Spielkontrolle? Vorhanden. Konterabsicherung? Mit Ausnahme der zurecht abgepfiffenen Abseitstore auch gut gelungen. Dominanz und Torgefahr? Fehlanzeige.
Nach der Scheindominanz im Auftaktspiel gegen Frankreich muss die deutsche Mannschaft gegen Portugal offensive Durchschlagskraft erzeugen. Damit dies auch gelingt, ist eine Rückkehr zur Viererkette wohl unvermeidbar.
Sowohl offensiv als auch defensiv bietet eine Umstellung gerade gegen die Portugiesen (Sa., 18:00 Uhr im Liveticker) große Vorteile.
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18/06/2021 AM 15:07
Zwei statt drei Innenverteidiger reichen gegen den Titelverteidiger im Spielaufbau definitiv aus. Der Grund: Portugal steht grundsätzlich etwas tiefer und Cristiano Ronaldo arbeitet gegen den Ball kaum mit.
Portugals Tormaschine ist kein engagierter Anläufer, sondern agiert defensiv mit Auge: Nach einem möglichen Ballgewinn in bester Position zu sein ist für Ronaldo wichtiger als Druck auf die Innenverteidiger auszuüben.
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Hummels und Rüdiger als Tandem gegen CR7

Beide deutschen Innenverteidiger haben große Stärken wenn sie mit dem Ball am Fuß andribbeln und im Mittelfeld entweder eine Überzahl finden oder das Spiel mit weiten Bällen verlagern können.
Während Hummels hier schon immer stark gewesen ist, hat sich Rüdiger hier zuletzt enorm weiterentwickelt. Wichtig dabei: der jeweils andere Innenverteidiger muss sich sofort in Richtung Ronaldo orientieren, um nach einem möglichen Ballverlust direkten Zugriff zu haben.
Auch bei portugiesischem Ballbesitz bieten sich eher zwei statt drei Innenverteidiger an: Der Titelverteidiger spielt viel über die Flügel, um dann Ronaldo mit Flanken oder Zehner Fernandes mit Rückpässen von der Grundlinie zu finden.
Bei zwei Innenverteidigern wäre die Zuordnung gegen Ronaldo klar: einer hält den Kontakt, einer verteidigt den Raum. Statt eines dritten Innenverteidigers gibt es nun drei zentrale Mittelfeldspieler, sodass man in dem Bereich nicht in Unterzahl gegen Portugals Dreiermittelfeld ist und Fernandes dementsprechend frühzeitig decken kann.
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Goretzka könnte Push bringen

Egal ob 4-3-3 oder 4-2-3-1: Die deutsche Mannschaft muss bei ihrer Auswahl an Topspielern mit drei zentralen Mittelfeldspielern auflaufen.
Leon Goretzka könnte von der Bank kommend mit seinem hohen Aktionsradius, seiner körperlichen Präsenz und seinem Zug zum Tor das ideale Bindeglied zwischen dem organisierenden Toni Kroos und einem hoch stehenden Thomas Müller bilden und so, je nach Spielverlauf, nochmal Impulse setzen.
Müller wäre dann hinter zwei Flügelspielern und einem Mittelstürmer in seiner Paraderolle unterwegs: Räume erkennen, Räume belaufen, Aktionen abschließen!
Und auch wenn Goretzka nicht beginnen kann, ist ein Dreiermittelfeld unverzichtbar.
Ilkay Gündogan kann die Rolle als Verbindungsspieler ebenso ausfüllen wie Florian Neuhaus. Beide haben Zug zum Tor und können enge Situationen auflösen.
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Hohe Außenverteidiger befreien Mittelfeldzentrum

Die Außenverteidiger der Viererkette, vermutlich Gosens und Kimmich, müssten viel Laufarbeit verrichten und sich offensiv so oft wie möglich einschalten. So würden sie die sehr offensiv denkenden portugiesischen Flügelspieler Bernardo Silva und Diogo Jota binden und von ihrer Kernaufgabe weiter vorne abhalten.
Gelingt es den Deutschen, den Ball über einen andribbelnden Innenverteidiger ins Mittelfeld zu bringen und ins Kombinationsspiel mit Kroos und Co. zu kommen, müssen Kimmich oder Gosens immer wieder in den Rücken ihrer Gegenspieler starten.
Weder Silva (eigentlich Achter oder Zehner) noch Jota (eigentlich Mittelstürmer) sind gelernte Flügelspieler und haben Probleme mit dem Stellungsspiel.
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Umstellung schafft neuen Platz in Offensive - für Sané?

Ein weiterer Grund für die Umstellung auf eine Viererkette ist die Möglichkeit, einen weiteren Offensivspieler einzubauen. Rückt Müller auf "seine" offensive Mittelfeldposition, wird ein Platz neben dem Mittelstürmer frei. Dieser sollte für Leroy Sané reserviert sein.
Der beste Dribbler im deutschen Kader kann mit seinem Tempo und seiner Zielstrebigkeit ein Element einbringen, das gegen Frankreich extrem gefehlt hat. Dabei ist es egal, ob der Bayern-Spieler über die rechte oder linke Seite kommt.
Wichtig ist, dass die DFB-Elf im Aufbau aus einer guten Struktur spielt und den Ball ins starke Mittelfeldzentrum bringt. Gelingt dies, wird Portugals Defensivblock sich im Laufe des Spiels automatisch enger zusammenziehen. Genau dann ergeben sich nach sauberen Spielverlagerungen isolierte Duelle am Flügel und somit die Paradedisziplin für einen Spieler wie Sané.
Dieser wird dort dann zwangsläufig das ein oder andere Duell gewinnen und in den gefährlichen Bereich an der Grundlinie eindringen. Und von dort flankt es sich nun einmal einfacher als von ganz außen an der Linie – gegen Frankreich flogen von da zwar viele Bälle in den Sechzehner, keiner wurde jedoch gefährlich.
Genau das merkte auch Löw am Freitagabend an. "Wir müssen taktisch was anderes ins Spiel reinbringen – das heißt natürlich auch mehr Offensivkraft; wir müssen nach vorne dynamischer, intensiver, präziser spielen, auch was die Raumaufteilung betrifft", sagte der Bundestrainer: "Das ist sicher eine taktische Änderungsmaßnahme, die wir ins Spiel bringen müssen."
Und weiter: "Wir müssen andere Räume bespielen und besetzen. Wenn wir im letzten Drittel sind, müssen wir da bleiben und nicht wieder rausspielen. Das können wir auf jeden Fall besser. Wir müssen mit einer ganz anderen Dynamik und vor allem risikofreudiger vorne reinspielen. Durchziehen!"
Eurosport-Check: Das Spiel gegen Frankreich war nicht schlecht. Und das Ergebnis auch nicht Resultat des Systems. Der nächste Gegner Portugal, dessen Stärken und Schwächen sowie die eigenen personellen Möglichkeiten sprechen jedoch stark für eine Veränderung. Mit einer Viererkette wäre die Löw-Elf besser abgesichert gegen Cristiano Ronaldo, hätte mehr Kontrolle im Spielaufbau durch die Gleichzahl im Mittelfeld und könnte möglichst viele ihrer besten Spieler gleichzeitig auf dem Feld haben. Damit aus der Scheindominanz nun echte Dominanz wird.
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