Borussia Dortmund hatte am Mittwochabend eine klare Mission: Vor heimischer Kulisse wollte die Mannschaft von Trainer Marco Rose Wiedergutmachung für das betreiben, was sich vor rund zwei Wochen in Amsterdam zugetragen hatte. Seinerzeit hatte es gegen Ajax ein 0:4 und damit die höchste Niederlage der langjährigen Dortmunder Champions-League-Geschichte gesetzt.
Mit dem eigenen Anhang im Rücken schien das Vorhaben zunächst zu gelingen, die Hausherren ließen die spielstarken Niederländer kaum zur Entfaltung kommen, standen kompakt und setzten selbst regelmäßig offensive Nadelstiche.
Bis Schiedsrichter Michael Oliver in der 29. Minute eine folgenschwere Entscheidung traf und ein Einsteigen von Mats Hummels gegen Ajax-Offensivmann Antony als rotwürdiges Foul interpretierte. Eine falsche, schier skandalträchtige Einschätzung, die durch das Kontrollorgan namens Video-Referee fälschlicherweise offensichtlich nicht angezweifelt wurde.
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04/11/2021 AM 02:08
Doch der Platzverweis gegen Dortmunds Innenverteidiger war nicht der einzige Grund, warum die Gäste die Partie noch drehten, nachdem Marco Reus per Elfmeter eine 1:0-Pausenführung für die dezimierten Westfalen herausgeschossen hatte. Auch der Verlust eines anderen Spielers wog schwer, womöglich spielentscheidend.
Drei Dinge, die bei Borussia Dortmund gegen Ajax Amsterdam auffielen.

1. VAR das schlecht! Schiri-Gespann zurecht in der Kritik

Es mag auf den ersten Blick nach einem überharten Einsteigen ausgesehen haben, als Hummels seinem Gegenspieler Antony in Minute 29 einigermaßen schwungvoll in die Parade fuhr. Auch dass Schiedsrichter Oliver sich im Eifer des Gefechts von der Vehemenz des Tacklings und der daraus resultierenden Antony-Showeinlage zu einer Fehlentscheidung hinreißen ließ, wäre noch irgendwie entschuldbar.
Dass weder er, der als Engländer normalerweise von der Insel eine ganz andere Gangart gewöhnt sein dürfte, noch sein Video-Schiedsrichter die Rote Karte anzuzweifeln schienen, führte die Instanz VAR einmal mehr ad absurdum. Ein Hinweis aufs Ohr, die Aufforderung, Oliver möge sich die Szene noch einmal am eigens dafür aufgestellten Bildschirm anschauen, hätte gereicht, um zu erkennen, dass er einem Trugschluss aufgesessen war. Nichts dergleichen geschah, Stuart Atwell, der Kollege im Keller, sah keinen Grund, den Fehler zu revidieren, vielmehr bestärkte er Oliver sogar noch.

Marco Rose äußerte nach dem Spiel seinen Unmut

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Eine Tatsache, die die Dortmunder Protagonisten im Nachgang - verständlicherweise - auf die Palme brachte. Hummels, der im Anschluss bei „DAZN“ sprach, schimpfte: "Ich habe wirklich keine Ahnung, wie man als Schiedsrichter auf angeblichem Champions-League-Niveau auf die Idee kommt, Rot zu geben. Ich habe ihm gesagt, dass er sich das anschauen soll, dann hätte er mir Gelb geben können, damit er nicht ganz doof dasteht." Als Oliver dieser Bitte nicht nachkam, sei er "völlig ungläubig" gewesen.
Gegenspieler Antony, der Hummels zufolge zugegeben habe, dass die Rote Karte unberechtigt war, bekam ebenfalls reichlich Kritik ab. "Ich möchte noch einen Punkt hinzufügen: Die Schauspielerei meines Gegenspielers sollte man nicht außer Acht lassen. Das war grob unsportlich. Er fällt guckt hoch und windet sich noch dreimal", sagte der 32-Jährige.
Auch Trainer Rose machte seinem Ärger am "DAZN"-Mikrofon Luft. "Das ist solch ein erfahrener Schiri, der auch noch aus England kommt", erklärte der BVB-Coach und schob nach: "Da sitzen Leute im Warmen und gucken sich so etwas an. Wenn die dann entscheiden, dass man diese Karte so geben kann, tut es mir leid - dann läuft im Fußball irgendwas falsch."

Rose wütet wegen Roter Karte: "Gibt es hier irgendjemanden, der ...?!"

2. Hummels-Rot nicht der einzige Gamechanger

Der Platzverweis trug mit Sicherheit einen entscheidenden Teil dazu bei, dass Dortmund mit leeren Händen dastand. Darüber hinaus wirkte ein anderer Umstand negativ auf das Spiel des BVB ein: Linksverteidiger Marius Wolf, der physisch extrem präsent war, viele Wege ging, sich in jeden Zweikampf warf, musste in der 58. Minute verletzungsbedingt runter.
Rose, der eine Mannschaft sah, die zu keinem Zeitpunkt haderte oder aufsteckte, stattdessen aufopferungsvoll in Unterzahl kämpfte, brachte mit Felix Passlack den einzigen nominellen Außenverteidiger, den die Ersatzbank hergab.

Marius Wolf trug gegen Ajax eine Verletzung davon

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Der logische Schritt. Allerdings machte Ajax den Neuen schnell als Schwachstelle in Dortmunds bis dato sehr kompakten Hintermannschaft aus, fuhr fortan Angriff um Angriff über die rechte Angriffsseite. Flügelflitzer Antony genoss ebenda plötzlich enorme Freiheiten. Immer wieder wurde der Brasilianer in Szene gesetzt, immer wieder stellte der Olympiasieger von Tokio unter Beweis, warum längst größere Vereine um seine Dienste buhlen.
In der 72. Minute agierte Marco Reus zu zaghaft, ließ Antony aus dem Halbfeld flanken, ehe Marin Pongracic unglücklich per Kopf auf den zweiten Pfosten verlängerte, wo Dusan Tadic einschob. Elf Minuten später, mittlerweile war auch Ansgar Knauff ins Spiel gekommen, um Passlack auf der linken Seite zu unterstützen, störte ebenjener Knauff den Ajax-Edeltechniker nur halbherzig, Antonys Flanke fand den Kopf von Sébastien Haller, der das Dortmunder Schicksal besiegelte.
Beim 3:1 drehte Antony dann Passlack ein und legte auf Davy Klaassen quer, der keine Mühe hatte, die Kugel über die Linie zu bugsieren.
Wer weiß, wie das Spiel ausgegangen wäre, hätte sich Wolf nicht verletzt.

3. Ausgebufftes Ajax im Stile einer Spitzenmannschaft

Hummels nannte die Theatralik, die Antony im Zuge seines Einsteigens an den Tag legte, "unsportlich", andere könnten die Aktion auch als clever oder ausgebufft bezeichnen. Immerhin trug der 21-Jährige mit seinem neymarartigen Bodengewälze und dem schmerzverzerrten Gesicht mutmaßlich dazu bei, dass Oliver in seine Gesäßtasche griff und die Rote Karte zückte.
Dabei hat Ajax derlei Spielchen eigentlich gar nicht nötig. Trainer Erik ten Hag, der seit Dezember 2017 die Geschicke an der Seitenlinie lenkt, hat einmal mehr eine fußballerisch herausragende, technisch auf höchstem Niveau befindliche Mannschaft geschaffen, die mitunter an die glorreiche Mannschaft von vor zweieinhalb Jahren erinnert, die damals ganz Europa verzückt hatte und bis ins Champions-League-Halbfinale vorgedrungen war.
In der diesjährigen Königsklassen-Gruppe C grüßen die Niederländer mit der Maximalausbeute von zwölf Punkten und einem beeindruckenden Torverhältnis von 14:2 vom tabellarischen Platz an der Sonne, in der heimischen Liga steht mit 37 geschossenen Treffern und nur zwei Gegentoren nach elf Spielen ebenfalls Rang eins zu Buche.

Ajax Amsterdam präsentiert sich dieser Tage in Top-Form

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Dass Ajax nicht bloß in Schönheit stirbt, sondern auch geduldig und effektiv sein kann, ohne zu glänzen, zeigte das Team in Dortmund eindrucksvoll. Lange Zeit ging - trotz Überzahl - nicht viel zusammen, die gefürchtete Offensivabteilung um Tadic, Steven Berghuis, Haller und Antony biss sich die Zähne aus.
Doch eine echte Spitzenmannschaft wartet traditionell mit der Qualität auf, auch in schwierigen Spielen zuzuschlagen – und irgendwie drei Punkte mitzunehmen. "Die erste Halbzeit war schwach", analysierte ten Hag nach dem Spiel bei "DAZN". "In der zweiten Halbzeit hatten wir die nötige Geduld. Wir haben es geschafft, eine kompakt stehende Mannschaft Unterzahl auseinanderzuspielen. Das ist nicht so einfach."
Eine Kampfansage hielt der 51-Jährige auch noch bereit: "Wir wollen Europas Elite ärgern." Mit Blick auf die aktuelle Form ein realistisches Szenario.
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