Vuelta 2023: Sepp Kuss vor Vollendung seines Märchens - Arm in Arm mit Vingegaard und Roglic statt Messer im Rücken

Eines der größten Radsport-Märchen der jüngeren Zeit steht vor der Vollendung. Sepp Kuss verteidigte auch auf der vorletzten Etappe der Vuelta a España das Rote Trikot und wird sich den Gesamtsieg sichern. Nachdem Kuss' Teamkollegen bei Jumbo-Visma zuletzt für Kontroversen gesorgt hatten, demonstrierten sie am Samstag erneut Einigkeit. Von Jonas Vingegaard erhielt der US-Boy gar den Ritterschlag.

Highlights: Heißer Kampf um Tagessieg - Jumbo und Kuss souverän

Quelle: Eurosport

Es war ein Moment für die Ewigkeit.
Als Sepp Kuss gemeinsam mit seinen beiden Teamkollegen Jonas Vingegaard und Primoz Roglic Arm in Arm über die Ziellinie der vorletzten Vuelta-Etappe rollte, herrschte endgültig Gewissheit: Der US-Amerikaner wird das Rote Trikot des Gesamtführenden auch nach Madrid tragen und damit den bisher größten Sieg seiner Karriere einfahren.
"Ich glaube, er quetscht hier gerade eine kleine Träne raus, weil er gerührt von der Anteilnahme der Zuschauer, aber auch von der Freundschaft und Loyalität seines Teams ihm gegenüber ist", mutmaßte Eurosport-Experte Jens Voigt während der Live-Übertragung und ergänzte: "Das ist doch eine schöne, versöhnliche Geste und ein schöner Abschluss nach der Kontroverse, die es gab."
Schließlich sah es vor wenigen Tagen noch danach aus, als würden ausgerechnet eben jene Jumbo-Visma-Kapitäne Vingegaard und Roglic, die Kuss bei ihren jeweiligen Gesamtsiegen bei der Tour de France bzw. dem Giro d'Italia in diesem Jahr vorbildlich als Helfer unterstützte, ihrem Teamkameraden in den Rücken fallen.
picture

Arm in Arm ins Ziel: Jumbo-Stars zelebrieren ihre Dominanz

Quelle: Eurosport

Attacken von Vingegaard und Roglic sorgen für Empörung

Sowohl auf der 16. Etappe am Dienstag als auch beim Teilstück hinauf zum legendären Alto de L'Angliru tags darauf an Kuss' 29. Geburtstag musste sich der Vuelta-Leader den Angriffen seiner beiden Teamkameraden erwehren und gar um seine Führungsposition bangen. Lediglich acht Sekunden trennten den 29-Jährigen zu diesem Zeitpunkt noch von Verfolger Vingegaard.
In der Öffentlichkeit kamen die Attacken aus dem eigenen Lager allerdings alles andere als gut an. Sowohl bei den Experten der Branche ("Das ist unfair" - O-Ton Sean Kelly) als auch bei den Fans sorgte jene skurrile Situation für Empörung.
"Das hat einen gewissen Druck auf die Mannschaft ausgeübt, weil sie erkannt hat, dass 95 Prozent der Leute für einen Sieg von Kuss sind. An diesem Punkt haben sie gemerkt, dass sie es gar nicht mehr anders machen können", konstatierte Voigt.
picture

Gnadenlos: Vingegaard und Roglic hängen Kuss am Geburtstag ab

Quelle: Eurosport

Kuss emotional: "Ich kann das alles noch nicht glauben"

Tatsächlich sorgte das niederländische Team daraufhin intern für klare Verhältnisse und gab Kuss das Ja-Wort im Hinblick auf den Gesamtsieg. In der Folge demonstrierte die Führungsspitze wieder Einigkeit und stellte sich ganz ihn den Dienst ihres langjährigen Edelhelfers. Das Finale der 20. Etappe am Samstag in Guadarrama untermauerte dies eindrucksvoll.
"Ich bin supererleichtert. Ich erhole mich immer noch von dem letzten Anstieg, aber wir haben es fast geschafft", sagte ein sichtlich befreiter Kuss im Ziel, nachdem er sowohl seine Mutter als auch seine Ehefrau innig in den Arm genommen hatte.
picture

Kuss bedankt sich bei Teamkollegen: "Sie waren unglaublich"

Quelle: Eurosport

"Das Szenario war perfekt für uns und wir hatten alles unter Kontrolle. Robert (Gesink; Anm. d. Red.) und Dylan (Van Baarle; Anm. d. Red.) haben fast den gesamten Tag über das Tempo gemacht. Hut ab vor ihnen - sie waren unglaublich. Am letzten Anstieg war dann noch Attila (Valter; Anm. d. Red.) an meiner Seite und auch Primoz und Jonas halfen mir am Ende", analysierte Kuss.
Angesprochen auf die emotionale Zielankunft am Samstag entgegnete der designierte Gesamtsieger: "Es war ein ganz besonderer Moment, sich auf dem letzten Kilometer einer Bergetappe mit Primoz und Jonas entspannen und feiern zu können. Ich hätte nie gedacht, dass ein solcher Sieg möglich ist. Ich kann das alles noch nicht glauben."
picture

Sepp Kuss (Jumbo-Visma) / Vuelta 2023

Fotocredit: Getty Images

Jumbo-Visma schreibt Geschichte

Ganz genau 101 Kilometer trennen Kuss und Jumbo-Visma am Sonntag noch von einem historischen Erfolg: Nie zuvor in der Radsport-Geschichte ist es einem Grand-Tour-Team in einem Kalenderjahr gelungen, alle drei großen Landesrundfahrten zu gewinnen.
"Ich bin wirklich stolz. Ihr habt die Bilder ja gesehen, das ist unglaublich. Ich bin so glücklich", freute sich Jumbo-Sportdirektor Richard Plugge, der die aufgetretenen Komplikationen aufgrund der außergewöhnlichen Situation jedoch nicht leugnen konnte.
"Von dem Moment an, als wir Sepp in der Führungsposition hatten, hatten wir drei Leader im Team. Von Ayuso hatten wir etwas mehr Konkurrenz erwartet, aber er ist auf dem besten Weg und wird in Zukunft schwer zu schlagen sein. Am Ende des Tages waren wir stärker, aber es war nicht einfach", so Plugge.
picture

Vuelta a España : Map stage 21 (20 secondes)

Quelle: Eurosport

Vingegaard adelt Kuss: "Bin so stolz auf dich"

Von Neid oder gar bösem Blut war am Samstag in Guadarrama überhaupt nichts zu spüren - im Gegenteil.
"Du hast es wirklich verdient. Ich freue mich für dich und bin so stolz auf dich", sagte Vingegaard im Zielbereich zu seinem sichtlich gerührten Teamkollegen.
Worte, die aus dem Munde des in der Öffentlichkeit eher zurückhaltenden Tour-Siegers einem Ritterschlag gleichkamen und an die sich Kuss genau wie an die Bilder im Ziel auf ewig erinnern wird.
Das könnte Dich auch interessieren: Van der Poel liebäugelt mit früherem Saisonende
picture

Fotofinish: Poels hält Evenepoel hauchdünn in Schach

Quelle: Eurosport

Mehr als 3 Mio. Sportfans nutzen bereits die App
Bleiben Sie auf dem Laufenden mit den aktuellsten News und Live-Ergebnissen
Download
Diesen Artikel teilen
Werbung
Werbung