Nach der Anzug-Farce um Katharina Althaus und vier weitere Weltklasse-Springerinnen ist die polnische Material-Kontrolleurin Aga Baczkowaska zur umstrittensten Frau des Skispringens geworden, ihr finnisches Pendant Mika Jukkara wird sogar für seinen legendären Vorgänger Sepp Gratzer untragbar: Der Streit um die obersten Regelhüter im Weltverband zieht bei Olympia weite Kreise - während der kurzen Schanzenpause in Peking brodelt es.
Die Kontrolleure hatten ihren Teil zu der Skisprung-Posse im Mixed-Wettbewerb am Montag mit fünf Disqualifikationen beigetragen.
Ab Freitag geht es auf der Peking-Großschanze weiter.
Olympia - Skispringen
DSV-Team trotzt dem Skandal: "Halten zusammen, egal was kommt"
08/02/2022 AM 00:36
Von Gratzer als FIS-Chefkontrolleur (1992 bis 2021) waren die Athleten im Männerbereich ein strenges Regiment gewohnt.

Wie fair kann ein strenges Regiment sein?

Es galt aber immer als fair und nachvollziehbar - die Springer schätzten ihn. Es kann nicht ignoriert werden, wenn dieser die jüngste Vorstellung seines Nachfolgers "ein Desaster" nennt.

"Fast menschenunwürdig!" So kam es zur Farce im Skispringen bei Olympia

Jukkara war am Montag offiziell nur für die Kontrollen der Männer zuständig, von diesen wurde keiner disqualifiziert. Bei den Frauen muss eine Frau die heiklen und teils sehr körpernahen Überpüfungen vornehmen - Baczkowska in diesem Fall.
In der Szene wird allerdings geraunt, dass der Finne dabei durchaus Einfluss auf die Polin ausgeübt habe.

Gab die FIS den Impuls?

"Er war bei der Kontrolle von Katharina gar nicht anwesend. Von den anderen Teams wissen wir aber, dass Jukkara bei weiteren Kontrollen, die zu Disqualifikationen geführt haben, im Kontrollraum anwesend war. Dabei soll er nicht aktiv gemessen haben, saß aber als Beobachter im Hintergrund. Das könnte Einfluss genommen haben, er ist bei den Frauen sonst nun mal nicht dabei", berichtete der deutsche Skisprung-Sportchef Horst Hüttel im "Spiegel".
Es wirkte, als wollte die FIS unbedingt auf großer Olympia-Bühne ein Exempel statuieren. Dass im Skisprung-Sport "keine gute Kultur" herrscht, wie es Ex-Bundestrainer Werner Schuster gegenüber Eurosport formulierte, wird auch dem Weltverband nicht entgangen sein.
Jukkara deutete an, dass die FIS selbst den Impuls zu schärferen Kontrollen gegeben hatte. Auffällig war es definitiv, dass am Montag nun offenbar überhaupt kein Spielraum bei den Anzügen mehr vorhanden war. Warum das ausgerechnet jetzt geschehen ist, versteht aber niemand.

Jukkara gilt als Pedant

"Jukkara ist freundlich und professionell, aber auch pedantisch", beschreibt ihn Eurosport-Redakteurin Natalia Lahtela, die den 58-Jährigen 2017 genauer kennenlernte. Damals war er Chef der Wettbewerbe in Lahti. In seiner Jugend war er selbst Skispringer, führte seit 2010 die Materialkontrolle in Finnland durch und war außerdem technischer Delegierter in internationalen Wettbewerben.
Er hat viel Erfahrung und sagte bei seinem Amtsantritt: "Ein wichtiger Teil wird auch die Kommunikation mit den Teams und Athleten sein. Wir müssen bedenken, dass die Materialkontrolle ein Teil der Fairness und Sicherheit des Sports ist." Informiert hat er nun jedoch offenbar kein Team.
Sein Handeln passt nicht ganz ins Bild, das die FIS von ihm zeichnete. "Mikas Charakter als Teamplayer und Kommunikator, seine Motivation und der Respekt, den alle Teams und nationale Verbände haben, werden der Schlüssel zum Erfolg seiner Arbeit werden", hieß es vom Weltverband nach der Entscheidung für ihn.

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Der Schatten auf dem Sport bleibt

Öffentlich hielt sich Jukkara jetzt zurück, während Baczkowaska direkt zum Gegenangriff ausholte. Die Polin, wenn auch keine Ex-Skispringerin, ist seit zwei Jahrzehnten in diesem Sport präsent. Er ist ihre Leidenschaft - daran zweifelt keiner. Dem polnischen Sender "TVP Sport" sagte sie: "Ich sage immer, dass ich niemanden disqualifiziere - die Athleten disqualifizieren sich selbst, weil sie in der nicht den Vorschriften entsprechenden Kleidung springen. Und die Unterschiede waren nicht ein oder zwei Zentimeter. Ich mache nur meinen Job."
Im Skispringen gebe es strenge Regeln, weil größere Anzüge Vorteile bringen. Baczkowska fügte hinzu: "In Anbetracht der Geschehnisse arbeiten wir auch daran, die Regeln zu ändern oder zu verbessern."
Was sie gemeinsam schon geschafft haben, ist den Eindruck zu erwecken, dass es bei der FIS und ihnen ums exakte Einhalten von Regeln geht und weniger um Augenmaß in einem komplizierten Sport. Es bleibt ein enormer Imageschaden für den Skisprung-Sport.
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