Lucien Favre wirkte ratlos.

"Ich probiere mein Bestes, um die richtigen Dinge zu korrigieren", sagte der Trainer von Borussia Dortmund im Interview mit "Sport1" nach der bitteren 3:4-Pleite am Samstagabend bei Bayer Leverkusen: "Aber ich hatte, seitdem ich Trainer bin, selten eine Mannschaft, die solche Schwierigkeiten hat."

Bundesliga
Rückschläge im Meisterrennen: Mehr als nur eine Niederlage für den BVB
09/02/2020 AM 15:02

Der Schweizer konnte sich (einmal mehr) keinen Reim auf die defensive Anfälligkeit seines Teams machen. Vier Gegentore. Wieder ein Spiel aus der Hand gegeben. Eine Erklärung? Fehlanzeige.

Deutlich griffiger wirkte da, was Emre Can zu sagen hatte. Der Winter-Neuzugang, der noch nicht einmal zwei Wochen beim Team weilt.

Can überzeugt - und spricht Probleme deutlich an

"Dreckiger" müsse der BVB spielen, wenn er in Fühung liege, "manchmal ein Foul spielen, besser verteidigen". Während seine Mannschaftskollegen dieselben abgestumpften Parolen bemühten, die man bei Borussia Dortmund in dieser Saison schon zu Genüge gehört hatte, scheute sich der 26-Jährige nicht, den Finger in die Wunde zu legen.

Es war bereits die zweite Bewerbung als Führungsfigur. Denn auch zuvor auf dem Platz konnte Can auf der Doppelsechs neben Axel Witsel durchaus überzeugen.

Nachdem die Leihgabe von Juventus Turin zehn Minuten Einsatzzeit beim DFB-Pokal-Aus gegen Werder Bremen gesehen hatte, durfte er gegen Bayer von Beginn an ran – und lieferte genau das, wofür ihn der BVB geholt hatte.

Win-win-Situation mit Can

Emotionen, Kampfgeist, Leidenschaft – auch wenn ihm die fehlende Spielpraxis aus der Hinrunde und der konditionelle Rückstand gegen Ende deutlich anzumerken waren.

Can redete immer wieder auf die jüngeren Spieler wie Jadon Sancho oder Achraf Hakimi ein und rief sie zurück, wenn sie in Kontersituationen nicht schnell genug den Rückwärtsgang einschalteten. Dazu kam sein traumhafter Treffer zum zwischenzeitlichen 2:1.

Jürgen Klopps prophezeite "Win-win-Situation" für Verein und Spieler scheint tatsächlich nicht so weit hergeholt.

Boss Can? Nicht im Mittelfeld

Der immer wieder taumelnde BVB darf sich Hoffnungen machen, dass Can die vakante Rolle als lautstarker Leader auf Dauer erfolgreich einnehmen wird. Allerdings nicht im Mittelfeld.

Zwar dürfte der polyvalente Nationalspieler im kommenden Heimspiel gegen Eintracht Frankfurt wieder die Position in der Zentrale bekleiden, allerdings nur, weil Julian Brandt mit einem Anriss des Sprunggelenks vorerst ausfällt.

Auf Dauer ist Can in der Abwehrkette eingeplant, das berichteten "kicker" und "Ruhrnachrichten" bereits kurz nach dessen Ankunft übereinstimmend.

Can soll die BVB-Abwehr stabilisieren

Erstens, weil er in Favres Ballbesitzfußball, der auf pass- und kombinationsstarke Mittelfeldspieler ausgerichtet ist, ohnehin besser auf diese Position passt. Und zweitens, weil dies der Teil der Mannschaft ist, der den Westfalen bereits seit geraumer Zeit Kopfzerbrechen bereitet.

Allein auswärts kassierten die Dortmunder in dieser Saison bereits 22 Gegentore. Absolut inaktzeptabel für einen selbsternannten Meisterschaftsanwärter. Vor allem individuelle Fehler kosten den BVB immer wieder Punkte.

Lizenspielerchef Sebastian Kehl hatte die Mannschaft deshalb nach dem Spiel in Leverkusen heftig kritisiert:

Wenn man so viele Treffer kassiert und sich teilweise so doof anstellt, dann kann man keine Spiele gewinnen.

Favre konsterniert: "Wir haben ein paar Probleme"

Auch interessant: FC Bayern plant offenbar Verkauf von Tolisso

BVB: Muss Akanji für Can weichen?

Zu den Hauptschuldigen gehörte auch am vergangenen Samstag wieder Manuel Akanji. Von Favre diesmal als rechter Verteidiger in einer Viererkette aufgeboten, war er an den ersten beiden Gegentreffern maßgeblich beteiligt.

Der Schweizer befindet sich bereits seit Wochen im Formtief. Gut möglich, dass er mittelfristig für Can weichen muss.

Can kommt zudem zugute, dass er sehr flexibel ist und sowohl auf der rechten Verteidigerposition als auch als Teil einer Dreierkette eingesetzt werden kann. Beide Positionen bekleidete er sowohl beim FC Liverpool als auch im DFB-Team unter Joachim Löw erfolgreich.

Egal, ob Favre in Zukunft wieder zum zuletzt präferierten 3-4-3 zurückkehrt, oder beim 4-2-3-1 bleibt, Can wird in seinen Plänen neben Mats Hummels und Dan-Axel Zagadou eine zentrale Rolle einnehmen.

Der 26-Jährige ist bereits jetzt so etwas wie Dortmunds letzte Hoffnung. Der letzte Trumpf des langsam verzweifelnden Favre, mit dem er dem fragilen Gebilde der Dortmunder Hintermannschaft endlich Stabilität verleihen will.

Das könnte Dich auch interessieren: Klinsmann bei der Hertha: Das Himmelfahrtskommando war er

Tuchel warnt vor BVB: "Können sechs oder sieben Tore schießen"

Bundesliga
Diagnose bei Brandt steht: Dortmund muss nächsten Ausfall verkraften
09/02/2020 AM 13:36
Bundesliga
Drei Dinge, die auffielen: Das nächste alarmierende Déjà-vu
09/02/2020 AM 09:38