Vollkommen entgeistert starrte Karl Geiger nach seinem Sprung auf die Anzeigetafel, verstand nicht, weswegen dort trotz seines starken Fluges auf 101,5 Meter nur der achte Rang aufleuchtete.
Katharina Althaus vergoss bittere Tränen, Japans Vorzeigespringerin Sara Takanashi weinte nach ihrem zweiten Sprung bereits im Auslauf. Doch nicht nur bei den Athletinnen und Athleten sorgten die fünf Disqualifikationen im Mixed-Wettbewerb für Enttäuschung, Wut und Konfusion.
Vor allem die Zuschauer vor den Bildschirmen blieben nach der Farce bei den Olympischen Spielen verständnislos und irritiert zurück. Auf der größtmöglichen aller Bühnen erlitt der Skisprungsport einen herben Imageverlust.
Olympia - Skispringen
So lief die Entscheidung von der Großschanze: Geiger fliegt zu Bronze, Gold für Lindvik
12/02/2022 AM 10:50
"Es kommt nicht gut an, wenn das Springen vorbei ist, unten ein jubelnder Sportler steht, und eine halbe Stunde später wird er disqualifiziert", hatte der frühere Bundestrainer und Eurosport-Experte Werner Schuster bereits am Tag nach dem Skandal von Zhangjiakou analysiert und gesagt: "Meine Hoffnung ist, dass dieses Springen ein Anlass ist, um noch einmal über die Bücher zu gehen."

Schuster kritisiert nach Farce: "Wirft schlechtes Licht auf Skispringen"

Kontrollen vor dem Sprung?

Die Regelhüter scheinen den Weckruf verstanden zu haben. Wie DSV-Sportdirektor Horst Hüttel gegenüber der "ARD" erklärte, wird hinter der Schanze bereits intensiv debattiert.
Demnach könnte schon ab der kommenden Saison eine Lösung gefunden werden, sodass "eine Athletin oder Athlet, die oben sitzt und grün bekommt, sicher ist", sagte der 53 Jahre als Sportfunktionär und konkretisierte: "Das heißt, dass das Prozedere komplett nach oben verlagert wird und unten keine Disqualifikation mehr stattfindet."
Schuster bezeichnete den Vorschlag als eine gute Idee, äußerte aber im exklusiven Interview mit Eurosport auch Bedenken hinsichtlich der Umsetzung.

Disqualifikations-Drama: Takanashi springt im Finale unter Tränen

Bedenken wegen der Umsetzung

"So eine Kontrolle dauert, wenn man sie ordentlich macht. Und das stört den Athleten in der Vorbereitung", führte der frühere Bundestrainer an und erhielt dabei Zustimmung vom zweimaligen Weltcupgesamtsieger Martin Schmitt.
"Alle Springer oben direkt vor dem Sprung durchchecken, ist ein zeitliches Problem und nicht realisierbar", stellte der 44 Jahre alte Schwarzwälder im Interview mit Eurosport klar.
Eine mögliche Lösung: Die Materialkontrolle, die pro Springer rund fünf Minuten beansprucht, bereits im Vorfeld des Wettkampfes durchzuführen. Dann aber müsse gewährleistet werden, dass der Springer den Anzug nicht noch austauscht oder dieser nach der Kontrolle nicht noch einmal verändert wird.

Geiger und Kobayashi: Schmitt analysiert Chancen auf der Großschanze

Schmitt fordert Änderungen im Reglement

Denn "inzwischen ist es so, dass der Anzug nicht mehr alle vier Wochen gewechselt wird, sondern teilweise gibt es für jeden Sprung einen eigenen Anzug. Das muss man den Athleten aber auch zugestehen", erklärte Schuster im Interview mit Eurosport.
Gleichzeitig mache es auch einen Unterschied, "wie der Sportler den Anzug in der Wettkampfsituation trägt", erklärte Schmitt.
Ohnehin würde sich Schmitt Anpassungen im Reglement wünschen, die der Gestaltung des Anzuges mehr Freiheiten einräumen. "Man muss sich überlegen, was bringt dem Springer etwas. Deswegen braucht man einige wenige klar definierte Fixpunkte, die es einfacher zu kontrollieren gilt. In anderen Bereichen kann man den Teams mehr Freiheiten zugestehen", erklärte der Olympiasieger von Salt Lake City.
Dabei ging Schmitt konkret auf zwei Bereiche des Körpers ein. "Es würde dem Skispringen gut tun, wenn im Schulterbereich etwas mehr Luft wäre. Den Schrittbereich würde ich sehr genau kontrollieren", so der 28-fache Weltcupgewinner.

Objektivierung durch Technologie

Das Kernproblem der Farce von Peking lag allerdings in der unterschiedlichen Wahrnehmung der Verantwortlichen. "Man hat gesehen, dass es von Kontrolleur zu Kontrolleur Unterschiede geben kann", sagte Schmitt und spielte damit auf die Disqualifikation von Althaus an.
Die 25 Jahre alte Oberstdorferin hatte bei ihrem Silbersprung von der Normalschanze wenige Tage zuvor denselben Anzug getragen. Im Damenspringen war er noch für regelkonform befunden worden, im Mixed-Wettbewerb dann plötzlich ein Grund zur Disqualifikation.
"Der Test erfüllt ein Kriterium nicht: Die Objektivität. Unterschiedliche Kontrolleure erhalten unterschiedliche Maße", bemängelte Schuster die Materialkontrollen. Auch Schmitt forderte bei der Kontrolle der Springerinnen und Springer einen roten Faden.
Für die beiden früheren Protagonisten des DSV steht dabei die Technologisierung der Kontrollen im Vordergrund. "Die naheliegendste Version wäre ein 3D-Scanner", erklärte Schmitt, "dann hat man eine klare Aussage und lässt die menschliche Komponente außen vor".
Doch diese Variante könnte für viele Veranstalter, gerade im Jugendbereich oder in den kleineren Wettbewerben, an der Kostenfrage scheitern.

Schuster und Schmitt: So kann Eisenbichler um die Medaillen springen

Schuster nimmt Jukkara und Pertile ins Visier

"Ich kenne Leute, die sich seit zehn, zwölf Jahren damit beschäftigen. Die zündende Idee ist noch niemandem eingefallen", brachte Schuster das Dilemma auf den Punkt und forderte dennoch eine eingehende Debatte. Denn "besser als es jetzt ist, kann man es sicher machen", betonte der Österreicher.
Die Phase nach den Olympischen Spielen in Peking bietet dazu alle Möglichkeiten, wie der einstige Bundestrainer betonte. "Man muss jetzt beginnen, denn sonst vertut man eine Riesenchance", warnte Schuster. Dabei stellte der 52-Jährige auch den umstrittenen Kontrolleur Mika Jukkara in Frage.
"Es wäre noch schlauer, Leute aus der Szene zu nehmen, die jahrelang an den Anzügen herumgeschneidert haben", stichelte Schuster und brachte den früheren Bundestrainer der Frauen, Andreas Bauer, ins Gespräch. Man müsse "die besten Leute ins Boot holen und denen ein Mandat geben".
Dabei nahm er auch den Italiener Sandro Pertile in die Pflicht. "Der Renndirektor ist gefordert, keinen Stein auf dem anderen zu lassen, um dieses leidige Thema aus dem Fokus zu bekommen und wieder Sport zu machen."

Karl Geiger sucht noch seiner Form in Peking.

Fotocredit: Getty Images

Olympia: Sportliche Weitenjagd am Samstag

Und das sowohl in Zukunft als auch sofort bei den laufenden Olympischen Spielen in Peking.
Denn anders als beim Mixed-Wettbewerb soll der Sport bereits am Samstag (12:00 Uhr MEZ live im Free-TV bei Eurosport 1 und bei Eurosport auf Joyn!) beim Springen der Herren auf der Großschanze wieder in den Vordergrund rücken.
Auch wegen der Farce um Althaus im Mixed-Wettbewerb warten die deutschen Männer um den Oberstdorfer und Weltcupführenden Geiger auch nach zwei von vier Wettbewerben noch auf das fest eingeplante Edelmetall.
Doch nach der Wut, den Tränen und der Irritationen sollte allein der Wunsch nach einer sportlichen Entscheidung im Interesse aller sein. Denn gewinnen muss allen voran das Skispringen.
Das könnte Dich ebenfalls interessieren:Die Skisprung-Farce: FIS erwägt Regeländerung bei Anzukontrolle

Schmitt: Darum passt die Schanze besser zu Eisenbichler als zu Geiger

Olympia - Skispringen
Skispringen: Olympia 2022 live in TV und Livestream - der Zeitplan
20/01/2022 AM 09:34
Olympia - Skispringen
"Wie ein Albtraum": Althaus blickt auf Mixed-Farce in Peking zurück
10/03/2022 AM 23:36