Es war beileibe nicht so, dass Angelique Kerber ihr anspruchsvolles Tagwerk unter Ausschluss der Öffentlichkeit verrichten musste. Die frühere Wimbledonsiegerin durfte für ihren Drittrundeneinzug in die schmucke Schüssel Nummer 2 im Süden des All England Clubs.
Die große Bühne allerdings bekam Jule Niemeier - und diese nutzte sie mit Bravour zu einer der großen Überraschungen des bisherigen Turniers.
Nachdem die 22 Jahre alte Wimbledondebütantin aus Dortmund die an Position zwei gesetzte Estin Anett Kontaveit mit 6:4, 6:0 in unter einer Stunde überrollt hatte, brauchte sie einen Moment, um sich beim Interview auf dem Platz zu sortieren.
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"Ich bin sprachlos", sagte Niemeier und fand dann doch passende Worte: "Hier auf Court 1 zu gewinnen, ist ein unglaubliches Gefühl."

Kerber abgeklärt - Maria sorgt für nächste Überraschung

Das Kerber bei ihrem 14. Besuch an der Church Road schon oft erlebt hat. Sie weiß aber längst: Wimbledonsiege sind auf jedem Platz nett, gerade, wenn sie so hart erkämpft sind wie das 6:3, 6:3 gegen die unangenehme Magda Linette aus Polen.
"Ich kann von jedem Court hier eine Geschichte schreiben", sagte Kerber, die sich schadlos hielt und im Rennen um ein weiteres Top-Ergebnis bei ihrem Liebling-Grand-Slam bleibt.
Das haben Tatjana Maria und Oscar Otte bereits erzielt. Maria stellte nur 15 Monate nach der Geburt ihrer zweiten Tochter ihr bestes Wimbledonergebnis ein. Sie überraschte die Rumänin Sorana Cirstea, Nummer 26 der Setzliste, beim 6:3, 1:6, 7:5. Otte, der noch immer auf der Suche nach seiner auf dem Hinflug verschollenen Tennistasche ist, in der ein Glücksstein seines Vaters lag, hatte nach der Aufgabe seines Gegners Christian Harrison (USA) im ersten Satz früh Feierabend.

Niemeier selbstbewusst: "Kann fast jede hier schlagen"

Niemeier musste dagegen noch einige Medientermine abarbeiten, das Interesse an der Weltranglisten-97. ist nicht erst in Wimbledon merklich gestiegen. Nach dem ersten Sieg über eine Top-10-Spielerin musste sie aber so viele Fragen wie selten beantworten.
Kein Wunder: "Das war eines der besten Matches, das ich je gespielt habe", sagte sie und kündigte selbstbewusst an: "Ich kann fast jede hier schlagen."
Nach zwei Matches ist sie nicht nur wie Kerber noch immer ohne Satzverlust, Niemeier hat sogar kein einziges Aufschlagspiel abgegeben. "Ich liebe es, auf Rasen zu spielen", sagte sie, der Belag passt zu ihrem offensiven Spiel, mit dem auch am Freitag gegen die Ukrainerin Lesia Zurenko nicht Schluss sein muss. Das glaubt auch Kerber: "Man hat heute gesehen, dass sie an den Sieg geglaubt hat und dass sie Top-Spielerinnen schlagen kann."

Jule Niemeier in Wimbledon 2022

Fotocredit: Getty Images

Rittner schwärmt von Niemeier: "Besitzt alle Waffen für eine Spitzenspielerin"

Bundestrainerin Barbara Rittner dürfte sich bestätigt fühlen, sie hat Niemeier schon länger auf dem Zettel, nicht erst für die Zeit nach der "goldenen Generation" um Kerber. "Jule besitzt alle Waffen für eine Spitzenspielerin. Ich traue ihr die Top 20 in der Welt zu", sagte Rittner dem "WDR" und lobte Niemeiers Spielintelligenz und das "unglaubliche Händchen".
Das zahlt sich aus. Zwar gibt es in diesem Jahr in Wimbledon keine Punkte, dafür eine Menge Geld. Niemeier hat jetzt bereits 120.000 Pfund sicher. Immerhin 78.000 Pfund nimmt Maximilian Marterer mit nach Hause. Der Qualifikant aus Nürnberg ging nach dem 2:6, 2:6, 6:7 (3:7) gegen Frances Tiafoe (USA) am Mittwoch als einziger deutscher Verlierer vom Platz.
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