Vierschanzentournee: Andreas Wellinger moralisch beim Bergiselspringen obenauf - die Lehren aus Innsbruck

Andreas Wellinger verliert in Innsbruck zwar die Führung der Vierschanzentournee, kann sich mit Platz fünf aber dennoch als moralischer Sieger sehen. Vor dem abschließenden Springen trennen ihn und Ryoyu Kobayashi schließlich nicht mal drei Weitenmeter. Mit nervenaufreibenden Windkapriolen hält der Bergisel mal wieder, was er verspricht. Österreich jubelt und ist doch traurig. Die Lehren.

"Brutal schwierig": Schmitt-Analyse zum Lukenlotto in Innsbruck

Quelle: Eurosport

Dass Andreas Wellinger in Innsbruck die Führung in der Gesamtwertung der Vierschanzentournee verloren hat, störte ihn nicht.
"Jetzt bin ich nicht mehr der Gejagte, sondern der Jäger. Ich werde voll angreifen", sagte der 28-Jährige nach Rang fünf am Bergisel, in der Vergangenheit (zu) oft der Schicksalsberg der DSV-Springer, und kündigte für die letzte Tourneestation ein offenes Visier an: "In Bischofshofen werde ich voll aufs Pedal steigen."
Nach Platz 15 in der Qualifikation steigerte sich der Olympiasieger von 2018 im Wettkampf am Mittwoch erheblich: Mit seinen Sprüngen auf 132 und 126,5 Meter hielt er den Rückstand auf den abermals Zweiten Ryoyu Kobayashi in Grenzen, holte sich ein glänzendes blaues Auge ab.
Nach Platz eins in Oberstdorf und Rang drei in Garmisch-Partenkirchen zeigt die Ergebniskurve nach unten, die Leistungskurve aber nicht. Vor dem Dreikönigsspringen auf der Paul-Außenleiter-Schanze trennen den nun in der Tourneewertung führenden Japaner und den Ruhpoldinger gerade mal 4,8 Punkte, umgerechnet nicht mal drei Meter (2,66).
"Das ist mehr oder weniger Nichts auf der großen Schanze in Bischofshofen", sagte Wellinger bei Eurosport. "Wenn du den Bergisel überlebst und nur mit ein paar Punkten Rückstand Zweiter bist, kannst du beruhigt nach Bischofshofen fahren", meinte auch Bundestrainer Stefan Horngacher.
Die Lehren aus Innsbruck.
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Tief durchatmen! Wellinger rettet sich am Schicksalsberg

Quelle: Eurosport

1.) Wellinger moralisch obenauf

Es war wie immer kein Spaziergang in Innsbruck. Für Richard Freitag, Severin Freund und Karl Geiger waren hier in der Vergangenheit schon Tourneeträume zerschellt und auch bei Wellinger sah es nach der Qualifikation so aus, als ob der Bergisel erneut zum deutschen Schicksalsberg werden könnte.
Dann aber zeigte der coole Wellinger zwei saubere Sprünge und hielt seine Chancen auf den Tourneesieg am Leben. "Sein Wettkampf war nicht optimal, er ist aber trotzdem Fünfter geworden. Das zeigt seine Stabilität", meinte Eurosport-Experte Martin Schmitt: "Das ist eine super Sache und dürfte ihm Selbstvertrauen geben."
Vor allem der erste Sprung auf 132 Meter nach der zuvor durchwachsenen Qualifikations- und Trainingsleistung war Gold wert. "Nach der Qualifikation habe ich befürchtet, dass es mehr als zehn Punkte werden - sind es aber nicht", sagte Ex-Bundestrainer Werner Schuster bei Eurosport.
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Der Bergisel-Knoten platzt! Wellinger wischt Quali-Sorgen weg

Quelle: Eurosport

"Er hat voll durchgezogen und kaum Punkte auf Kobayashi verloren. Er ist bei der Tournee noch voll dabei", freute sich auch der aktuelle Bundestrainer Horngacher.
Von Vater, Schwester und Schwager in Innsbruck emotional angefeuert, wirkte Wellinger weiter klar, konzentriert, kein bisschen nervös. "Das Ganze vom Kopf her zu sortieren, funktioniert ziemlich gut", sagte er selbst.
Dass ihm am Bergisel 1,9 Punkte auf einen Podestplatz fehlten, konnte er verschmerzen. "Wichtig sind die Sprünge und der Weg", sagte er. Der führt die DSV-Springer nach einer weiteren Nacht in Innsbruck am Donnerstag nach Bischofshofen, wo am Freitag die Qualifikation fürs Dreikönigsspringen steigt.
Mit der letzten Tourneestation verknüpft Wellinger durchaus gute Erinnerungen: 2017 gewann er die Qualifikation, 2018 wurde er im Wettkampf Dritter. "Ich freue mich immer auf Bischofshofen. Ich mag die Schanze, bin dort auch schon extrem gut gesprungen", sagte er.
Das gilt allerdings auch für Kobayashi, der dort schon 2019 und 2022 siegte und damit zweimal den Tourneesieg perfekt machte. "Er ist in einer herausragenden Form, ihn kann nichts beeindrucken", meinte Schmitt. Die Favoritenrolle mache den lockeren Japaner zudem "eher noch stärker. Er wird eine harte Nuss für den Andi, ganz klar."
Für seinen dritten Tourneesieg muss der 27-Jährige in Bischofshofen vermutlich gar nicht mal gewinnen, sondern sich nur vor Wellinger platzieren. Er wäre dann der neunte Skispringer, dem es gelänge, die Tournee ohne Tagessieg zu gewinnen - und der erste seit dem Finnen Janne Ahonen 1998/99.
Genau das würde Wellinger am Samstag gerne verhindern. Dessen Devise für den Dreikönigstag lautet deshalb: "Voll angreifen, mit Selbstvertrauen runter ins Loch, sauber landen und dann auf der Ergebnisliste schauen, was draufsteht." Im Idealfall steht er dort dann mehr als 4,9 Punkte vor Kobayashi …

2.) Der Bergisel nervt - und ist trotzdem geil

Nein, das Wetter enttäuschte auch diesmal in Innsbruck nicht. Seit jeher windanfällig, war die dritte Tourneestation auch 2024 nervenaufreibend: Nach der zähen Qualifikation am Dienstag drohte es am Mittwoch schon dunkel zu werden, als die letzten Springer noch oben standen - ein Flutlicht soll es am Bergisel nämlich erst 2026 geben.
Unmittelbar vor dem Gesamtweltcupführenden Stefan Kraft wurde der Finaldurchgang sogar für 20 Minuten unterbrochen, ehe sich der Wind, der teilweise auf der einen Hangseite talabwärts und an der anderen bergaufwärts wirbelte, halbwegs beruhigt hatte. Erst um 15:58 Uhr war der letzte Springer dann auch unten.
Die Jury hatte ihr Möglichstes versucht, wechselte im finalen Durchgang die Luken 11, 12 und 13 munter hin und her. Ein Spiel, das sich auszahlte: Hinterher betonten fast alle, wie gut die FIS-Verantwortlichen den Wettkampf über die Bühne gebracht hatten. "In Summe haben sie ein fantastisches Springen geleitet", sagte Eurosport-Experte Schuster.
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Ringen mit dem Schicksalsberg: Das sagen Wellinger, Geiger und Co.

Quelle: Eurosport

"Die Jury hat einen exzellenten Job gemacht", pflichtete Schmitt ihm mit Blick aufs Gesamtklassement bei: "Es ist alles gut gegangen - Kobayashi und Wellinger haben noch alle Chancen."
Unterm Strich habe mit dem Österreicher Jan Hörl in Innsbruck auch "der beste Springer gewonnen" - ein Umstand, der bei Windlotterien nicht immer der Fall ist. Und letztlich ein Indiz dafür, dass es auch am tückischen Bergisel mit rechten Dingen zugeht.
Dass Wellinger als Fünfter seine Chancen auf den Tourneesieg wahrte, nahm man im DSV-Lager derweil mit großer Erleichterung zur Kenntnis. Andere hatten am deutschen "Schicksalsberg" weniger zu jubeln: Pius Paschke schmierte als 36. ab, Karl Geiger machte es als 26. nur geringfügig besser.
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Zäher Auftritt: Geiger enttäuscht auch in Innsbruck

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In der Tourneewertung verloren beide damit deutlich an Boden (22./14.), im Gesamtweltcup ging es ebenfalls zwei Plätze für beide nach unten (5./6.).
"Ich tue mich extrem schwer und der Bergisel ist nicht unbedingt meine Lieblingsschanze", haderte Geiger bei Eurosport mit einem "ganz schwierigen Skisprungtag". Für Stephan Leyhe (18.) und Philipp Raimund (20.) lief es nicht viel besser.
"Ich weiß nicht, ob ich voll ins Klo gegriffen habe", rätselte Youngster Raimund, der in der Gesamtwertung als Elfter nun zweitbester Deutscher ist: "Es war eine kleine Ecke drin, aber die sollte eigentlich niemals so große Auswirkungen haben." So stand im elften Wettkampf der Saison erstmals kein Deutscher auf dem Podest.

3.) Rot-Weiß-Rote Party mit Wermutstropfen

21.000 Zuschauer hatten am Bergisel mit Blick auf die Tournee-Gesamtwertung auf einen anderen Ausgang gehofft, nahmen den Tagessieg von Jan Hörl aber dankbar an - schließlich hatte seit Gregor Schlierenzauer 2013 kein ÖSV-Springer mehr in Innsbruck gewonnen.
"Für mich war es volle Attacke, Sieg oder Sarg, das funktioniert bei mir am besten", jubelte der 25-Jährige, der der Scherzkeks bei den Österreichern ist: "Im Team muss auch ab und zu der Schmäh rennen - und dafür sorge ich."
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Hörl bricht ÖSV-Fluch am Bergisel - die Entscheidung

Quelle: Eurosport

"Jan ist eine Schmähhauben", meinte auch Kollege Stefan Kraft im "ORF": "Wenn er einen Lauf hat und ein paar Sprüche raushaut, ist er als Witzbold ganz wichtig fürs Team."
Kraft selbst hatte erneut weniger zu lachen; als Gesamtweltcupführender favorisiert zur Tournee gereist, beerdigte Platz sechs in Innsbruck alle Hoffnungen auf seinen zweiten Gesamtsieg seit 2014/15. "Er war in einer Alles-oder-Nichts-Situation und deswegen vielleicht nicht ganz so locker", analysierte Schmitt bei Eurosport.
"Jetzt ist es vorbei, aber wir genießen den Tag", sagte Kraft mit Blick auf die rot-weiß-rote Party, die Michael Hayböck als Dritter noch weiter anheizte. Dass Schuster-Spross Jonas (20) einen erfrischenden Sprung (122,5 m) zeigte und der erst 17 Jahre alte Stephan Embacher als 13. sogar seine ersten Weltcuppunkte sammelte, passte ins Bild.
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Beim Tournee-Debüt! 17-Jähriger holt erstmals Weltcup-Punkte

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Hörl ("Meine größte Stärke sind die PS in meinen Haxen") hievte derweil sein zweiter Weltcupsieg in der Tourneewertung sogar an Kraft vorbei auf Platz drei. Dass er dort bereits umgerechnet 13,1 Meter Rückstand auf Kobayashi hat, störte ihn ihm Siegestaumel nicht.
Mit Blick auf seine Heimschanze meinte der Bischofshofener angriffslustig: "23,6 Punkte sind natürlich schon recht viel. Aber die Schanze liegt mir sehr. Und bei meiner Form freue ich mich jetzt schon sehr darauf."
Macht Hörl auf der Paul-Außerleitner-Schanze das schier Unmögliche möglich, dürfte Österreich auch erstmals seit Kraft 2014/15 wieder über einen rot-weiß-roten Gesamtsieger jubeln.
(mit SID)
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