Die Zukunft kam aufs Feld als in der Gegenwart schon längst alles zu spät war, als dieses EM-Achtelfinale gegen die von der Stimmung im Wembleystadion und ihrer eigenen Euphorie getragenen Engländer längst entschieden und bereits beinahe Vergangenheit war.
In der 92. Minute nahm Joachim Löw in seinem 198. und letzten Länderspiel, nach 15 Jahren im höchsten Amt der Trainergilde hierzulande, seinen letzten Spielerwechsel vor. Thomas Müller, das Sinnbild der erhofften Renaissance des Weltmeister-Spirits von 2014, musste in der Nachspielzeit den Platz verlassen. Das Küken des Teams, Spitzname Bambi, der 18-jährige Jamal Musiala, beim Triumph von Rio gerade einmal elf Jahre alt, durfte noch zwei Minuten mitmischen. Warum? Weil er in England gelebt und in Chelseas Jugend gespielt hat?
Beim 2:2 gegen Ungarn letzten Mittwoch, als Leon Goretzka mit seinem Ausgleichstreffer das Achtelfinal-Ticket gesichert hatte, war es Bayern-Profi Musiala, der mit seinem Dribbling samt Pass die Bahn frei gemacht hatte. Unbekümmert, leichtfüßig, frech. In den 120 Sekunden nach seiner Einwechslung gegen England konnte Musiala natürlich nichts mehr anrichten.
Fußball
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Zu späte Wechsel, zu wenig Risikobereitschaft, keinen Mut zur Systemumstellung, keine taktische Flexibilität – all das kann Hansi Flick ab September besser machen, wenn der ehemalige Mehr-Erfolg-geht-fast-nicht-Trainer des FC Bayern Löws Erbe antritt und der nächste Bundestrainer wird.

Die Spieler freuen sich auf Flick

Es ist Zeit für Veränderung, für einen neuen Ansatz, eine andere Herangehensweise. Für eine aktivere Spielweise ohne Abwarten und Vertrauen auf eigene, frühere Stärken. Dass Flick eine Mannschaft aus den verschiedensten Charakteren und Altersstufen einen und mitreißen kann, hat er mit seinen sieben Titeln in München inklusive der Krönung Champions-League-Triumph 2020 in Lissabon bewiesen. Fördern und fordern – das ist sein Credo. Aus Spielerkreisen ist zu hören, dass sie sich freuen auf den Neustart, auf den Reset unter Flick.

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Löw bekam es nicht hin, die Helden von Rio 2014, speziell die Rückkehrer Thomas Müller und Mats Hummels mit ihrer so talentierten Nachfolger-Generation um Havertz, Gnabry, Kimmich, Goretzka und Rüdiger zu einer geschmeidigen Einheit zu formen. Diese Nationalelf braucht frisches Blut und einen klaren Schwerpunkt: Nicht mehr nur Schwächen ausmerzen, sondern die Stärksten dort spielen lassen, wo sie am stärksten sind.

Kimmich zurück in die Mitte, Kroos in Rente?

Stichpunkt Joshua Kimmich, unter Löw Rechtsverteidiger in der Not mangels Klasse auf dieser Position: Flick wird auf seine frühere Bayern-Zentrale, den Maschinenraum mit Kimmich und Leon Goretzka, in der Zentrale setzen. Für den bei dieser EM teils trägen Ilkay Gündogan (30) wird es daher in Zukunft schwer, seinen Platz in der Startelf zu verteidigen.
Eine frische Alternative wäre Gladbachs Florian Neuhaus (24), von Löw in höchsten Tönen gelobt, aber keine Minute bei der EM eingesetzt. Und der 31-jährige Toni Kroos? Der Spielermacher von Real Madrid, immer noch ein wichtiger Ballverteiler und Rhythmusgeber, scheint über seinem Zenit. Geht es ums Pressing, um Umschaltmomente und das Einschalten des Turbos hat die personifizierte Passmaschine Defizite.

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Kroos könnte Flick einen großen Gefallen tun, indem er nun von sich aus zurücktritt und damit eine Debatte über seine Relevanz und Tauglichkeit für die Nationalelf mit Blick auf die Winter-WM 2022 in Katar verhindert. Was mit Abstrichen auch für Antreiber Müller gilt. Doch Flick ist Fan von Müller (31), seinem verlängerten Arm auf dem Platz.

Holt Flick etwa Boateng zurück?

Und wer weiß? Findet Innenverteidiger Jérôme Boateng (32), von Flick als Fußballer reanimiert, nach Ende seines Vertrages bei Bayern demnächst einen Verein, bei dem er auf hohem Niveau trainieren und regelmäßig spielen kann, dürfte ihm der neue Bundestrainer die Tür zur Rückkehr öffnen. Diese Tür wäre noch größer, wenn Mats Hummels (32), neben Müller der zweite unglückliche EM-Rückkehrer, keine Zukunft in der Nationalelf sehen würde. Über einen Rücktritt nach dem Kurzcomeback werde er "irgendwann in ein paar Wochen" nachdenken, so Hummels in London: "Das Turnier muss ich jetzt alles in allem leider als Enttäuschung abhaken."
Wie im Grunde die gesamte Offensive, abgesehen von Kai Havertz, der neben seinen zwei Toren (von lediglich vier DFB-Turniertreffern insgesamt, zwei Mal halfen die Portugiesen mit Eigentoren aus) auch in London die meiste Torgefahr ausstrahlte und die besten Chancen hatte bzw. einleitete. Um den talentiertesten Angreifer seiner Altersklasse herum wird Flick die Offensive aufbauen und versuchen, den zuletzt rätselhaft schwachen Serge Gnabry wieder in die Spur bekommen.
Bei Timo Werner muss erneut Trainer Thomas Tuchel beim FC Chelsea Aufbauarbeit leisten, dasselbe gilt für Leroy Sané. Kann Julian Nagelsmann das Supertalent erreichen und ihn zu einem anderen, aggressiveren, extrovertierteren Spieler mit positiverer Ausstrahlung machen? Pep Guardiola, Jogi Löw und teils auch Flick bei Bayern sind an dieser Aufgabe gescheitert.

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Wirtz & Co. gehört die Zukunft

Oldie Manuel Neuer (35) hatte bereits vor dem Turnier erklärt, unter Flick weitermachen zu wollen. Der Torhüter ist für den neuen Bundestrainer eine tragende Säule und in der neuen DFB-Ära ein wichtiger Fixpunkt für das Küken, für Musiala. Anders als Sané ist er kein Versprechen auf die Zukunft, sondern eine echte Hoffnung. Aus dem Team der U21-Europameister von Trainer Stefan Kuntz könnten Rechtsverteidiger Ridle Baku (23), Offensivallrounder Florian Wirtz (18) sowie Mittelstürmer Lukas Nmecha (22) in Flicks Kader aufrücken.
Los, Hansi, den Mutigen gehört die Welt.
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