Die wahren Motive von Hopp, Rummenigge, DFB und Ultra-Seite im Bundesliga-Streit
Die Protestaktionen gegen DFB und Dietmar Hopp sowie der 13-minütige Nichtangriffspakt zwischen der TSG 1899 Hoffenheim und dem FC Bayern München als Reaktion darauf sorgen für mächtig Wirbel. Während sich die Ultras über die "unverhältnismäßigen" Reaktionen beschweren, wollen Hopp, DFB und FC Bayern nun hart gegen die Störenfriede vorgehen. Dabei geben nicht alle Seiten ein gutes Bild ab.
Eurosport
Fotocredit: Eurosport
Eine konzertierte Plakataktion gegen Dietmar Hopp, Spielunterbrechungen gleich in mehreren Stadien, ein 13-minütiger Nichtangriffspakt zwischen der TSG 1899 Hoffenheim und FC Bayern München als Symbol gegen Hassplakate - die Bundesliga befindet sich nach dem 24. Spieltag in Aufruhr.
Doch wem geht es hier eigentlich um was, wo stecken die wahren Motive? Ein Überblick.
Was wollen die Ultras?
Für den Großteil der Ultra-Szene geht es beim Protest gegen Dietmar Hopp um mehr als die einzelne Person - Hopp ist für sie schlicht das Symbol der Kommerzialisierung im "modernen Fußball". Der SAP-Gründe hat sich aber auch durch seine Prozesse gegen (vornehmlich BVB-)Fans, zu denen er selbst nicht erscheint, selbst zur, ja, Zielscheibe der Ultras gemacht.
Die Gruppe "HammerHearts2004", die sich zu den Plakaten bei Union Berlin bekannte, erklärte zum nun immer wieder gezeigten Fadenkreuz-Motiv: "Der Doppelhalter, der vor wenigen Minuten auf der Waldseite zu sehen war, ist keine Morddrohung. Er ist aber ganz klar provokant und kritisiert eine Person und eine stetige Entwicklung. Heute steht er jedoch vor allem entgegen schleichender Zensur und für die Ausdrucksfreiheit in den Kurven."
Meinungsfreiheit, Mitspracherecht als aktiv für die Stimmung sorgendes Element in den Stadien, Wahrung der 50+1-Regel, Schutz der Persönlichkeitsrechte (z.B. bei Kontrollen) sowie keine Willkür bei Stadionverboten nebst der Ablehnung von Kollektivstrafen, sind Ziele, denen sich viele der Ultras verschrieben haben.
Mit ihren Hopp-Plakaten wollten sich die Fangruppierungen aus Gladbach (23. Spieltag), München, Köln und Berlin nach eigener Aussage nun vor allem solidarisch mit BVB-Fans erklären, denen nach diversen Scharmützeln mit Hopp unlängst vom DFB eine zweijährige Sperre für Auswärtsspiele in Hoffenheim auferlegt wurde.
"Für zahlreiche Fanszenen war nun, in Form der ausgesprochenen Kollektivstrafe gegen die gesamte Dortmunder Anhängerschaft, eine Grenze überschritten worden, dessen logische Konsequenz in den vielerorts gezeigten Solidaritätsbekundungen lag", erklärte beispielsweise die Gruppe "Red Fanatic München", die für eines der gezeigten Plakate in Hoffenheim verantwortlich war. "Damit hat der DFB sein Wort, zukünftig von Kollektivstrafen abzusehen, gebrochen", argumentierte die "Schickeria München" und nannte die Wortwahl ("Hurensohn") als alternativlos, "da nur so das Thema die nötige Aufmerksamkeit erhält".
Mit ihrer Protestaktion schossen die Ultras allerdings deutlich übers Ziel hinaus, die Botschaft verfehlte klar ihren Zweck. Die Heftigkeit der Reaktionen erwischte die Ultras dafür komplett auf dem falschen Fuß. "Unabhängig von den Gründen unserer Abneigung und der derben Wortwahl, welche man nicht teilen muss, sind wir vor allem von den undifferenzierten und völlig überzogenen Reaktionen auf allen Ebenen entsetzt", schrieb "Red Fanatic München" angriffen.
Man stürze sich nun auf die organisierte Fanszene, "weil sie laut, frech und oft provokativ auf Missstände aufmerksam macht", klagten die "HammerHearts2004" aus ihrer Sicht. Mit Botschaften wie "Fußball bleibt dreckig – Fans bleiben rebellisch – Gegen Kollektivstrafen – F*** dich DFB!", mit denen beispielsweise die "Schickeria München" ihre Stellungnahme zur Aktion in Hoffenheim garnierte, gießt die aktive Fanszene aber weiter unnötigerweise Öl ins Feuer.
Und eines ist nach diesem Wochenende klar: Wo sich Ultras künftig vermummen, den Tatbestand der Beleidigung erfüllen, Hausfriedensbruch (Sturm von Innenräumen) oder andere (Straf-)Taten begehen (inkl. Pyrotechnik, Vandalismus), werden sie in Zukunft mit noch weniger Toleranz, noch härteren Reaktionen und letztlich auch noch drastischeren Urteilen rechnen müssen. Und das haben sie sich selbst zuzuschreiben.
Was will Dietmar Hopp?
In erster Linie, dass die Proteste gegen seine Person aufhören - oder zumindest nicht mit derartigen Beleidigungen weitergeführt werden, damit ein Teil seines Lebenswerks, was die TSG 1899 Hoffenheim ohne Zweifel darstellt, unbeschädigt bleibt. Dabei ist er aber nicht (mehr) zu einem Dialog mit den (BVB-)Ultras bereit. "Ich hatte im Jahr 2010 schon mal ein solches Gespräch, bei dem rein gar nichts herauskam, weil die Herren ihre vorgefertigte Meinung vertraten und sich nicht einen Millimeter bewegen wollten", sagte der Hoffenheimer Mäzen am Wochenende zu "Sport1". Er sehe daher "keinen Sinn darin, mich mit Menschen auseinanderzusetzen, denen ich noch nie etwas getan habe, die mich seit Jahren grundlos massiv beleidigen und gar keinen Konsens wollen".
Zumindest seltsam mutet an, dass er nach all diesen Jahren des Kleinkriegs mit einzelnen Fangruppierungen sowie einigen Rechtsverfahren, der Installation einer Schallanlage im Hoffenheimer Stadion (die angeblich ein einzelner Mitarbeiter zu verantworten hatte), sowie dem Einsatz von Richtmikrofonen gegen gegnerische Fans grundsätzlich nicht verstanden haben will, warum diese eigentlich gegen ihn protestieren. "Wenn ich nur im Entferntesten wüsste, was diese Idioten von mir wollen, dann würde es mir alles leichter fallen, das zu verstehen", sagte der 79-Jährige am Wochenende etwas scheinheilig. Er könne sich "nicht erklären, warum die mich so anfeinden" - das erinnere ihn gar "an ganz dunkle Zeiten".
Dabei schrieb die "Schickeria München" recht deutlich, was sie Hopp konkret vorwerfe: Der TSG-Mäzen habe "unter anderem durch das Verwenden von Störgeräuschen, die bei einigen BVB-Anhängern Schmerzen hervorrufen", die Spirale "selbst erheblich weitergedreht und einen Privatkrieg mit verschiedenen Fanszenen angezettelt". Fragt sich, ob Hopp sich mit diesem Statement befasst hat. Was nun zu passieren habe, stellte er dafür umso deutlich klar: Er selbst wolle die Stadionbesuche bei seinem durch seine Millionenspenden in die Bundesliga gehievten Vorzeigeprojekt künftig ohne Beleidigungen genießen. "Die Personen, die das anrichten, müssen dann halt wegbleiben", sagte er.
Was will Karl-Heinz Rummenigge?
Keine Frage: Der FC Bayern setzte gemeinsam mit der TSG 1899 Hoffenheim mit dem 13-minütigen Nichtangriffspakt nach zweimaliger Spielunterbrechung ein starkes Zeichen gegen Hassbotschaften im Fußball. Alle Beteiligten machten unmissverständlich klar, dass aus ihrer Sicht im Fußballstadion kein Platz für solche Äußerungen sei.
"Das ist das hässliche Gesicht des Fußballs", sagte Bayerns Vorstandsvorsitzende Karl-Heinz Rummenigge schonungslos über Teile der eigenen Fans: "Ich schäme mich zutiefst - auch Dietmar Hopp gegenüber." Es sei "Zeit für ein Umdenken, mit aller Kraft, die der Fußball besitzt".
Dabei sprachen sich alle auch ganz klar gegen vergleichbare rassistische, antisemitische, homophobe oder sexistische Botschaften aus.
Ob sich beide Seiten in Hoffenheim bei einem engeren Spielstand als 6:0 zur gezeigten Geste verabredet hätten, darf aber zumindest infrage gestellt werden. Und: An ihrer Aktion müssen sich auch die Bayern bei vergleichbaren Fällen in Zukunft nun messen lassen. Sehr genau hinsehen muss man zudem, wie die Bayern, vornehmlich in Person von Vorstandsboss Rummenigge, nun weiter gegen die Verantwortlichen der Plakataktion von Hoffenheim vorgehen wird.
Den 64-Jährigen begleitet schließlich seit jeher ein eher ambivalentes Verhältnis zur aktiven Fanszene - beide Seiten gaben sich in der Vergangenheit gerne mal eine mit. Die Fans fühlen sich bisweilen nur gut genug, um in der Allianz Arena Stimmung zu machen und vorbildliche Choreografien - beispielsweise zum Gedenken des jüdischen Ex-Präsidenten Kurt Landauer - anzufertigen. Geht es um Mitspracherecht oder um Wahrung der Fanrechte, finden sie, so der Vorwurf, dagegen weniger Gehör.
Es gäbe bei der Betrachtung der Vorkommnisse von Hoffenheim "eine strafrechtliche Bewertung und eine zivilrechtliche", sagte Rummenigge am Montag bei "Bild.de" und ließ damit nichts Gutes erahnen - die zivilrechtliche läge beim FC Bayern. Heißt mal mindestens: Stadionverbote: Denn: "Wir wollen so etwas nie wieder sehen, das ist des FC Bayern unwürdig." Rummenigges Ankündigung "in aller Schärfe gegen die Verantwortlichen vorgehen" zu wollen, wo man "viel zu lange die Augen zugemacht" habe, lässt weitere Konflikte erahnen.
Was sich in Hoffenheim als "unmittelbare Reaktion zugetragen hat, mündete in einer absurden Handlungskette von realitätsferner und undifferenzierter Einordnung bis zu möglichen scheinheiligen Konsequenzen", prangerte "Red Fanatic München" an.
Der Ton wird von beiden Seiten wieder rauer. "Der Dialog hat bisher nicht dazu geführt, dass wir eine Lösung haben, die von den Ultras akzeptiert worden wäre", führte der Bayern-Boss am Montag an. Er habe "den Eindruck, dass wir in einer Einbahnstraße sind, in der die Klubs nur geben sollen. Es sind aus meiner Sicht Macht-Demonstrationen, man will dem Fußball, dem DFB und den Klubs zeigen, dass sie im Stadion die Macht haben."
Am Montag kündigte der Vorstandsvorsitzende zudem die Gründung einer Anti-Hass-Kommission an: "Wir können nicht zur Tagesordnung übergehen nach dem Vorfall von Sinsheim. Wir werden mit der Polizei kooperieren."
Dass Bayern sich so klar und deutlich auf die Seite von Dietmar Hopp und damit gegen den beleidigenden Teil der eigenen Fans stellte, ist natürlich nachzuvollziehen. Neben der völlig richtigen Ablehnung dieser Art von Beschimpfungen im Stadion ist aber auch festzuhalten, dass beide Seiten als Geschäftspartner auftreten.
So ist die "SAP SE" seit 2014 "Platin-Partner" der Bayern, was der zweiten Kategorie direkt unter den Anteilseignern "Adidas", "Audi", "Allianz" sowie des Hauptsponsors "Telekom" entspricht. Außerdem bauen beide Seiten gerade an einer Mehrzweckhalle in München namens "SAP Garden", die ab 2022 die Heimat der Basketballer des FC Bayern, aber auch der Eishockey-Mannschaft EHC Red Bull München sein wird.
Was will der DFB?
Während sich die DFL am Wochenende in Person von Geschäftsführer Christian Seifert um den Zustand der Fankultur in der Bundesliga besorgt zeigte und eine Verrohung der Sitten in den Bundesliga-Stadien beklagte ("Die permanenten Anfeindungen gegen Dietmar Hopp sind schon lange nicht mehr hinnehmbar und auf das Schärfste zu verurteilen"), will der DFB nun wieder für Recht und Ordnung in den deutschen Stadien sorgen.
"Jetzt muss durchgegriffen werden", forderte der neue DFB-Präsident Fritz Keller im "Aktuellen Sportstudio" und sprach von selektiver Fanauswahl: "Vereine müssen darüber nachdenken, welchen Fans sie die Tickets pauschal geben."
Selbst übergab der DFB die Deutungshoheit über zu beanstandende Diskriminierungen während des Spiels aber erstmal nur den Schiedsrichtern. Der Drei-Punkte-Plan der FIFA (grob skizziert: Unterbrechung/Durchsage - längere Spielunterbrechung - Abbruch), dem die Referees bei "diskriminierenden Vorfällen" ab dieser Saison entschlossener Folge leisten sollen, kann am Wochenende in Sinsheim, aber auch in Dortmund, Köln und Berlin zum Tragen, wenngleich er noch nicht bis zum Äußersten exerziert wurde.
Laut FIFA müsste eine Diskriminierung "auf der Grundlage von Rasse, Hautfarbe, ethnischer, nationaler oder sozialer Herkunft, Geschlecht, Behinderung, Sprache, Religion, politischer Ansichten, Einkommen, Geburt, sexueller Orientierung oder aller anderen Gründe" vorliegen (der Fall des Hoffenheimer Milliardärs betrifft hier also am ehesten "andere Gründe").
Dass sich der neue DFB-Präsident ungeachtet aller Skandale der Vergangenheit, sei es um die Vergabe der WM 2006 oder rassistische Vorfälle rund um die Nationalmannschaft (Stichwort: Mesut Özil), dazu hinreißen ließ, zu behaupten, man sei durch die Hopp-Proteste "am Tiefpunkt angekommen", verwunderte dann aber doch.
Auf konkrete, noch nicht vorhandene Maßnahmen gegen rassistische Äußerungen, wie zum Beispiel eine Melde-App, angesprochen, stammelte Keller, dass es Rassismus ja "in den Niederlanden und England schon länger als in Deutschland" gäbe.
Sollten sich Mannschaften im Fall von rassistischen Schmähungen gegen einzelne Spieler eigenmächtig und selbstbewusst dazu entschließen, vom Platz zu gehen, müsse man "mal sehen", meinte er nichtssagend. Der U16 der Hertha, die im Dezember ein Spiel gegen den VfB Auerbach selbstbewusst abbrach, war die Partie vor zwei Wochen als verloren gewertet worden, weil die Vorwürfe während des Spiels nicht korrekt angezeigt wurden (gleichzeitig leitete der NOFV aber sportgerichtliche Verfahren gegen den VfB Auerbach und zwei seiner Spieler ein).
Zum unglücklichen Bild des DFB passt, dass sein Integrationsbeauftragter, Jimmy Hartwig, erst vor kurzem zu den gehäuften rassistischen Vorfällen im deutschen Fußball auf Twitter schrieb: "Wenn ihr im Stadion seid und hört diese Rufe, dann geht auf diese Leute zu und sagt: Wir wollen Fußball schauen!" Tenor: Das soll die Kurve mal schön selbst klären.
Dass Keller die hochgeschaukelte Gemengelage um die Symbolfigur Hopp möglicherweise nicht in Gänze überblickt, machten weitere Aussagen im "Sportstudio" deutlich. So gebe Hopp doch "das ganze Vermögen für Sport, für soziale Projekte, für Medizin aus", werde aber dafür (!) "an den Pranger gestellt". Keller weiter: "Wo sind wir hingekommen in diesem Land? Was soll das?" Das ginge "nicht mehr, wir müssen ein Zeichen setzen gegen Hass und gegen Neid in dieser Gesellschaft".
Für viele verfestigte sich am Wochenende dadurch aber nur der Eindruck, der Deutsche Fußball-Bund könnte bei Beleidigungen des milliardenschweren Gründers seines Partners SAP im Vergleich zu anderen Diskriminierungen möglicherweise mit zweierlei Maß messen. Die Unioner "HammerHearts2004" merkten an, dass "der Einfluss gängiger Mäzene wie Dietmar Hopp und Dietrich Mateschitz groß genug zu sein" scheine, "um den Fußball auch weit über den Sport hinaus bis in die Fanszenen zu beeinflussen und das notfalls auch per angeblich unabhängiger Sportgerichtsbarkeit des DFB".
Oder, wie es "Red Fanatic München" ausdrückte:
Ob dem so ist, werden die nächsten Wochen zeigen. Ob der Drei-Punkte-Plan dann auch wirklich mal komplett durchgezogen wird, bleibt abzuwarten. Ebenso aufgrund welcher Art von Diskriminierung. Schalkes Sportvorstand Jochen Schneider sprach sich derweil schon am Wochenende für ein noch radikaleres Durchgreifen aus. Er halte den Drei-Punkte-Plan für wenig zielführend, erklärte Schneider, aus einem simplen Grund:
Um Störenfrieden nicht zweimal eine Plattform für ihre Proteste zu geben, brauche es vielleicht einen Ein-Stufen-Plan. Sein Vorschlag: "Ein Transparent – Spielabbruch!" Bisher machte der DFB aber eher den Eindruck, dass er vor dieser drastischen Maßnahme noch zurückschreckt. Aus welchen Motiven auch immer.
Das könnte Dich auch interessieren: Neue Freundin? Neymar zeigt sich erneut mit deutscher TV-Moderatorin
Ähnliche Themen
Werbung
Werbung
/origin-imgresizer.eurosport.com/2024/12/18/image-ec453673-a7e8-4c9b-a566-6689a5fb6276-68-310-310.jpeg)