90 Minuten, 3:3 - zwei zufriedene Mannschaften. Hat man nicht oft, am Samstagabend in München war's nach dem intensiven Spitzenspiel der Bundesliga zwischen dem FC Bayern München und RB Leipzig aber so.
"Es hat Riesenspaß gemacht", meinte Emil Forsberg, einer der Leipziger Torschützen: "Es war ein absolutes Top-Spiel mit zwei Mannschaften, die unbedingt gewinnen wollten. Es war geil auf dem Platz stehen zu dürfen. Für solche Spiele lebst du."
Vor dem Spiel hätten die Bayern an einem Remis sicher keine große Freude gehabt, nach zwei Rückständen mussten die Triple-Sieger aber mit der Verteidigung der Tabellenspitze bei gleichem Abstand auf Leipzig und Borussia Dortmund (1:1 bei Eintracht Frankfurt) leben.
Bundesliga
Bayern nach Remis gegen Leipzig in Sorge um Martínez und Boateng
05/12/2020 AM 20:41
"Wir müssen zufrieden sein", sagte Trainer Hans-Dieter Flick: "Wichtig ist, dass wir nicht verloren haben."
Drei Dinge, die uns beim Top-Spiel auffielen.

1. Flick vertut sich

Die Bayern hatten durch das sportlich bedeutungslose Champions-League-Spiel bei Atlético Madrid (1:1) unter der Woche einen Vorteil – schließlich konnten sich Manuel Neuer, Jérôme Boateng, Benjamin Pavard, Leon Goretzka, Kingsley Coman und Robert Lewandowski komplett erholen, Thomas Müller und Serge Gnabry kamen nur zu Kurzeinsätzen. Leipzig musste sich dagegen einen Tag später in Istanbul gehörig strecken (4:3).
Dieser Vorteil fiel am Samstag jedoch nicht auf. Die Gäste waren sogar lange das aktivere, bissigere Team und brachte Bayern in Nöte. "Kann hier mal einer die Verantwortung übernehmen?", rief Müller schon nach fünf Minuten gut hörbar über den Platz.

Flick nach Topspiel verärgert: "Tore zu leicht bekommen"

Flick, zuletzt von allen Seiten gelobt, zeigte mit seiner Startelf diesmal auch kein besonders gutes Händchen. Leroy Sané, dem Flick etwas überraschend erneut den Vorzug vor Gnabry gab, blieb komplett blass und war mit nur einer Ballaktion im RB-Strafraum an keiner Torchance der Bayern beteiligt.
Sanés Frustration brach im zweiten Durchgang auf, als er nach einem nicht punktgenauen Diagonalpass auf dem zentralen Mittelfeld über die Außenmikrofone gut hörbar "Das sind Drecksbälle, ey" vor sich hinbluffte. Nach 63 Minuten korrigierte Flick und wechselte Gnabry ein, der immerhin noch zweimal gen Tor feuerte.
Dass Flick indes David Alaba in Abwesenheit von Lucas Hernández (Oberschenkelprobleme) aus dem Zentrum nahm und links aufstellte, ging ebenfalls nicht auf. Defensiv durchaus zweikampfstark, setzte Alaba nicht die von Flick explizit gewünschten Offensivakzente: Der Österreicher hatte bei vier Flanken null Torschussbeteiligungen und lieferte mit 24 Ballverlusten mit Müller den Minuswert bei Bayern ab.
Noch schlimmer: Alabas Fehlen machte sich im Abwehrzentrum deutlich bemerkbar. So sah das Duo Süle/Boateng bei allen drei Gegentoren nicht gut aus - wenngleich sie freilich nicht die alleinige Schuld am sehr luftigen Abwehrverhalten der Münchner trugen.
Aus der Vogelperspektive stand Bayern beim ersten Gegentor offen im 3-2-2-3 auf dem Platz - Niklas Süle hob dann zu allem Überfluss in letzter Linie das Abseits auf, Manuel Neuer stürmte schlecht getimt aus seinem Kasten (19.).
Beim 2:2 (36.) standen alle Bayern mindestens zwei Meter vom Gegenspieler weg und Boateng hob das Abseits auf. Beim dritten Gegentor verhinderte derweil Pavard die Flanke von Angeliño nicht, in der Mitte kümmerten sich weder Boateng noch Süle um den eingelaufenen Forsberg (48.).
"Ich war unglaublich frei und fast selbst überrascht", schilderte der Torschütze bei "Sky". "So frei darf er nie zum Abschluss kommen", kritisierte Flick. Mit 16 Gegentoren in zehn Bundesligaspielen haben die Bayern damit aktuell nur die neunbeste Abwehr der Liga – ein eigentlich inakzeptabler Wert.

2. Lewandowski total abgemeldet

Wer immer noch an der Klasse der Leipziger Innenverteidiger Ibrahima Konaté und Dayot Upamecano gezweifelt hatte, darf sich nach dem 3:3 in München gerne die Werte eines gewissen Robert Lewandowski ansehen.
Der Bayern-Angreifer, dem Vernehmen nach bester Fußballer 2020 auf dem Planeten, wurde vom RB-Duo am Samstagabend bei nur einem Schuss aufs Tor gehalten. Sprich: Lewandowski war abgemeldet.
Der polnische Mittelstürmer tat sich extrem schwer, sich zwischen den Leipziger Innenverteidigern anzubieten. Bei 30 Ballkontakten gewann der 32-Jährige auch nur einen Bodenzweikampf und insgesamt nur vier von 14 direkten Duellen. Seine auffälligste Szene hatte Lewandowski, als er sich vor dem 2:1 ins Mittelfeld fallen ließ und Upamecano tunnelte.

Robert Lewandowski vom FC Bayern (Mitte)

Fotocredit: Getty Images

In "Abwesenheit" des Mittelstürmers mussten so Kingsley Coman und Thomas Müller die Kohlen für Bayern aus dem Feuer holen. Der seit seinem Siegtor im Champions-League-Finale vor Selbstvertrauen strotzende Coman bereitete gleich alle drei Bayern-Tore vor und steht damit nun bei zwölf Torbeteiligungen (5/7) in zwölf Pflichtspielen.
"Auf der Position gibt's wenige, die diese Qualität haben", lobte Flick: "Er ist sehr schnell, sehr trickreich, hat ein super Gefühl für den Raum. Das war klasse."
Müller erzielte derweil schon seinen zweiten Doppelpack diese Saison und liegt mit 18 Scorerpunkten (9/9) nur noch zwei hinter Topscorer Lewandowski (15/5).
Dennoch meinte der Bayer nach der Partie selbstkritisch: "Es war nicht alles perfekt, ich hatte zu viele Ballverluste. Es wäre auch bei mir persönlich deutlich mehr drin gewesen." Womit er Recht hatte: Vor dem 0:1 hatte Müller den Ball verloren.

3. Musiala steigt im Ranking

Erwähnt man Coman und Müller positiv auf Bayern-Seite, so muss man auch Jamal Musiala nennen. Der 17-Jährige wurde nach nur 25 Minuten für den am Oberschenkel verletzten Javi Martínez ins Zentrum des Bayern-Spiels geworfen und machte seine Sache insgesamt erneut überdurchschnittlich gut.
So traf der Deutsch-Engländer nur fünf Minuten später nach "Schieß!"-Befehl von Müller mit einem platzierten Rechtsschuss aus 20 Metern zum 1:1 - bereits sein drittes Tor im achten Bundesliga-Einsatz.
Auch an den anderen beiden Bayern-Toren war Musiala beteiligt. Vor Müllers 2:1 (34.) leitete er den Angriff ein, in dem er vertikal auf Vor-Vorbereiter Lewandowski passte. Bei Müller 3:2 war Musiala dann selbst der vorletzte Passgeber, indem er dynamisch rechts raus auf Coman passte.
In der Schlussphase hätte Musiala sogar noch das 4:3 erzielen können, schloss aber zweimal vor dem Leipziger Tor nicht kaltschnäuzig genug ab (85./86.).
Musiala habe sich auf einer Position behaupten müssen, "auf der wir am Anfang Probleme hatten", meinte Flick: "Das hat sich mit seiner Einwechslung ein bisschen geändert. Er hat das gezeigt, was er im Training anbietet. Deswegen war es auch keine große Überlegung, ihn reinzuschmeißen."

Musiala beeindruckt auch Nagelsmann: "Schwer zu greifen"

Musiala habe "befreit aufgespielt", so der Bayern-Trainer; er habe "immer wieder den Ball gefordert. Man muss sagen: Für 17 Jahre war das schon extrem reif."
Einzig Passquote (75 Prozent), Pressingresistenz und Physis sind weiter ausbaufähig, wenngleich Musiala gegen Leipzig fünf von sechs Zweikämpfen für sich entschied.
Fazit: Mit Auftritten wie diesen hat sich Musiala mit Flick in die "heavy rotation" gespielt und steht beispielsweise Douglas Costa in Sachen Einsatzminuten nur noch wenig nach.
So verdiente sich Musiala auch ein Lob von Leipzig-Coach Julian Nagelsmann: "Ein sehr großes Talent. Das Tor macht er super und er hat auch sonst sehr viele gute Aktionen gehabt. Er interpretiert die Position, die er von Martínez übernommen hat, sehr offensiv, macht das aber gut, ist sehr ballsicher. Er ist sehr schnell. Er hat jetzt keinen Megakörper, aber ist sehr flink, schwer zu greifen. Da werden sie noch ein paar Tage schöne Erlebnisse mit ihm haben."
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