Alexander Zverev wurde bereits als kommende Nummer eins gehandelt. Hätte der Hamburger im Januar die Australian Open gewonnen, wäre er an der Spitze der Weltrangliste gestanden.
Es kam bekanntlich anders. Anstelle großer Erfolge pflasterten Enttäuschungen Zverevs Weg. Viertelfinal-Aus in Melbourne, Finalpleite in Montpellier, Ausraster und Disqualifikation in Acapulco, schwache Auftritte bei den Masters-Wettbewerben von Indian Wells und Miami.
"Sascha war eine Woche davon entfernt, die Nummer eins zu werden. Jetzt ist er ganz woanders. Ich glaube, emotional war das für ihn ein Schritt nach hinten. Das hat er gespürt", erklärt Eurosport-Experte Boris Becker, der im September 1991 also bis dato letzter deutscher Profi Platz eins im ATP-Ranking belegte.
ATP Acapulco
Ehemalige Wimbledon-Siegerin kritisiert Zverev-Strafe für Ausraster
UPDATE 09/04/2022 UM 15:32 UHR
Neben den schwachen Ergebnissen sieht Becker auch im Eklat von Acapulco einen Grund dafür, weshalb der 24-Jährige seinen Rhythmus noch immer nicht gefunden hat.
"Das wirft einen natürlich wieder ganz nach hinten. Bis man da wieder die innere Ruhe und auch die Form hat - das dauert", so der sechsfache Grand-Slam-Turniersieger im Eurosport-Podcast Das Gelbe vom Ball.

Becker kritisiert Zverevs "Mannschaftskameraden"

Zverev hatte in Acapulco nach der Achtelfinal-Niederlage im Doppel mehrfach mit seinem Racket auf den Stuhl von Schiedsrichter Alessandro Germani eingeschlagen. Dass es neben der Disqualifikation in Acapulco "nur" eine Geldstrafe und keine Sperre gab, sorgte für heftige Kontroversen in der Szene.

Braucht es Sperren nach Ausrastern der Stars? Das sagt Becker

Becker hält Zverevs Fehlverhalten für einen Fehler. Allerdings stößt dem 54-Jährigen sauer auf, dass Konkurrenten wie Rafael Nadal oder auch Casper Ruud sich dazu berufen fühlten, den Deutschen öffentlich zu maßregeln. "Es wurden zwar hohe Geldstrafen verhängt, aber für einige dieser Spieler scheint das keine Rolle zu spielen", betonte der norwegische Shootingstar im Eurosport-Interview und bezog sich dabei neben Zverev auch auf die Verfehlungen von Daniil Medvedev oder Nick Kyrgios.
"Was ich überhaupt nicht gut finde, ist, wenn andere Spieler das kritisieren. Da muss jeder wirklich bei sich bleiben und in den Spiegel gucken. Wir sind alle nicht perfekt, jeder rastet mal aus und das macht man einfach nicht", moniert Becker. Aus seiner Sicht seien "Tennisspieler auch Mannschaftskameraden" und da "sollte man Fehlverhalten von anderen wirklich nicht öffentlich kommentieren. Ich finde das falsch."

Becker über Zverev: "Der Druck ist so ein bisschen weg"

Zverev hat nun das große Projekt vor der Brust, im Angesicht schwacher Form und öffentlicher Kritik zurück in die Spur zu finden. Eine Aufgabe, die absolut machbar ist, wie Becker erklärt. "Das Gute ist, dass er sich auch auf Sand sehr wohl fühlt und jetzt alle Chancen hat. Der Druck ist so ein bisschen weg. Ich glaube, die Erwartungshaltung bei ihm und bei den Tennis-Experten ist jetzt nicht, dass er einer der Favoriten für den nächsten großen Turniersieg ist." Diese Ausgangslage könne Zverev helfen, seine Form konstant aufzubauen.
Denn: Der Hamburger ist noch immer die Nummer drei des Rankings, bei den anstehenden Masters und den French Open im Mai ist er hoch gesetzt. Vor Zverev liege aber nicht nur physische, sondern auch psychische Arbeit. "Sascha ist alt genug, er ist schlau genug, er ist talentiert genug. Durch solche Täler geht man im Sport. Es geht nicht immer nur besser, höher und weiter. Man hat manchmal eine Krise und macht einen Schritt zurück", erläutert Becker. Wichtig sei es nun, "das zu erkennen, ehrlich mit sich umzugehen und auch das Umfeld zu verbessern oder zu verändern".

Becker: Vater hat Zverev in schweren Phasen gefehlt

Erste Schritte hat Zverev in dieser Hinsicht bereits unternommen. In Miami arbeitete er mit dem zweimaligen Roland-Garros-Champion Sergi Bruguera zusammen. "Er wird ihm auf Sand gut tun", lobt Becker den Schritt, auf der Trainerposition Neues zu versuchen. Ein wichtiger Faktor sei überdies der Gesundheitszustand von Vater Alexander Zverev senior, der seinen Sohn von Kindesbeinen an trainiert und zum Topspieler gemacht hat. "Wie geht es ihm? Ist er wieder dabei? Ich glaube, er hat ihm in diesen Krisenmomenten Anfang des Jahres ein bisschen gefehlt", unterstreicht Becker. Im Zverev-Lager müsse "wieder ein homogenes Team zusammenwachsen. Davon profitiert dann auch Sascha."

Zverev peilt Coup an: "Einziges Masters auf Sand, das mir noch fehlt"

Die erste Möglichkeit, dem Jahr auf dem roten Belag eine positive Wendung zu geben, hat Zverev in seiner Wahlheimat Monaco, wo er beim Masters im Monte-Carlo Country Club gegen Federico Delbonis ins Turnier startet. Es ist das einzige der drei Sandplatz-Masters, die er noch nicht gewonnen hat.
Zunächst aber geht es darum, "wieder die Form zu erarbeiten und zu erspielen", mahnt Becker. Gelingt das, traut Deutschlands Tennis-Legende seinem Nachfolger sogar den ganz großen Wurf zu. Wenn Zverev seine "Topform" auf Sand erreiche, könne er "vielleicht sogar Paris gewinnen".
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