Tour de France - Drei Dinge, die auffielen: Vingegaard nicht stärkster Fahrer und nächstes Wunderkind lauert schon

Die Tour de France 2022 steckte voller Highlights, Überraschungen und Wendungen. Wir ziehen Bilanz der 21 Etappen von Kopenhagen bis nach Paris, die mit dem Triumph von Dänemarks Publikumsliebling Jonas Vingegaard einen überlegenen Sieger fanden. Das Team Jumbo dominierte die 109. Austragung der Frankreich-Rundfahrt mit dem Sieg in vier Sonderwertungen. Drei Dinge, die uns bei der Tour auffielen.

Siegerehrung: "Vingegaard"-Sprechchöre auf den Champs-Élysées

Quelle: Eurosport

Der Kronprinz wurde zum neuen König: Vom Ersatz-Kapitän im Vorjahr, der schon überglücklich mit seinem zweiten Gesamtrang war, schwang sich Jonas Vingegaard bei der Tour 2022 zum neuen Dominator auf.
Auch Tadej Pogacar musste die Überlegenheit des 25-Jährigen anerkennen - egal wo und wie oft er auch attackierte: Nie konnte er seinen Rivalen in der letzten, entscheidenden Tourwoche abhängen.
Ob bei den Bergankünften oder im Zeitfahren, Vingegaard hielt dagegen und übertrumpfte den zweifachen Toursieger fast mühelos.
Nur nach Etappensiegen lag der Slowene 3:2 vorn - in der Gesamtwertung war der Abstand deutlich, selbst nachdem der Träger des Gelben Trikots in Paris noch 51 Sekunden Rückstand kassierte, weil Jumbo lieber den Moment des Sieges genoss und entspannt in Teamformation hinter dem ersten Teil des Feldes jubelnd über die Schlusskilometer rollte.
Drei Dinge, die bei der Tour auffielen.

1. Stärkster Fahrer im Rennen war nicht Vingegaard

Nicht nur für Vingegaard war der gemeinsame Glücksmoment mit den Teamkollegen in Paris wichtiger als schnöde Ergebnisse - Seriensieger Wout Van Aert opferte dafür sogar den möglichen Etappensieg auf den Champs-Elysées und verzichtete auf den Sprint. Ein ganz neuer Zug beim erfolgshungrigen Belgier, der beim Tour-Auftakt nach drei zweiten Plätzen sogar im Gelben Trikot eine geritten hatte, um endlich einmal ganz oben zu stehen.
Doch seine eindrucksvollsten Auftritte kamen im Anschluss - und ohne diese hätte Vingegaard die Tour nicht gewonnen: Über das Kopfsteinpflaster in Nordfrankreich war es Van Aert, der seinen nach Defekt abgehängten Kapitän wieder bis auf Sichtweite an Pogacar heranfuhr. In den Alpen war er mit Tempohärte, Kletterstärke und Abfahrtskünsten entscheidend dafür, dass der Großangriff auf dem Weg zum Col du Granon zum Wendepunkt der Tour wurde und in den Pyrenäen lieferte er sein Meisterstück: Nach Hautacam drehte er derart auf, dass selbst Pogacar seinem Tempo im Schlussanstieg nicht folgen konnte.
Hätte er es darauf angelegt, wäre Van Aert auch noch Gewinner des Bergtrikots geworden - am Col d'Aubisque hatte er die große Chance dazu (der er im Rückblick auch nachtrauerte). Vingegaard stellte daher am Eurosport-Mikrofon in Paris klar: "Wout war der ganz sicher der stärkste Fahrer in diesem Rennen!"
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Van Aert nach Etappensieg emotional: "Ein Traum-Szenario"

Quelle: Eurosport

Seine einzige Schwäche zeigte er abseits der Strecke: Angesprochen auf das angesichts der extremen Leistungen durchaus berechtigte Thema Glaubwürdigkeit, reagierte er nach seinem Zeitfahrsieg mit genervtem Blick und dem Kommentar, dass er "auf so eine Scheiß-Frage gar nicht antworten wolle". So lange es aber keine überzeugenden Antworten gibt, werden die Fragen nicht enden.

2. 75 Meter, sieben Punkte, 11 Sekunden: Deutsche ohne Fortune

Es sollte wohl einfach nicht sein. Egal, was die deutschen Fahrer bei dieser Tour versuchten, am Ende fehlte eine Winzigkeit zum ganz großen Coup. Bei der Bergankunft an der Planche des Belles Filles wurde Lennard Kämna weniger als 100 Meter vor dem Ziel noch gestellt, hinauf nach Megève in den Alpen fehlten ihm am Ende elf Sekunden zum Sprung ins Gelbe Trikot und Simon Geschke war letztlich bis auf sieben Punkte am historischen Gewinn des Bergtrikots dran.
Symptomatisch dafür war auch die Schlussetappe: Wer zeigte sich extrem aktiv und wurde als letzte Ausreißer erst auf der Schlussrunde gestellt? Das deutsche Duo Jonas Rutsch und Maximilian Schachmann. An wen ging die letzte Bergwertung? Den stellvertretenden Träger des Bergtrikots, Geschke.
Was aber bleibt, ist das Wissen, dass es an Klasse und Kampfgeist eigentlich nicht fehlt - und wie sehr ganz viele Fans gerade wegen dieser offensiven Fahrweise mitgefiebert haben. Das hat Lust auf Radsport gemacht und, wie Geschke sagte, hoffentlich andere Fahrer zu ähnlich mutigen Auftritten bei der nächsten Tour inspiriert.
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"Inspiration für andere Fahrer": Geschke zieht Bergtrikot-Bilanz

Quelle: Eurosport

3. Nächstes Wunderkind lauert schon

Ein 23-Jähriger und ein 25-Jähriger, die sich nun schon das zweite Jahr die obersten Plätze auf dem Podium teilen - für wen soll da bei den nächsten Tour-Auflagen noch Platz sein?
Nun, vielleicht für einen Fahrer, der seiner Erfolgsliste aus Olympia-Gold im Mountainbike und WM-Titel im Cross nun den Sieg in Alpe d'Huez hinzugefügt hat - mit 22 Jahren war er dabei so jung wie kein anderer Sieger an diesem mythischen Schlussanstieg vor ihm. Tom Pidcock hat bei seiner ersten Tour gezeigt, welch großes Versprechen für die Zukunft er ist: Schnell im Sprint, überragend in den Abfahrten und zäh an den Anstiegen.
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Pogacar und Vingegaard als Dauer-Dominatoren? Experten diskutieren Zukunft

Quelle: Eurosport

Um in der Gesamtwertung besser als Rang 17 abzuschneiden, muss der 22-Jährige an seiner vielleicht einzigen Schwäche arbeiten: "Im Zeitfahren muss er noch zulegen", so Eurosport-Experte Jens Voigt - "und er muss bereit sein, auf seine gewohnten Erfolge in anderen Disziplinen zu verzichten", wenn er den Fokus komplett auf das Klassement in dreiwöchige Rundfahrten legen wolle.
Beim Team Ineos ist der Engländer hinsichtlich Zeitfahrausbildung bestens aufgehoben und der verstärkte Wechsel Richtung Straßenrennen könnte schon zur nächsten Saison beginnen. Zuvor aber will er noch ein besonderes Triple vollenden: Dem Cross-Gold soll in diesem Sommer noch der Titel bei der Mountainbike-WM und im Straßenrennen der Weltmeisterschaften folgen. Dann wäre er Meister aller Klassen - und frei für neue Herausforderungen.
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Küsse und Tränen: Vingegaard feiert Gelbes Trikot mit Familie

Quelle: Eurosport

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