor dem Flug über Symptome geklagt, erzählte Nagelsmann hinterher. Ab wann Nagelsmann genau für Trainerteam und Mannschaft ansteckend war, wird sich nicht mehr abschließend klären lassen. Die Frage aber ist: Warum wurde nur Nagelsmann in Quarantäne geschickt? Hatte er keine Erstkontakte? Ist Co-Trainer Dino Toppmöller für Nagelsmann kein Erstkontakt? Wer saß im Flieger neben ihm?
Der ungeimpfte Kimmich und die anderen vier, wer auch immer sie sind, hätten in Lissabon nie im Aufgebot stehen und spielen dürfen, sondern in die Quarantäne gehört. Da waren sie nie. Bei Schulklassen macht man das so, bei den Bayern nicht? Wo ist da die Verantwortung?

Thomas Müller und Joshua Kimmich vom FC Bayern München

Fotocredit: Getty Images

Risiko, Durchbruch, Aufregung

Dann doch lieber und ausgerechnet Kimmich! Der zu Beginn der Pandemie als einer der ganz wenigen Fußballer überhaupt seiner Vorbildfunktion nachgegangen war mit der Benefizaktion #WeKickCorona. Ein Spielführer auf dem Feld und einer der intelligenteren Fußballprofis, die wir haben.
Alles, was er zum Corona-Impfstoff gesagt hat, war stimmig. Ein neuartiger Impfstoff (mRNA), der in zehn Monaten entwickelt wurde, was sonst zehn Jahre dauert. Die begleitenden Studien zu Nebenwirkungen und Langzeitfolgen kann es also gar nicht geben. Auch deshalb handelt es sich um eine Notzulassung. Das alles muss man sagen dürfen.
Die einzige Verantwortung, die Kimmich hat, ist eine ganz persönliche. Wenn er glaubt, dass er im Falle einer Infizierung schwer erkranken wird, sollte er sich impfen lassen. Wenn er nicht öfter in Quarantäne geschickt werden will als seine geimpften Mitspieler, sollte er sich impfen lassen. Wenn die Liga auf 2G umstellt, kann er nicht mehr mitspielen. Das könnte seinen Arbeitgeber stören, tut es aber nicht.
Dass Kimmich als regelmäßig getesteter Ungeimpfter für seine Umwelt ein deutlich größeres Risiko darstellt als ein nicht mehr getesteter Doppeltgeimpfter, ist so wohl kaum noch aufrecht zu erhalten, wie der Impfdurchbruch bei Julian Nagelsmann zeigt. Warum also diese scheinheilige Hysterie?
Zur Person Thilo Komma-Pöllath:
Der Sportjournalist und Buchautor ("Die Akte Hoeneß") beleuchtet in seinem wöchentlichen Blog "Der LIGAstheniker" das Geschehen in der Fußball-Bundesliga für Eurosport.de. Oft skeptisch, ironisch, kritisch - aber einer muss schließlich den Ball flach halten.
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