Vuelta 2023 - Jonas Vingegaard mit unnötiger Attacke? Boss-Move gegen Kuss auf 16. Etappe wirft Fragen auf

Jonas Vingegaard ließ auf der 16. Etappe der Vuelta 2023 aufhorchen. Wie am Tourmalet attackierte der Tour-Sieger seinen Teamkollegen Sepp Kuss im Roten Trikot überraschend und verkürzte den Rückstand im Klassement. Ein Boss-Statement als Angriff auf die Gesamtwertung? Das Ausrufezeichen bei der Bergankunft in Bejes sorgte für Kritik und Irritationen: Der Vorwurf fehlender Dankbarkeit wird lauter.

Highlights: Gnadenloser Vingegaard rückt Kuss auf die Pelle

Quelle: Eurosport

Der Tag startete für Jumbo-Visma mit einer Horror-Nachricht. Nathan Van Hooydonck war am Dienstagmorgen in seiner belgischen Heimat in einen schweren Autounfall verwickelt. Wie Teamchef Grischa Niermann erklärte, musste der 27-Jährige zunächst in ein künstliches Koma versetzt werden. Ein Schock für den niederländischen Rennstall.
"Diesen Tag werden wir im Kopf behalten", sagte der ungarische Helfer Attila Valter nach der 16. Etappe der Vuelta a España.
Den vierten Jumbo-Triumph bei der Spanien-Rundfahrt, den Tour-Dominator Jonas Vingegaard bei der Bergankunft in Bejes mit einer neuerlichen Machtdemonstration einfuhr, widmete das Team seinem verunglückten Kollegen.
"Das ist für Nathan", schrieb das Jumbo-Visma-Team bei "X", nachdem Vingegaard nur vier Tage nach seiner Gala am Col du Tourmalet erneut als Solist seinen zweiten Etappensieg eingefahren hatte. "Ich wollte heute für meinen besten Freund gewinnen", sagte der 26-Jährige nach seinem Triumph im Interview mit Eurosport: "Ich bin einfach nur glücklich, heute den Sieg eingefahren zu haben."

Vingegaard attackiert Kuss

Dass Vingegaard aber nicht nur die Etappe gewinnen, sondern bei der steilen Bergankunft im Norden Spaniens zu einer effektiven Attacke auf Sepp Kuss ansetzten konnte, sorgte hingegen für Verwunderung. Insbesondere, weil kein anderer Fahrer einen Angriff startete.
"Sie hätten einfach einen ruhigen Tag haben und Kuss in Ruhe ins Ziel bringen können", wunderte sich Eurosport-Experte Jens Voigt im Live-Kommentar: "Keiner traut sich, Kuss anzugreifen - außer seine eigenen Mannschaftskollegen."
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Brutale Attacke am Berg: Vingegaard mit Boss-Ansage in Bejes

Quelle: Eurosport

1:15 Minuten nahm Vingegaard dem Gesamtführenden Kuss inklusive der Bonussekunden ab und dampfte den Rückstand im Klassement auf magere 29 Sekunden ein. Eine wahre Boss-Ansage an den Edelhelfer, der seit anderthalb Wochen vom ersten Triumph bei einer Grand Tour träumen darf, sich am Dienstag aber eine erste schallende Ohrfeige einhandelte.
Noch am Ruhetag hatte Voigt im exklusiven Interview mit Eurosport.de erwartet, dass der loyale US-Amerikaner, der die beiden Superstars Primoz Roglic und Vingegaard in den zurückliegenden Jahren zu zahlreichen Grand-Tour-Triumphen getragen hatte, diesmal seinen Moment im Rampenlicht bekommen dürfte.

Kuss erklärt: "Plan hat sich geändert"

"Ich hatte gesagt, ich würde es menschlich nicht für erklärbar halten, wenn sie Kuss innerhalb der eigenen Mannschaft noch stürzen würden", bekräftigte er am Dienstag während der Etappe. Auch Eurosport-Experte Robert Bengsch hätte es "gut gefunden, wenn sie Kuss mal belohnen." Nicht zuletzt, weil Vingegaard auch bei der zurückliegenden Frankreich-Rundfahrt "maßgeblich von Kuss profitiert" habe.
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Jonas Vingegaard und Sepp Kuss umarmen sich innig

Fotocredit: Imago

Doch die Verantwortlichen im niederländischen Team scheinen einen anderen Ausgang im Sinn zu haben – oder etwa doch nicht? "Der Plan hat sich ein bisschen verändert", bot Kuss nach dem Rennen einen Einblick in die Teamstrategie.
Kurz vor dem finalen Teil des Anstiegs nach Bejes fragte Vingegaard demnach über Funk nach, ob er attackieren dürfe. Offenbar erhielt der zweimalige Tour-Gewinner die Erlaubnis – und schoss ähnlich wie am Tourmalet davon. "Er hatte einen unheimlich starken Anstieg, er war nicht aufzuhalten", musste Kuss eingestehen.
Gewohnt bescheiden gab sich der 28-Jährige als Teamplayer und freute sich über den nächsten "tollen Tag für die Mannschaft".

Vuelta-Gesamtwertung nach der 16. Etappe

PlatzNameZeit
1.S. Kuss57:18:10 Std.
2.J. Vingegaard+0:29 Min
3.P. Roglic+1:33 Min
4.J. Ayuso+2:33 Min
5.E. Mas+3:02 Min

Jumbo beschwört weiter Einigkeit

Fair gratulierte Kuss seinem Kapitän also anschließend im Ziel, beglückwünschte den Dänen mit einem kurzen Klaps auf den Helm und einer innigen Umarmung. Medienwirksame Einigkeit oder doch ernst gemeinte Freude? Der Edelhelfer zurück in der Rolle des ersten Gratulanten? An seinem zweiten Ruhetag in Rot hatte er bereits angedeutet, dass er nicht davon ausgehe, dass man ihn einfach zum Sieg fahren lasse. Im Radsport, das wisse Kuss selbst, gäbe es keine Geschenke.
Dass sich der Mann aus Colorado, der seit der achten Etappe an der Spitze des Klassements thront, aber auch nicht kampflos geschlagen geben möchte, machte er – wenn auch in gewohnt zurückhaltender Manier - umgehend deutlich.
"Ich wusste, dass diese Art von Zielankunft schwer für mich sein würde", so Kuss. Zu explosiv sei der steile Anstieg nach Bejes für ihn gewesen. Entsprechend zufrieden sei er mit seiner Vorstellung am Dienstag, als er auf Rang zehn nur vier Sekunden hinter Co-Kapitän Roglic einlief.
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Valter: "Mussten diese Etappe für Nathan gewinnen"

Quelle: Eurosport

Jumbo-Fans ohne Verständnis

Beim nächsten Härtetest am Mittwoch, der Bergankunft hinauf zum Alto de l'Angliru mit Steigungen von bis zu 24 Prozent (live im TV bei Eurosport 1 und bei discovery+), sei es jedoch "eine ganz andere Geschichte": "Die Beine sind noch gut und ich freue mich darauf." Aus dem Munde von Kuss wirkt das beinahe schon wie eine Kampfansage.
Doch das neuerliche Ausrufezeichen von Vingegaard hat die Machtverhältnisse im Team wohl wieder geradegerückt. "Ich befürchte, sie haben teamintern die Entscheidung getroffen: Sie trauen Kuss die nächsten beiden harten Tage nicht zu, das vorne so zu halten. Ich glaube, sie wollen das tatsächlich an Roglic oder Vingegaard abgeben", analysierte Eurosport-Experte Voigt und bezeichnete den Angriff auf den Gesamtführenden als "vollkommen unnötig".
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Jonas Vingegaard

Fotocredit: Eurosport

Alleine steht Voigt mit seiner Auffassung beileibe nicht da. Auf dem "X"-Account von Jumbo-Visma brandete nach dem Triumph von Vingegaard kaum Euphorie auf. Im Gegenteil: Die Fans kritisierten die Entscheidung bisweilen scharf, aus dem eigenen Stall heraus am Führungstrikot von Kuss zu rütteln und schossen gegen den amtierenden Tour-Gewinner. Vingegaard wurde gar zum "Bösewicht" der Radsportszene ernannt.

Beste Jumbo-Nachricht am Abend

Der wiederum hatte vor der 16. Etappe taktisch gewieft davon berichtet, dass er in der ersten Woche an schlimmeren Magenproblemen litt, als zunächst zugegeben. Inzwischen sei er aber wieder voll bei Kräften. Eine deutliche Message für die Schlusswoche, die er direkt zum Auftakt mit seiner neuerlichen Gala unterstrich. Ob er am Mittwoch die nächste Attacke auf das Rote Trikot startet, ließ Vingegaard offen, wich der Frage vielmehr aus: "Ich will nur den Moment genießen und darüber nicht nachdenken."
Deutlich wichtiger war im Ziel ohnehin die Nachricht, dass Teamkollege Van Hooydonck am Abend aufwachte und sich nicht in einer kritischen Situation befinde. Das bestätigte der niederländische Rennstall rund zwei Stunden nach dem Rennen. Die Fahrer erfuhren davon schon während der Etappe. Zu Beginn des abschließenden Anstiegs wurde die Mannschaft über den Funk informiert, wie Attila Valter im Interview bestätigte.
Denkbar, dass Vingegaard auch durch die erfreuliche Nachricht noch einmal zusätzlich zu seiner Machtdemonstration bei der Bergankunft in Bejes angetrieben wurde. Nicht nur im Lager von Jumbo-Visma sorgt diese nun aber für Fragezeichen. "Es ist schwer, da reinzuschauen", sagte Voigt in Bezug auf die Teamtaktik.
Ohenhin: Die Ereignisse des Tages dürften Jumbo-Visma noch einige Gedanken bereiten. Zumindest das wichtigste Fragezeichen ist seit dem Abend beantwortet.
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Vingegaard emotional: "Wollte für meinen besten Freund gewinnen"

Quelle: Eurosport

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