Nordische Ski-WM 2025 - Anzugaffäre überschattet Wintersport-Festspiele in Trondheim: "Das, was jetzt hängen bleibt"

Der Anzugskandal um die Norweger Marius Lindvik und Johann André Forfang bei der Nordischen Ski-WM in Trondheim hält die Skisprungwelt in Atem. DSV-Sportdirektor Horst Hüttel poltert gegen die WM-Gastgeber und den Weltverband FIS. Die Affäre rund um das Männer-Einzel von der Großschanze droht zunehmend zur bestimmenden Geschichte einer ansonsten beeindruckenden Weltmeisterschaft zu werden.

DSV-Boss poltert gegen Norwegen: "Muss vorsichtig sein"

Quelle: Eurosport

Horst Hüttel war in Rage. "Der Andi Wellinger wäre vielleicht Weltmeister - vielleicht. Das ist genau das, was jetzt hängen bleibt. Das ist sehr, sehr bitter", schimpfte der Skisprung-Sportdirektor des Deutschen Skiverbandes im Gespräch mit Eurosport.
Der Ärger des früheren Kombinierers war sogar so groß, dass er hinterher schob: "Ich habe noch keine Chance gehabt, mit den Sportlern zu sprechen, wie die jetzt miteinander umgehen. Wir sind so etwas wie eine geschlossene Familie, die vier Monate am Stück unterwegs ist. Da wird man sehen, welche Auswirkungen diese Geschichte hat."
Die Geschichte, von der Hüttel sprach, hat nicht nur das Potenzial den Haussegen im internationalen Skisprung-Tross zu gefährden, sondern sie bedroht auch das Image des Sports und überschattet eine Nordische Ski-WM in Trondheim, die dank der großartigen Stimmung an den Wettkampfstätten schon in eine Reihe mit den legendären Olympischen Winterspielen von Lillehammer 1994 gestellt wurde.
Der Auslöser der Hüttelschen Tirade wirkt für den Laien zunächst vielleicht trivial: In den Stunden vor dem Einzel von der Granaasen-Großschanze am Samstag waren heimlich aufgenommene Videos aus dem Quartier des norwegischen Springer-Teams aufgetaucht.
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Highlights: Die denkwürdige Entscheidung von der Großschanze

Quelle: Eurosport

Protest von drei Nationen

Darin ist zu sehen, wie ein Betreuer im Beisein von Cheftrainer Magnus Brevig an Anzügen arbeitet, wobei er etwas in einen Saum einzunähen scheint. Eine Änderung? Ja. Aber eine Verbesserung?
Die Konkurrenz aus Österreich, Slowenien und Polen sah darin jedenfalls keine triviale Maßnahme, sondern viel mehr den Versuch der unerlaubten Vorteilnahme und reichte im Laufe des ersten Durchgangs Protest gegen die Wertung aller vier Starter der WM-Gastgebernation ein.
Der Einspruch wurde von der FIS abgewiesen, auch wenn Kristoffer Eriksen Sundal für das Finale aufgrund eines zu großen Anzuges disqualifiziert wurde.
Nach dem Ende des Springens gab es zwar keinen Lokalmatador als Weltmeister, aber Marius Lindvik, der von der Normalschanze noch Gold vor Andreas Wellinger gewonnen hatte, belegte den Silberrang und sein Teamkollege Johann André Forfang Platz vier.

Lindvik und Forfang disqualifiziert

Noch vor der Siegerehrung gab die FIS allerdings die Disqualifikation von Lindvik und Forfang bekannt. Renndirektor Sandro Pertile erklärte gegenüber Eurosport, dass "die Nähte der Anzüge mit extra Material" präpariert worden seien, welches für "mehr Spannung" gesorgt und den Springern "eine bessere Leistung" ermöglicht hätte.
Der Italiener wollte zwar keine Betrugsvorwürfe erheben, doch auch er gab zu, dass der Vorgang "kein guter Moment" gewesen sei und kündigte an, "in Zukunft noch besser arbeiten" zu wollen.
DSV-Boss Hüttel beruhigten die Aussagen kaum. "Ich muss ganz persönlich sagen, dass es an der Zeit wäre, dass die FIS mal mit den Verantwortlichen von Norwegen spricht", forderte der 56-Jährige bei Eurosport und legte nach.
"Wenn man sieht, was in den letzten Wochen vorgekommen ist. Bei den Damen-Skispringen eine Midtskogen zweimal in Folge disqualifiziert, et cetera, et cetera. Ein Graabak oder jetzt heute hier. Und sie stellen sich immer hier her als Winterwundernation und machen dann solche Sachen."

Hüttel wittert System

Aussagen, die einem Erdbeben im sonst eher ruhigen Wintersport gleichen. Zumal Hüttel seine Vorwürfe in der "ARD" noch einmal konkretisierte und sogar von "systematischen" Verhaltensweisen im norwegischen Verband sprach.
In der Tat hatte bereits am Freitag die Disqualifikation des Norwegers Jörgen Graabak im Skispringen bei der Männer-Staffel der Nordischen Kombinierer wegen einer irregulären Bindung für Stirnrunzeln gesorgt.
Der zuständige Sportdirektor der FIS Lasse Ottesen hatte bei Eurosport zu dem Fall erklärt: "Unglücklicherweise für Norwegen, für Jörgen, für den Sport waren die Bindungen nicht innerhalb der Regularien. Das bedeutet: Irgendjemand hat diese Bindung manipuliert. Das ist nicht in Ordnung. Die Bindung muss symmetrisch sein. Das war nicht der Fall."
Auch die von Hüttel angeführte 17-jährige Ingvild Synnöve Midtskogen war im laufenden Winter bereits zweimal wegen irregulären Anzügen von Wettbewerben ausgeschlossen worden: einmal bei der Qualifikation des Weltcups in Engelberg und einmal beim WM-Springen von Normalschanze vor wenigen Tagen.
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FIS-Renndirektor Pertile zu Norweger-Eklat: "Kein guter Moment"

Quelle: Eurosport

Norweger wehren sich gegen Vorwürfe

Ob Aneinanderreihung von Einzelfällen oder Muster: Das Bild, das der norwegische Verband abgibt, ist jedenfalls fatal. Von der Rekord-Weltmeisterschaft von Langläufer Johannes Hösflot Kläbo mit sechs Goldmedaillen spricht plötzlich niemand mehr. Stattdessen richten sich alle Augen auf die nun skandalumwitterte Skisprungsparte.
Bei den WM-Gastgebern wies man die Vorwürfe von sich. Cheftrainer Brevig gab zwar "einen Regelverstoß" zu, aber Sportdirektor Jan Erik Aalbu wehrte sich gegen die Unterstellung bewussten Fehlverhaltens: "Es hat sich nicht um Manipulation des Anzugs gehandelt. Das ist kein Betrug, das ist kein Doping."
Wirklich überzeugend wirkt Aalbus Aussage aber nicht, zumal seine Organisation nach dem Auftauchen der Videos zunächst jeglichen Zusammenhang mit dem WM-Springen geleugnet und erklärt hatte, dass man bereits Equipment für den anstehenden Weltcup in Olso vorbereitet habe.
Für Hüttel hat allerdings auch der Weltverband eine Mitverantwortung für das Chaos: "Wenn irgendwo eine Tür aufgelassen wird, ist der Leistungssport natürlich brutal. Da muss man einfach schauen, dass alle Türen zu sind und die FIS als Regelhüterin von Anfang an klar agiert. Das haben sie eigentlich über einen langen Zeitraum gemacht. Aber gefühlt - ich muss vorsichtig sein, wie ich das formuliere - in den letzten Wochen eher weniger."

Bitteres Ende in Trondheim

Er denke, dass weniger strenge Krontollen "manche kreative Leute" dazu brächten, "weiterzudenken und das sollte man eben unterbinden", forderte der DSV-Funktionär.
Was von der Anzugsaffäre in Trondheim letztlich bleibt, ist ein bitterer Nachgeschmack. Einerseits aus deutscher Sicht, weil Lindivks Sieg von der Normalschanze Wellinger die Gold- und den viertplatzierten Karl Geiger die Bronzemedaille gekostet hatte.
Andererseits ist aber auch aus einer übergeordneten Perspektive die Erinnerung an die anderthalbwöchige Feier des Nordischen Wintersports beinahe ausradiert.
Das musste auch Brevig eingestehen, der sich für den Eklat vor der internationalen Presse entschuldigte: "Es tut uns leid, dass für den norwegischen Skisport so gute Weltmeisterschaften so enden."
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Vierte WM-Medaille: Hörl nach Silber überglücklich

Quelle: Eurosport


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