Karsten Migels erklärt im Eurosport-Interview das Phänomen Tadej Pogacar: "Es ist eine unglaubliche Belastung"

Tadej Pogacar liefert Gala-Auftritte in Serie, gerne garniert mit langen Solofahrten. Aktuell steht er bei 19 Saisonsiegen - darunter WM, Tour und Monumente. Ein Phänomen, das schwer zu greifen ist. Radsport-Experte Karsten Migels erklärt im Interview mit Eurosport.de, wie sich die grandiosen Vorstellungen von Pogacar erklären lassen - und welchen enormen Belastungen der Slowene standhalten muss.

Migels analysiert Pogacar: "So möchte er Rennen fahren und gestalten"

Quelle: Eurosport

Karsten Migels ist einer der versiertesten Kenner der Radsportszene. Seit 1997 kommentierte der 61-Jährige bei Eurosport die großen Rennen. Entsprechend gut kann er die famosen Leistungen von Tadej Pogacar einschätzen, auch im historischen Kontext.
Sollte der Slowene seine Laufbahn ohne Verfehlungen überstehen, werde er "der Radprofi des Jahrhunderts sein, an den man sich erinnert", sagt Migels. Das hänge aber nicht nur mit den großen Erfolgen des 27-Jährigen zusammen.
Vielmehr sei es die Art, wie Pogacar im Rennen agiere. Mutig, mit frühen Attacken und langen Soli begeistert der viermalige Tour-de-France-Champion.
Kein Wunder, dass Erinnerungen wach werden an den für viele Experten und Fans größten Radsportler der Geschichte: Eddy Merckx.
Im Interview mit Eurosport.de geht Migels dem Phänomen Pogacar auf den Grund.
19 Saisonsiege, darunter die Tour de France, die Flandern-Rundfahrt sowie Gold bei WM und EM - wie lässt sich die Dominanz von Tadej Pogacar erklären, zumal er häufig dem Feld als Solist vorausfährt?
Karsten Migels: Die Radsport-Interessierten verfolgen ja seit Jahren, wozu Pogacar in der Lage ist. Die Laien aber werden die Leistungen, das ist leider so, immer wieder mit verbotenen Substanzen in Verbindung bringen. Aufgrund der Geschichte, die der Radsport hat, ist es tatsächlich nicht einfach, eine Erklärung zu finden. Allerdings gilt natürlich auch in diesem Fall die Unschuldsvermutung. Das spreche ich auch während unserer TV-Übertragungen immer wieder an.
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Eurosport-Kommentator Karsten Migels

Fotocredit: Imago

Darf oder kann man sich an den Ausnahmeleistungen von Pogacar unbeschwert erfreuen?
Migels: Freuen ist für mich persönlich etwas anderes. Ich war nie jemand, der Freude empfunden hat, weil ein bestimmter Sportler etwas gewonnen hat, ob es das jetzt ein Jan Ullrich war oder ein Lance Armstrong. Ich versuche, den Radsport mit journalistischer Distanz zu verfolgen, insofern war ich in den vergangenen 20, 25 Jahren immer etwas verhalten. Aber, und das ist Teil meines Berufs als Kommentator, ich kann mich an den Emotionen begeistern, die entstehen, wenn eine tolle Leistung erbracht wird. Das ist ein sehr wichtiger Aspekt, den wir unseren Zuschauern näherbringen möchten, denn viele Fans lieben den Radsport weiterhin. Sie finden es großartig, was ein Tadej Pogacar, ein Florian Lipowitz oder Remco Evenepoel zeigen. Das müssen wir unterstützen, denn unsere Aufgabe besteht nicht primär darin, etwaige Dopingsünder anzuprangern.
Das ist sein Fahrstil, genau so möchte Pogacar Rennen fahren und gestalten. Darüber haben wir uns vor vier, fünf Jahren gefreut, als er noch ein relativ unbekannter Sportler war.
Bei der WM in Ruanda erwischte Pogacar im Einzelzeitfahren einen seiner seltenen schwachen Momente, wurde gar von Remco Evenepoel auf der Strecke überholt und landete am Ende auf Rang vier. Wenige Tage später dominierte der Slowene wieder wie gewohnt, düpierte das Feld im Straßenrennen bei der WM genauso wie bei der EM. Gibt es eine Erklärung dafür?
Migels: Nein, von außen betrachtet nicht. Richtig ist aber, dass es eine Packung, eine Demütigung war für Pogacar. Es mag damit zusammenhängen, dass er sich nicht wie gewünscht auf dieses WM-Zeitfahren vorbereiten konnte und dann in der Höhe von Kigali auf 1400 bis 1500 Metern nicht den besten Tag erwischt hat. Dazu kommt, dass ein Zeitfahren bei der Tour oder dem Giro, wo er ja schon Siege eingefahren hat, eine ganz andere Geschichte ist als eines bei Welt- und Europameisterschaften. Dennoch war das Ergebnis in Ruanda eine Enttäuschung für ihn.
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Experten im Velo Club: Hier hat Pogacar die Tour gewonnen

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Was besonders auffällt, ist die mutige Strategie von Pogacar, sehr früh zu attackieren und als Ausreißer zu triumphieren. 51 seiner 107 Siege hat der 27-Jährige als Solist geholt.
Migels: Das ist sein Fahrstil, genau so möchte er Rennen fahren und gestalten. Darüber haben wir uns vor vier, fünf Jahren gefreut, als er noch ein relativ unbekannter Sportler war. Da kam einer, der war jung, ungestüm. Seine Antworten am Mikrofon waren erfrischend. Das war damals, als der Radsport hier und da doch angestaubt rüberkam, eine tolle Sache. Es war bei Pogacar ein wenig wie bei Peter Sagan, der ähnlich auftrat. Die Tatsache, dass er fast die Hälfte seiner Erfolge als Ausreißer oder Solist geschafft hat, ist extrem. Es ist ein zweischneidiges Schwert ...
... weil?
Migels: Viele Zuschauer sehen es gerne, wenn Pogacar, wie bei den Strade Bianche, 85 Kilometer lang alleine vorneweg fährt oder 75 km, wie zuletzt bei der EM. Auf der einen Seite macht es Spaß, so etwas zu erleben, auf der anderen verunsichert es die Fans. Viele fragen sich, wie das möglich sein kann, womit wir wieder beim Thema Doping sind. Entsprechend fallen die Kommentare in vielen Foren aus, wo sich die Radsport-Interessierten austauschen und diskutieren. Das ist natürlich schade, aber natürlich muss man seinen Fahrstil respektieren und akzeptieren.
Tadej ist ein sehr sympathischer Mensch, den man einfach mögen muss. Er geht unvoreingenommen an die Dinge heran, ob es nun Radrennen sind oder Interviews.
Diesen sportlichen Respekt dürfte Pogacar im gesamten Peloton genießen, aber wie kommt der Überflieger auf menschlicher Eben bei der Konkurrenz an?
Migels: Aus meiner Sicht kommt er im Fahrerfeld exakt so an, wie er auch bei den Zuschauern rüberkommt. Als lustiger Typ, der sich sportlich mit seiner Art und Weise behauptet. Tadej ist ein sehr sympathischer Mensch, den man einfach mögen muss. Er geht unvoreingenommen an die Dinge heran, ob es nun Radrennen sind oder Interviews. Auch Nils Politt und andere Teamkollegen haben immer wieder gesagt, dass man mit ihm sehr gut auskommen kann, auch wenn er auf der Straße nur wenige 'Geschenke' verteilt.
Geschenke? Muss er eigentlich nicht machen ...
Migels: Ich finde schon. So, wie er das beim GP in Montréal gemacht hat, als er seinem Teamkollegen Brandon McNulty den Vortritt beim Sieg ließ. Der musste ja auch selbst einiges dafür tun - und ohne McNulty wäre Pogacar hier und da wahrscheinlich weniger erfolgreich gewesen. Deshalb finde ich es absolut in Ordnung, wenn er seinen Kollegen mal ein Geschenk überlässt.
Man muss sich klarmachen, dass er nirgends einfach spazieren gehen oder einen Kaffee trinken gehen kann, ohne dass er erkannt wird - schon gar nicht in Radsport-Klamotten.
Nach der dem diesjährigen Erfolg bei der Tour de France hat Pogacar mit der Aussage aufhorchen lassen, er zähle bereits die Jahre bis zum Rücktritt. Wie schätzt Du diese Ankündigung ein?
Migels: Ich kenne seinen genauen Plan nicht, aber er hat nach der Tour gesagt, dass er die Olympischen Spiele 2028 in Los Angeles noch mitnehmen und versuchen will, die fehlende Goldmedaille zu holen. Vielleicht beendet er dort seine Laufbahn, vielleicht auch erst 2029. So oder so kann ich das verstehen, denn was von Pogacar gefordert wird und was er von sich selbst verlangt, ist eine unglaubliche Belastung. Man muss sich klarmachen, dass er nirgends einfach spazieren gehen oder einen Kaffee trinken gehen kann, ohne dass er erkannt wird - schon gar nicht in Radsport-Klamotten. Jeder Zweite will ein Selfie mit ihm. Da spreche ich noch gar nicht von den Rennen, den Pressekonferenzen, Medienterminen, TV-Auftritten. Dann sind da Vorbereitungen auf maximale Herausforderungen wie die Tour de France, den Giro d'Italia oder weitere Rundfahrten. Irgendwann ist der Kopf leer, er braucht eine Pause und er fokussiert sich auf andere Dinge im Leben abseits des Radsports.
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Highlights: Pogacar nach Mega-Solo erneut Weltmeister

Quelle: Eurosport

Spätestens dann werden Medien und Fans die Debatte führen, wo Pogacar sich in der Geschichte des Radsports einordnet. Es wird Vergleiche geben zu Eddy Merckx, Bernard Hinault und anderen Legenden. Wo verortest Du den viermaligen Tour-Champion?
Migels: Man kann es nicht wirklich vergleichen, weil es komplett unterschiedliche Zeiten sind. Aber es wird wohl so sein, wie Jan Ullrich es ausgedrückt hat, dass Tadej Pogacar als 'Eddy Merckx der Neuzeit' Eingang in die Historie finden wird. Und ja, in diesem Zusammenhang muss man das Thema Doping wieder ansprechen. Nach der Tour 2024, die in Nizza zu Ende ging, hat er dort betont, dass er sich das für sich nicht vorstellen kann, denn das Leben geht nach der Karriere weiter. Vielleicht gründet er eine Familie, auf jeden Fall möchte er sich sein zukünftiges Leben nicht vermasseln - und das hat er im Hinterkopf und man muss es ihm erst einmal glauben. Wenn dem so ist, dann wird man keine Streichung von Ergebnissen wie bei Lance Armstrong vornehmen müssen. Pogacar wird dann der Radprofi des Jahrhunderts sein, an den man sich erinnert - aufgrund seiner Siege und wegen der Art und Weise, wie er sich in der Öffentlichkeit präsentiert hat.
Vielen Dank für das Gespräch.
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Migels zu Lipowitz' Perspektiven: Das ändert sich mit Evenepoel

Quelle: Eurosport


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