Martin Schmitt exklusiv zum norwegischen Anzug-Skandal: "Habe geahnt, dass das eine größere Tragweite hat"
Das Skispringen wurde nach der Anzug-Manipulation des norwegischen Teams bei der Weltmeisterschaft in seinen Grundfesten erschüttert. Der ehemalige Weltklasse-Springer Martin Schmitt erlebte den Skandal als Eurosport-Experte in Trondheim hautnah mit. Im exklusiven Interview erinnert er sich an einen denkwürdigen Tag - und übt Kritik an einer vergebenen Chance der Norweger und der FIS.
Norwegens Sportchef redet sich raus: "Ich habe nichts gewusst"
Quelle: Eurosport
Zum Ende der Nordischen Ski-WM kam es in Trondheim zum riesigen, beispiellosen Skisprung-Skandal.
Nachdem ein Video aufgetaucht war, das Mitglieder des norwegischen Teams beim Manipulieren von Sprung-Anzügen im Hotel zeigte und erste Untersuchungen der FIS den Verdacht bestätigten, wurde unter anderem Marius Lindvik, Vize-Weltmeister von der Großschanze, die Silbermedaille aberkannt.
Am Folgetag gaben die Norweger in Person von Sportdirektor Jan Erik Aalbu auf einer Pressekonferenz den vorsätzlichen Betrug zu.
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23/12/2025 um 17:05 Uhr
Martin Schmitt war als Experte für Eurosport bei der WM vor Ort, erlebte den Krimi hautnah mit. Im exklusiven Interview spricht der ehemalige Weltklasse-Springer über seine Erlebnisse. Zudem ordnet Schmitt die Unwissenheitsbekundungen der betroffenen Athleten Lindvik und Johann Andre Forfang ein - und übt Kritik an einer vergebenen Chance.
Martin, Sie waren in Trondheim vor Ort, hautnah dabei. Wie haben Sie diesen denkwürdigen Tag erlebt?
Martin Schmitt: Der Tag war sehr turbulent. Vor dem Qualifikationsdurchgang ging die große Unruhe los, es gab einen regen Austausch. Die internationale Zusammenarbeit war sehr gut, nachdem die Videos zur Verfügung gestellt worden waren. Wir haben untereinander diskutiert, ich konnte mit einigen Trainern und Experten sprechen und einen Eindruck gewinnen. Ich war also sehr stark beschäftigt, deshalb hat man mich womöglich im Kommentar so selten gehört. Ich wollte einfach Klarheit haben, das hatte die höchste Priorität. Ich habe an dem Tag schon geahnt, dass das Ganze eine größere Tragweite haben könnte.
Was ging in Ihnen vor, als Sie das Video zum ersten Mal gesehen haben?
Schmitt: Man sieht sofort, dass dort Dinge vorgehen, die nicht passieren sollten. Ich war mir sicher, dass der zu sehende Anzug manipuliert wurde. Dann habe ich schnell in den Arbeitsmodus geschaltet, mir Einschätzungen eingeholt, mit den anderen Experten, Teamvertretern und Offiziellen gesprochen. Die ersten Fragen waren natürlich: Wo kommt das Video her, wo ist es entstanden und von wann ist es? Ein Gamechanger war, dass Norwegens Sportdirektor Jan Erik Aalbu in der Mixed-Zone erklärt hat, dass in Trondheim die Anzüge für die Raw Air in Oslo vorbereitet werden. Da auf dem Video eine eindeutige Manipulation zu sehen war, kam diese Aussage einer Bestätigung gleich – Norwegen manipuliert Anzüge für die Raw Air. Deshalb war es wichtig, dem Ganzen noch mehr auf den Grund zu gehen.
Um weitere Verdächtigungen auszuräumen, hätte der erste proaktive Schritt der Norweger schon nach dem ersten Verdachtsmoment sein müssen, sämtliche WM-Anzüge unverzüglich zur Verfügung zu stellen.
Am Ende war der Anzug nicht für die Raw Air, sondern für die WM gedacht.
Schmitt: Aalbus Aussage war erst einmal ein Zugeständnis, dass das Team manipuliert. Das ist schon tragisch genug. Dann hätte eben spätestens in Oslo der Betrug stattgefunden. Der Verdacht war also gegeben und die FIS angehalten, schon die Anzüge für die Großschanze, die bei der WM in Trondheim verwendet wurden, zu überprüfen. Das ist nach dem zweiten Durchgang dann geschehen.
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Eurosport-Experte Martin Schmitt
Fotocredit: Imago
Lindvik wurde seine Silbermedaille von der Großschanze aberkannt, als sich der Verdacht bestätigte. Dass er von der Normalschanze zuvor Gold gewonnen hatte, bekam im Anschluss an die Affäre mindestens ein Geschmäckle. Inwiefern hat Norwegen die Zweifel ausräumen können?
Schmitt: Sportchef Aalbu hat auf der Pressekonferenz bekräftigt, dass nur die beiden Anzüge von Lindvik und Forfang für die Großschanze betroffen waren. Um weitere Verdächtigungen auszuräumen, hätte der erste proaktive Schritt der Norweger schon nach dem ersten Verdachtsmoment sein müssen, sämtliche WM-Anzüge unverzüglich zur Verfügung zu stellen. Anhand der Chips hätte man alle Anzüge zuordnen können und zeigen, dass sie frei von Manipulation sind, dass zumindest in den anderen Wettbewerben alles mit rechten Dingen zuging. Das norwegische Team hätte damit seine These, nämlich, dass das Vergehen nur bei zwei Anzügen stattgefunden hat, untermauert. Das wäre das Mindeste gewesen.
Dass die Trainer ohne Wissen der Athleten am Wettkampftag erstmalig derartige Veränderungen vornehmen, in das sensible System eingreifen, Anzüge verwenden, die nie getestet wurden, ist schwer vorstellbar.
Dies ist aber offenbar nicht geschehen?
Schmitt: Es gibt dahingehend weder von FIS noch von den Norwegern Informationen. Das legt den Verdacht nahe, dass diese große Chance sowohl von Seiten der Norweger als auch von Seiten der FIS liegengelassen wurde. Nach über zwei Tagen Abstand will man nicht wissen, ob es diese Anzüge überhaupt noch gibt. Ich bin gespannt, wie das kommuniziert wird.
Aalbu hat den Betrug tags darauf zugegeben, er selbst habe von nichts gewusst. Wie interpretieren Sie die Pressekonferenz?
Schmitt: Es wirkt so, als gebe Norwegen nur das zu, was nachweisbar ist. Das ist ein Minimaleingeständnis. Auch die Stellungnahmen der beiden Springer (Lindvik und Forfang, Anm. d. Red.), die ebenfalls von nichts gewusst haben wollen, klingen nicht besonders schlüssig.
Warum?
Schmitt: Dass die Trainer ohne Wissen der Athleten am Wettkampftag erstmalig derartige Veränderungen vornehmen, in das sensible System eingreifen, Anzüge verwenden, die nie getestet wurden, ist schwer vorstellbar. Ein neues, völlig unbekanntes Verfahren für das Team im Wettkampf ausprobieren - kein Trainer dieser Welt würde dieses Risiko eingehen - vor allem nicht, wenn sein Springer einer der Topfavoriten auf den Sieg ist. Außerdem glaube ich nicht, dass Lindvik und Forfang als Weltklasse-Springer Änderungen im Spannungsverhalten ihres Anzuges nicht bemerken. Die Argumentation ist insgesamt sehr schwach.
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