Djokovic, Medvedev, Zverev und dann? Diese Kandidaten eröffnen die Jagd auf die "neuen" Big 4
Alexander Zverev hat sich mit seinem jüngsten Triumph bei den ATP Finals in Turin endgültig im Kreise der besten drei Tennisspieler der Welt etabliert. Hinter ihm sowie Novak Djokovic und Daniil Medvedev befinden sich etliche Profis in Lauerstellung. Dazu zählen sowohl einige Etablierte als auch drei Youngster. Wer kann dem aktuellen Top-Trio in naher Zukunft gefährlich werden?
Rafael Nadal, Jannik Sinner und Matteo Berrettini
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Spätestens seit Alexander Zverevs eindrucksvollem Sieg bei den ATP Finals in Turin sind sich die Experten weitestgehend einig: Deutschlands Nummer eins sowie Novak Djokovic und Daniil Medvedev sind derzeit das Maß aller Dinge, bewegen sich seit Sommer dieses Jahres nahezu auf einem Niveau.
Zverev bezwang Djokovic im Halbfinale der Olympischen Spiele und zuletzt im Halbfinale der ATP Finals, der Serbe wiederum schlug Zverev in der Runde der letzten Vier bei den US Open.
Medvedev zerstörte seinerseits Djokovics Traum vom Grand Slam in Flushing Meadows, verlor gegen den Djoker aber Anfang November im Finale des Paris Masters. In zwei Duellen mit Zverev ging er in diesem Kalenderjahr zunächst als Sieger hervor, ehe er dem Hamburger in Turin in zwei Sätzen unterlag.
Aufgrund der Erfahrungen, dass innerhalb der Top-Gruppe ganz offensichtlich jeder der drei imstande ist, die jeweils anderen beiden zu besiegen, erklärte Boris Becker im Gespräch mit Eurosport: "Meiner Meinung nach spielen Daniil und Sascha gemeinsam mit Novak um Platz eins im nächsten Jahr." Davis-Cup-Teamchef Patrik Kühnen stufte einen Zverev-Angriff auf den Platz an der Tennis-Sonne in seiner "Sky"-Kolumne ebenfalls als realistisch ein.
Zverev selbst bestätigte kurz nach dem zweiten Finals-Triumph nach 2018, dass er die begehrte Spitzenposition und den ersten Grand-Slam-Titel seiner Karriere im kommenden Jahr ins Visier nehme. Um dieses Vorhaben in die Tat umzusetzen, werde er "alles tun" und sich den "Arsch aufreißen".
Mischa Zverev: "Man darf Tsitsipas nicht vergessen"
Doch hinter Djokovic, Medvedev und Zverev, die entsprechend ihrer starken Leistungen auf den Weltranglisten-Plätzen eins bis drei rangieren, bringen sich aktuell etliche weitere Profis in Stellung, um in Anlehnung an die Tradition der einstigen Big 4, namentlich Djokovic, Roger Federer, Rafael Nadal und Andy Murray, ihren Hut in den Ring zu werfen.
Wer sind die Kandidaten?
Zverevs Bruder Mischa ist der Meinung, dass künftig vor allem Stefanos Tsitsipas mitmischen dürfte. "Man darf Tsitsipas nicht vergessen", sagte er im Eurosport-Interview und ergänzte: "Er war bis zum Halbjahr unglaublich stark. Aus meiner Sicht sind die neuen Top Four Djokovic, Medvedev, Zverev und Tsitsipas. Das ist nur mein Gefühl, das kann sich natürlich noch ändern."
Tatsächlich standen nach den ersten sechs Monaten dieses Jahres zwei Titel für Tsitsipas zu Buche, der Grieche gewann sowohl das ATP-250-er-Event von Lyon als auch das Masters von Monte-Carlo, zudem erreichte er bei den ATP-500-Turnieren von Acapulco und Barcelona sowie bei den French Open das Endspiel.
Seit Juli ist der 23-Jährige jedoch auf der Suche nach seiner Form: In Wimbledon war nach der ersten Runde Schluss, bei den US Open scheiterte er bereits in Runde drei am 18 Jahre alten Talent Carlos Alcaraz, hinzu kamen enttäuschende Auftritte in Indian Wells und Wien. Dass es in der zweiten Jahreshälfte bergab ging, könnte auch mit einer Verletzung zusammenhängen.
Ellenbogen-Verletzung bei Tsitsipas
Schon seit geraumer Zeit kämpft Tsitsipas eigenen Angaben zufolge mit Schmerzen im Ellenbogen. Probleme, die dazu führten, dass er die Finals vorzeitig abbrechen musste. "Die Ellenbogenverletzung hat mich schon mehrere Wochen begleitet", gab Tsitsipas via Twitter bekannt. "Es ist für mich eine wirklich schwierige Entscheidung, ich habe das ganze Jahr hart gearbeitet, um die ATP Finals zu spielen und Teil dieses tollen Events zu sein, aber leider kann ich nicht weiterspielen."
Grundsätzlich wäre er prädestiniert für die Rolle des ersten Jägers auf die Top 3. Tsitsipas bringt körperlich und spielerisch alle Anlagen mit, um sich langfristig in der Weltspitze zu festigen: Schnelligkeit, gute Schläge von der Grundlinie, eine starke Vorhand, eine filigrane Rückhand und einen hervorragenden Aufschlag.
Ähnlich wie in Zverevs Fall fehlt dem gebürtigen Athener noch ein Grand-Slam-Titel im Trophäenschrank, er ist aber aufgrund seiner Fähigkeiten und seines Alters sicherlich in der Lage, dies im Laufe seiner Karriere noch nachzuholen. Einzig besagte Ellenbogenverletzung trübt die Aussicht derzeit etwas. Am Donnerstag meldete sich Tsitsipas nach überstandener Operation aus dem Krankenhaus.
Immerhin: Eine allzu lange Ausfallzeit scheint ihm nicht zu drohen. Er wolle schon in zwei Wochen zurück auf dem Trainingsplatz sein, teilte er via Social Media mit.
Rublev und Berrettini lauern
Neben Tsitsipas hat Mischa Zverev aber noch weitere Spieler auf dem Zettel, die im kommenden Jahr oben angreifen könnten. "Ich glaube auch, dass auch jemand wie Andrey Rublev die anderen Spieler ärgern könnte", sagte er. Der Russe, der im Vorjahr satte fünf Trophäen eingeheimst hatte, gewann 2021 zwar "nur" ein Turnier (ATP 500 in Rotterdam), verbuchte aber drei weitere Finalteilnahmen (Cincinnati, Halle, Monte-Carlo).
Rublev, derzeit auf Platz fünf der Weltrangliste, gilt als aggressiver und unangenehmer Gegner, mit 24 Jahren besitzt er selbstredend noch Entwicklungspotenzial. Er dürfte, wie von Mischa Zverev prophezeit, stets in der Lage sein, für Überraschungen zu sorgen - mit Blick auf die Spitzenplätze könnte es jedoch schwierig für den Moskauer werden.
Ebenfalls in Lauerstellung ist Matteo Berrettini. Der Italiener, der bei den ATP Finals unter Tränen gegen Zverev aufgeben musste, blickt insgesamt auf ein erfolgreiches Jahr zurück. Der Höhepunkt für den Rasenspezialisten aus Rom: der Wimbledon-Finaleinzug im Juli.
Mats Wilander, selbst siebenmaliger Grand-Slam-Champion, zeigte sich damals bei "Ubitennis" begeistert über die Leistungen des 25-Jährigen: "Er ist ein sehr cooler Spieler, er kann einer der besten Spieler der Welt werden und ich bin mir sicher, dass er einen Grand-Slam-Titel holen wird."
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Matteo Berrettini
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Auch Becker schwärmte vom "italienischen Hengst". Der dreimalige Wimbledon-Sieger erklärte im Vorfeld des Endspiels zwischen Berrettini und Djokovic: "Ich mag den Aufschlag, die Kraft, das Spiel. Ich mag seine Persönlichkeit und denke, er ist mental bereit, in seinem ersten Finale zu stehen."
Favorit Djokovic behielt an der Church Road letztlich nach vier Sätzen die Oberhand (6:7, 6:4, 6:4, 6:3), dennoch hatte Berrettini eindrucksvoll unter Beweis gestellt, dass er - vor allem auf seinem Lieblingsbelag - im Konzert der Großen mitspielen kann.
Wartet er künftig auch noch mit der obligatorischen Konstanz auf, ist auch er ein Kandidat für die Big 4.
Nadal und Thiem - die großen Fragezeichen
Zwei Spieler, die schon länger nicht mehr auf dem Platz für Furore sorgten, aber in der nächsten Saison wieder durchstarten wollen, sind Nadal und Dominic Thiem. Der Spanier bestritt im August gegen den Südafrikaner Lloyd Harris (4:6, 6:1, 4:6) sein bis dato letztes Spiel. Im Anschluss zog er wegen anhaltender Fußprobleme seine Teilnahme bei den US Open zurück.
Zuvor hatte der Sandplatzkönig wegen der chronischen Blessur schon für die Olympischen Spiele und Wimbledon abgesagt. Aller Voraussicht nach wird der mittlerweile 35-Jährige noch in diesem Jahr sein Comeback geben.
Das kündigte Nadal zumindest Anfang des Monats an: "Mein Plan ist es, im Dezember in Abu Dhabi zu spielen, dann ein Turnier vor Australien und dann die Australian Open", sagte er bei einem Sponsorentermin in Paris. Er schob nach: "Das ist mein Ziel. Wir arbeiten hart daran, es zu verwirklichen."
Die Tennis-Welt wird mit Interesse verfolgen, wie schnell Nadal nach seiner langen Pause in die Spur findet. "Man muss abwarten, wie es mit Nadal weitergeht", sagte Mischa Zverev bei Eurosport. "Kommt er zurück oder nicht? Wie spielt er die Sandplatz-Saison?" Viele Fragezeichen.
Apropos Fragezeichen: Thiems letztes Spiel datiert vom Juni. Dem US-Open-Sieger von 2020 hatte seitdem ein Einriss in der Sehnenscheide und der dazugehörigen Gelenkkapsel zu Schaffen gemacht, zudem sprach er zu Beginn des Jahres auch offen über mentale Probleme. Nach seinem Coup vor mehr als einem Jahr in New York, wo er Kumpel Zverev in einem Fünfsatz-Krimi niedergerungen und seinen ersten Grand-Slam-Titel eingetütet hatte, blieben die Erfolge aus.
Nach langer Pause: Thiem kündigt Comeback an
Nun fühlt sich der Österreicher offenbar bereit für eine Rückkehr auf den Court. Wie Nadal wird auch er bei den Mubadala World Tennis Championship in Abu Dhabi sein Comeback feiern. Das Einladungsturnier käme laut Thiem "zu einem perfekten Zeitpunkt" und biete "das perfekte Umfeld, um mein Comeback fortzusetzen und gegen die Top-Jungs auf der Tour zu spielen".
Thiem war vor anderthalb nicht nur nah dran an den Top 3, sondern belegte zwischenzeitlich jenen Rang, der nun von Zverev besetzt ist. Während seiner monatelangen Zwangspause musste er mit ansehen, wie etliche Kontrahenten an ihm vorbeizogen, es wird nun darauf ankommen, dass der 28-Jährige zunächst schmerzfrei bleibt und zu alter Stärke findet. Dies dürfte allerdings noch einige Zeit in Anspruch nehmen. Abschreiben sollte man den "Dominator" dennoch nicht.
Freilich machen nicht nur die Arrivierten Jagd auf die aktuellen Big 3. Einige Youngster, die in diesem Jahr für Furore sorgten, brennen darauf, den nächsten Schritt zu machen.
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Dominic Thiem plant für Dezember sein Comeback
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Ruud: "War ein großartiges Jahr für mich"
Allen voran Casper Ruud stellte sein Potenzial unter Beweis, der Norweger gewann gleich fünf ATP-250-Turniere und sicherte sich einen Platz bei den ATP Finals in Turin, wo er die Gruppenphase nach Siegen über Tsitsipas-Ersatzmann Cameron Norrie (1:6, 6:3, 6:4) und Rublev (2:6, 7:5, 7:6) die Gruppenphase überstand und erst im Halbfinale gegen Medvedev die Segel streichen musste.
"Es war ein großartiges Jahr für mich und meine Entwicklung als Tennisspieler", sagte der 22-Jährige im Nachgang. Ruud führte aus: "Meine Gegner besser kennenzulernen und dieses Turnier hier zu spielen, war eine großartige Erfahrung."
Eine Kampfansage hielt er gleich auch noch bereit: "Ich habe das perfekte Feedback bekommen, was ich verbessern muss, um es mit den Top-Spielern im nächsten Jahr aufzunehmen. Ich habe in dieser Woche gegen die Nummer eins und zwei der Welt gespielt und deutlich verloren. Ich möchte mich revanchieren und nächstes Jahr ein besserer Spieler werden."
Aktuell ist Ruud Weltranglisten-Achter, der mit 1,83 Metern verhältnismäßig kleine Skandinavier kommt über eine kraftvolle Vorhand und besitzt die Fähigkeit, das Spiel zu lesen, um zielgerichtet in die Offensive zu gehen. Perfektioniert er seine Stärken und arbeitet konkret an seinen Schwächen (zu zaghafte Rückhand, Netzspiel), darf er auf eine große Zukunft hoffen.
Becker schwärmt von Sinner: "Halte auf ihn ganz große Stücke"
Vielversprechende Ansätze zeigten in dieser Spielzeit außerdem die beiden Top-Talente Jannik Sinner und Félix Auger-Aliassime. Sinner, der für seinen verletzten Landsmann Berrettini bei den ATP Finals einsprang und prompt Hubert Hurkacz in zwei Sätzen abfertigte (6:2, 6:2), bevor er Medvedev an den Rande einer Niederlage brachte (0:6, 7:6, 6:7), gewann auf der Tour vier Turniere (Antwerpen, Sofia, Washington und die Great Ocean Open von Melbourne), beim Masters in Miami musste er sich im Endspiel Hurkacz geschlagen geben.
Bereits im vergangenen Jahr hatte Sinner für Begeisterung gesorgt und war zu einem der größten Versprechen des Tennissports avanciert: "Ich halte auf ihn auf ganz große Stücke. Für mich ist er ein zukünftiger Top-Ten-Spieler, vielleicht wird er noch besser. Er gefällt mir sehr gut, er ist sehr klar im Kopf, sehr ruhig. Er ist nicht überdreht, obwohl er als nächster Superstar gehandelt wird, sondern bleibt auf dem Boden."
Beckers Vorahnung bezüglich der Top-Ten-Platzierung hat sich schon einmal bewahrheitet. Mit erst 20 Jahren hat sich Sinner auf Platz zehn in der Weltrangliste eingereiht, nach oben scheinen für ihn kaum Grenzen gesetzt.
"Leidtragender" des Sinner-Aufstiegs ist indes Auger-Aliassime. Der junge Kanadier (21) musste seinen Platz in den Top Ten nach Sinners Finals-Sieg über Hurkacz räumen. Er wird es mit Fassung tragen, immerhin wusste er insbesondere in der zweiten Jahreshälfte mit seinen Darbietungen bei großen Turnieren zu gefallen. In Wimbledon wuchs er gegen Zverev über sich hinaus, bescherte dem Deutschen das Aus im Achtelfinale, bei den US Open war nach einem - zugegebenermaßen - deutlichen 4:6, 6:7, 2:6 gegen Medvedev erst im Halbfinale Endstation.
"Ich für meinen Teil bin zufrieden mit den Fortschritten, die ich in diesem Jahr gemacht habe und wo mein Niveau ist", wurde er kürzlich von der ATP-Webseite zitiert. Auger-Aliassime ist technisch versiert, kann auf ein breites Potpourri an Schlägen zurückgreifen. Er verfügt eine kräftige Vorhand, aus der eine potenziell offensive Spielweise resultiert.
Der kurzzeitige Sprung unter die zehn besten Spieler der Welt wird mutmaßlich nur ein Zwischenschritt auf Auger-Aliassimes Weg nach oben sein.
Federer: Von Wundern und Überraschungen
Dem Tennis steht eine neue Ära bevor, die jahrelange Dominanz von Djokovic, Nadal und Federer neigt sich unabänderlich ihrem Ende entgegen. Während der 34-jährige Djokovic nach wie vor voll im Saft steht, sehen sich Nadal und Federer immer wieder mit gesundheitlichen Komplikationen konfrontiert. Hat der Mallorquiner immerhin die Chance, zeitnah wieder anzugreifen, sind die Anzeichen auf eine Renaissance des Schweizers eher dunklerer Natur.
Er selbst spricht mittlerweile von einem "Wunder", sollte er noch einmal auf höchstem Niveau zurückkommen, eine Wimbledon-Teilnahme im kommenden Jahr würde ihn nach seiner dritten Knie-Operation "überraschen".
Aussagen, die jedem Tennis-Romantiker Schmerzen bereiten und vor Augen führen, dass alles vergänglich ist. Selbst die Vorherrschaft der ewigen Drei.
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